bedeckt München 11°

Landkreis Freising:Immer mehr Menschen obdachlos

Erschreckende Zahlen der Diakonie: Im Landkreis Freising werden mehr Menschen obdachlos. Die Brennpunkte sind Moosburg und Neufahrn.

Peter Becker

Der Verlust ihrer Wohnung trifft Menschen existenziell. Diesen Krisenfall zu vermeiden, hat sich die Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit (FOL) des Diakonischen Werks zur Aufgabe gemacht. Dass im Landkreis Beratungsbedarf besteht, dokumentieren steigende Fallzahlen: Waren es 2009 noch 170 Wohnungsnotfälle, zählte die Fachstelle ein Jahr später bereits 205. Als Brennpunkte weist der Jahresbericht die Stadt Moosburg und Neufahrn aus.

Die FOL gibt es seit 2008 im Landkreis. Aus dem einst auf drei Jahre angelegten Projekt ist eine feste Einrichtung geworden. Kein Wunder: "Die Zahl der Hilfesuchenden wächst, die Fälle werden immer komplexer", stellt Angelika Nothnagel in der Bilanz 2010 fest. Sie berät zusammen mit Martina Schiepe-Schönberger die Betroffenen. Die 205 Wohnungsnotfälle setzen sich aus 147 neuen und 58 nicht abgeschlossenen Anfragen von 2009 zusammen. Um Hilfe ersucht haben 102 Einzelpersonen, 47 Familien, 37 Alleinerziehende und 19Paare.

Eine wichtige Bestätigung für die Arbeit der FOL ist, wie die Hilfesuchenden den Weg zur Beratungsstelle finden. Es sind nicht mehr nur das Amtsgericht oder der Gerichtsvollzieher, die Menschen an die FOL verweisen. Dieser Anteil macht weniger als die Hälfte der Klientel aus. "Mittlerweile ist der Bekanntheitsgrad der FOL enorm gestiegen", stellt Sprecherin Anne Klein vom Diakonischen Werk fest. Andere Einrichtungen vermittelten Kontakte zur Beratungsstelle. "Oft ist es aber auch Mundpropaganda, die die Ratsuchenden zu uns führt." 25 Klienten kamen im vergangenen Jahr aus eigenem Antrieb, weitere aufgrund der Empfehlungen von Behörden oder der Gemeinden.

Der Kreisausschuss hat im November beschlossen, die Arbeit der FOL mit 61.000 Euro zu unterstützen. Das Bestehen der Beratungsstelle sei deshalb für weitere fünf Jahre gesichert, heißt es dazu in der Jahresbilanz. Ausschlaggebend für die finanzielle Unterstützung sei die hohe Erfolgsquote von 95Prozent, mutmaßt die Diakonie. Im Gegenzug erspart die FOL dem Landkreis viel Geld, das dieser sonst in die Unterbringung der betroffenen Personen investieren müsste. Im Jahr 2010 waren dies etwa 787.000Euro, 100.000 mehr als im Vorjahr.

"Die Einsparung für den Landkreis setzt sich aus dem Durchschnittspreis pro Monat für eine Unterkunft, aus Pauschalen für sonstige Einsparungen und den Personalkosten für die Fachstelle zusammen", erklärt Klein. Laut FOL beträgt der durchschnittliche Preis für die Unterbringung einer Person in einer Pension pro Nacht etwa 32,81 Euro (2009).

Für die Stadt Freising ist die Caritas zuständig, trotzdem haben sich vier Hilfesuchende bei der FOL gemeldet. In Moosburg waren 36 von Wohnungsnot bedrohte Haushalte neu hinzugekommen, in Neufahrn 31. Die beiden Kommunen "sind allein aufgrund ihrer Größe Brennpunkte im Landkreis", erklärt Sprecherin Klein. Zudem spiele die Struktur eine Rolle: "Es gibt mehr Mietwohnungen als in ländlichen Gegenden." Wegen ihrer Lage an einer Bahn- oder S-Bahnstrecke seien die Mieten hoch. Die S-Bahn wiederum garantiert einen guten Anschluss an den Flughafen, den größten Arbeitgeber in der Region. Dieser biete viele Jobs im Niedriglohnsektor an. Bei Arbeitslosigkeit und fehlenden Rücklagen sei die fortlaufende Mietzahlung nicht gesichert. Dies könne schnell zu sozialen Notlagen führen, heißt es im Jahresbericht.

Die FOL setzt auf die Hilfe zur Selbsthilfe. Dazu gehörten Verhandlungen mit Vermietern sowie Regeln und Vereinbarungen, die für die Betroffenen auch erfüllbar seien. Wichtig sei es, betont Klein, dass die Klienten aus der Situation lernen sollten, um nicht wieder obdachlos zu werden. Nothnagel und Schiepe-Schöneberger kommen im Jahresbericht zu dem Schluss, dass Prävention der beste Weg zur Verhinderung der Obdachlosigkeit sei. Je eher der Betroffene den Weg zur Beratungsstelle finde, umso größer sei auch die Chance zum Erhalt der Wohnung.

© SZ vom 26.04.2011

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite