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Jugendkorbinian in Freising:Die Kirchen-Jugend will mitreden

Jugendkorbinian

Das Schwingen von Weihrauch, wie hier im Mariendom in Freising, kann ebenfalls zu den Aufgaben eines Mesners gehören.

(Foto: Marco Einfeldt)

Unter dem Motto "unerhört" findet das Fest am Samstag fast nur online statt. Die Forderungen der Teilnehmenden werden dennoch deutlich. Kardinal Marx stellt erneut einen Jugendrat in Aussicht.

Von Corinna Bail, Freising

Es war wohl ein einmaliges Bild bei einem Jugendkorbiniansfest: Während sich sonst Tausende Jugendliche dicht an dicht auf den Altarstufen reihen und die Köpfe in den Sitzbänken recken und winden müssen, um einen Blick auf das Gottesdienstgeschehen zu erhaschen, herrschte am vergangenen Samstag ungewöhnliche Leere im Mariendom. Nur wenige Besucher hatten sich beim diesjährigen "Jugendkorbi", wie das junge Fest zum Gedenken des Heiligen Korbinians auch genannt wird, in den Sitzreihen eingefunden. Mit ihnen warteten jedoch über 520 Jugendliche zuhause vor den Bildschirmen auf den Beginn des Festaktes. "Das ist eine einmalige Feier des Jugendkorbinians. Wir hoffen, dass sie einmalig bleibt", begrüßte Kardinal Reinhard Marx die Gläubigen vor Ort und die per Livestream zugeschalteten.

Zahlreiche junge Christen fühlen sich in der heutigen Kirche ungehört

Pandemiebedingt fand das 78. Jugendkorbinian des Erzbischöflichen Jugendamts München und Freising größtenteils im Internet statt. An Qualität haben die Feierlichkeiten deshalb jedoch nicht verloren, fanden die Jungchristen. Im Gottesdienst, organisiert vom Ministrantenverband München und Freising und musikalisch gestaltet von der Rosenheimer Band "TeaCup", stach immer wieder ein Leitmotiv hervor: "unerhört"; das Motto des diesjährigen Jugendkorbi fand sich auch in den einleitend vorgetragenen Gedanken wieder, die auf aktuelle Probleme der Jugend hinwiesen. So würden sich zahlreiche junge Christen heute ungehört fühlen und seien "unerhört katholisch", wie es ein Redner formulierte. "Unsere Arbeit soll nicht aus Rom oder München bestimmt werden. Wir wollen die Kirche der Zukunft gestalten." Unerhört, das bedeute oft auch, frech und unkonventionell zu denken und zu handeln. Daher sollte nach Meinung der Jugend auch die Kirche bislang Unbekanntes wagen, hieß es in einem anderen Statement. Angesichts des anhaltenden Klimawandels könne mitunter eine Solarpflicht für kirchliche Gebäude für mehr Nachhaltigkeit sorgen.

Das "unerhörteste Element" des Gottesdienstes, so drückte es Simon aus dem Organisationsteam aus, sei aber der von ihm performte Rap gewesen. Dieser war als Antwort auf die Erzählung aus dem ersten Buch des Propheten Jesaja gedacht, die in der Lesung rezitiert wurde. "Wir haben uns in der Vorbereitung gefragt, was der Prophet heute sagen würde." Mit Baseballcap und schnellen Rhythmen übersetzte Simon am Samstag daher die biblische Gottesanklage gegen das abtrünnige Volk in neudeutsche Sprache. In modernen Zeiten würden sich die Menschen durch soziale Medien und den Konsumrausch vom wahren Glauben abbringen lassen. Außerdem müsse im Hinblick auf künftige Generationen mehr Rücksicht aufeinander und auf die Natur entstehen, hieß es in den Rapzeilen: "Seid lieb zu eurem Lebensraum, sonst gibt es ihn nur noch im Traum."

Auch Kardinal Marx griff das "Unerhört"-Motto in seiner Predigt auf. So bleibe vieles im unaufhörlichen Gewirr aus Stimmen und Falschnachrichten der Onlinewelt unerhört, dabei sei "das aufeinander Lauschen" eine Voraussetzung für ein gemeinschaftliches Miteinander. Auch in der Kirche hätte sich in den vergangenen Jahren gezeigt, "dass viele in festen Vorstellungen verharren und den anderen nicht zuhören". Um gerade jungen, frischen Ideen Gehör zu verschaffen, möchte der Erzbischof von München und Freising seinen bereits bei der Jugendsynode 2018 gefassten Plan eines Jugendrates nun realisieren: "Ich verspreche euch, im neuen Jahr, wenn Corona vorbei oder hoffentlich zumindest ein wenig überwunden ist, diesen Jugendrat zu organisieren, mit dem ich mich ein- oder zweimal jährlich treffe und der hilft, damit auch ich hören kann." Durch den Rat sollen die Stimmen der Jugend in der Kirche und "auch darüber hinaus" den Weg für neue Projekte ebnen.

Die Reaktionen auf das digitale Jugendfestival waren fast durchwegs sehr positiv

Zumindest in Sachen Digitalisierung zeigten sich beim Jugendkorbinian bereits neue Denkanstöße: Neben dem Live-Stream aus dem Dom wurden die Fürbitten per Video eingespielt und der Friedensgruß erfolgte ohne gewohntes Händeschütteln über ein Peace-Emoji per Handy. "Ich fand das toll, so habe ich auch von Leuten eine Nachricht bekommen, die nicht mit mir im Dom waren", lobte Gottesdienstbesucherin Veronika die digitale Alternative zum analogen Friedensgruß. Auch sonst zeigten sich die Jugendlichen zufrieden mit der Gestaltung. "Für die Möglichkeiten, die das Team hatte, war das schon Wahnsinn", äußerte sich Pfadfinder Carlos. Seine Banknachbarin Clara vermisste einzig das gemeinschaftliche Miteinander vom Jugendkorbi. Mitorganisatorin Tina sah dies anders, sie hatte durch die aufgestellten Kameras und die ausgedruckten Fotos im Chorgestühl das Gefühl, die Kirche sei so gut besucht wie sonst.

Der Friedensgruß im Gottesdienst erfolgte beim Jugendkorbinian in Freising diesmal ohne das gewohnte Händeschütteln. Dafür schickten sich die Teilnehmer gegenseitig Peace-Emojis per Handy.

(Foto: Marco Einfeldt)

Auch an der "Klagemauer" beim Online-Jugendkorbiniansfestival fanden sich durchweg positive Rückmeldungen zur Veranstaltung. Die Jugendlichen konnten sich dort durch sieben Areas klicken und Rätsel zum Klimawandel, Impulse zum bewussten Leben, Kurzfilme zum "Unerhört"-Motto, Rezepte, Webinare zur Gebärdensprache und zum Schauspielen, eine interaktive Disko mit DJane LadyDee und vieles mehr entdecken. In Videochaträumen tauschte sich die Jugend außerdem über unterschiedliche Themen aus. Noch bis zum 14. Dezember kann das virtuelle Festival auf www.jugendkorbinian.de besucht werden. Danach beginnen bereits die Planungen für das Jugendkorbinian 2021 mit dem Motto "Aufmachen". In Zeiten von Corona bleibt noch abzuwarten, in welcher Aufmachung das Fest dann stattfinden wird.

© SZ vom 16.11.2020/av
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