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Leserbriefe:Verfall ist nicht hinnehmbar

Meinungen zum Aus für die Kulturkneipe "Abseits"

Kneipengänger haben im Freisinger "Abseits" seit vier Jahren keinen Zugang mehr und das wird wohl auch so bleiben. Das Gebäude soll saniert und in Wohnungen und Büros umfunktioniert werden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zum Bericht "Abseits-Kauf geplatzt" in der Freisinger SZ vom 8./9. Februar:

Am 29. August 2014 feierte die Kneipe und Kulturkatakombe Abseits, Herrenweg 1, ihr 35-jähriges Bestehen. Der Besitzer, Guy Graf von Moy, plante schon damals den Abbruch der vorhandenen Gebäude zugunsten einer Wohnbebauung. Leider übersah der Eigentümer wohl, dass das Hauptgebäude - damals noch Kneipe und Kleinkunstbühne - an der Moosach mit seinen alten Gewölben und dem Dachstuhl aus Sicht des Denkmalschutzes erhaltenswert ist.

Nachdem wir als "Freunde des Abseits" die historischen Recherchen von Hermann Bienen, der über Gasthauskultur in und Freising forscht, studiert hatten, machten wir eine kleine Ausstellung im Flur der Kneipe. Sie zeigte die alten Flurkarten und ein Aquarell von 1780 zu den Häusern am Herrenweg. Hier kann man bereits das "Abseits" erkennen. Das stattliche, barocke Gebäude besteht im Erdgeschoss aus einem stabilen Tonnengewölbe, im Obergeschoss wurden Lederwaren getrocknet und gelagert.

Aufgrund dieses Sachverhalts regte ich als Stadträtin eine Ortsbesichtigung durch das Landesamt für Denkmalschutz und die Untere Denkmalbehörde der Stadt Freising (Bauamt) an. Eine dendrologische Untersuchung des Dachstuhles bestätigte das Baujahr von 1737. Daher konnte das Haus mit Kegelbahn unter Denkmalschutz gestellt werden. Damit ist ein Abbruch nicht so ohne Weiteres möglich.

Das ehemals um 1780 von der Ledererfamilie Georg Rößler als Speicher genutzte Gebäude ist nach rund fünf Jahren Leerstand heute noch sanierbar, denn die dicken Grundmauern, die Statik des Daches sind in Ordnung. Ein Verfall des Gebäudes durch Schäden wegen des undichten Dachs und kaputter Fenster muss jetzt verhindert werden. Das Allernötigste ist die Sicherung der denkmalgeschützten Substanz, wie es der Gesetzgeber vorsieht. Hier müssen Oberbürgermeister und Stadtrat sowie das Bauamt der Stadt Freising und das Landesamt für Denkmalpflege darauf drängen, dass zeitnah das Dach repariert wird und das Haus einer Nutzung zugeführt wird, die diesem Denkmal gerecht wird.

Ein Verfall des Hauses ist nicht hinnehmbar und wird auch von den Anwohnern nicht akzeptiert. Nun liegt es am Grafen, wie und wann er dieses Gebäude saniert und nutzt: Ich meine, die Nutzung des Erdgeschosses des denkmalgeschützten Haupthauses wäre als Kneipe und Kleinkunstbühne nach wie vor eine gute Lösung, denn damit kann man das denkmalgeschützte Tonnengewölbe am besten erhalten. Ich kann mir als Planerin beim besten Willen nicht vorstellen, wie man in die Erdgeschoss-Tonnengewölbe ohne massive Eingriffe in die Denkmalsubstanz Wohnungen oder Büros einbauen will. Hier sind öffentliche und kulturelle Nutzungen interessant. Neustift als ehemals eigenständiger Stadtteil braucht einen Stadtteil-Treffpunkt im "Abseits"!

Dr.-Ing. habil. Charlotte Reitsam,

Stadträtin Bündnis 90/Die Grünen,

Mitglied im Abseits e.V.

Kaufpreis mehr als verdoppelt

Immerhin, das Gebäude soll jetzt stehen bleiben. Letzten Dezember hat Graf Moy dem Abseits-Verein noch vorgeworfen, dass er seinen Wohnkomplex immer noch nicht auf das Gelände bauen konnte (30 Einheiten, wahrscheinlich architektonisch genauso herausragend wie die hinter der Brauerei am Mainburger Berg). Offensichtlich wurde dem Grafen langsam bewusst, wie wichtig den Abseits-Unterstützern dieses Projekt ist. Der Verein hat seriöse Finanzplanungen aufgestellt, hat immer wieder neue Anforderungen erfüllt. Ebenso wie die Stadt Freising seit fast zwei Jahren versucht, den Kauf zu realisieren. Aber es gab immer wieder neue Forderungen oder Vertragsklauseln vom Verkäufer.

Da hat er den Kaufpreis einfach mehr als verdoppelt. Sicherlich hat der Graf sein Versprechen, das Gebäude zu verkaufen (das war noch vor dem Aus im Dezember 2015), wenn es als Kulturgebäude vom Abseits-Verein weiter geführt wird, bereut. Vor allem hat er nicht damit gerechnet, dass der Abseits-Verein das Versprechen an seine 250 Mitglieder und alle Kulturfreunde der Stadt Freising, für den Erhalt des Abseits zu kämpfen, nie brechen würde. Und wie er sich jetzt herauswinden möchte und den Schwarzen Peter an die Stadt Freising abgeben will, ist doch sehr durchschaubar.

Falls das Haus stehen bleibt, wird es sicherlich zu einem weiteren luxussanierten Eigentumswohnungsbau degradiert und das restliche Grundstück wird zugebaut werden. Die Stadt Freising verliert eines ihrer letzten Originale, welches seit Jahrzehnten von allen Bürgern als Kunst- und Kulturstätte genutzt wurde. Aber diese Art von Kulturförderung scheint dem Grafen nicht zu liegen, da spendet er lieber ein paar Geigen . . .

Elfriede Messerschmitt, Attenkirchen,

Vorstandsmitglied im Abseits-Verein

Warten bis zu Abriss

Nun ist also der Kauf des "Abseits" durch die Stadt Freising wegen der immens hohen Preisforderung des Graf Moy gescheitert. Seine Erklärung, er wolle nun das denkmalgeschützte Gebäude selber sanieren und Wohnungen und Büros erstellen, erscheint mir nicht glaubhaft. Die Freisinger müssen damit rechnen, dass das Haus am Neustifter Herrenweg noch jahrelang vor sich hin bröselt, bis es so marode ist, dass man eine Abrissgenehmigung nicht mehr verwehren kann.

Guy Graf von Moy hat vor über 20 Jahren in Haag die Schlossallee samt Schlossbrauerei gekauft und dann das Haager Schloss abgerissen. Der Haager Gemeinderat erteilte die Abrissgenehmigung, weil der Graf zugesagt hatte, das Schloss maßstabsgetreu wieder aufzubauen und einer sozialen Nutzung zuzuführen. Das Ersatzschloss steht bis heute nicht. Außerdem hatte er versprochen, die historisch wertvolle Rokoko-Schlosskapelle wieder aufzubauen. Auch darauf warten die Haager bis heute. Das Hotel "Zur Gred" an der Freisinger Bahnhofstraße steht ebenfalls seit geraumer Zeit leer, von einer geplanten Sanierung ist der Öffentlichkeit nichts bekannt.

Albert Schindlbeck, Freising

Kreisrat, Die Linke

© SZ vom 11.02.2020
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