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Freisinger Firma auf Sponsorensuche:Mehr Toleranz auf dem Arbeitsmarkt

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Das Ohrbeit-Team (v. l.): Daniel Eisenschink, Sarah Ludwig, Claudia Ludwig, Gründer Alexander Grossmann und Georg Müller;

(Foto: Privat)

Die Fair Recruitment GmbH startet Crowdfunding-Projekt für einen "bunten" Podcast zur Jobsuche.

Von Thilo Schröder, Freising

Für ein neues Projekt für mehr Vielfalt und Toleranz im Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft hat sich die Freisinger Fair Recruitment GmbH ein Finanzierungsziel gesetzt, das Gründer Alexander Grossmann als "durchaus ambitioniert" bezeichnet: Mindestens 100 000 Euro will das fünfköpfige Team um den 37-Jährigen bis Ende des Jahres über die Crowdfunding-Plattform Startnext.com sammeln. Mit der Hälfte des Geldes sollen 2021 über das Jobportal Ohrbeit die Entwicklung einer App, die für mehr Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt sorgt, sowie die Produktion des "buntesten Podcasts der Welt" finanziert werden. Die andere Hälfte soll an vier Partnerorganisationen gehen, die sich gegen Rassismus und Sexismus sowie für Vielfalt und eine offene Gesellschaft einsetzen.

Eine virtuelle Demo, die auf die Vielfalt in Arbeitswelt und Gesellschaft aufmerksam macht

"Mein erster Gedanke war, alle Menschen mit einzubeziehen. Wir machen ja unsere Jobcasts mit Unternehmen und Podcasts mit Einzelpersonen, aber bei diesem Projekt sollten alle eine Stimme haben", erklärt Grossmann die Idee dahinter. Inspiriert auch vom Konzept der Lichterketten, mit denen in den Neunzigerjahren gegen Ausgrenzung und Fremdenhass demonstriert wurde, entstand das digitale Projekt des bunten Podcasts, zu dem jeder Unterstützer einen 15-sekündigen Audiobeitrag einsenden kann - aber nicht muss. "Es ist eine virtuelle Demo, mit der wir auf das Thema Vielfalt in Arbeitswelt und Gesellschaft nachhaltig aufmerksam machen wollen. Es ist so gesehen auch eine kreative Stimm-Petition", sagt Grossmann.

Der Ablauf ist einfach: Man wählt entweder einen freien Unterstützungsbetrag oder ein Dankeschön; das können ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Bunt" oder eine Bio-Einkaufstasche sein, genauso ein Jobcoaching mit einem Fair-Recruitment-Mitarbeiter oder - speziell für interessierte Unternehmen - ein Jobcast auf der Ohrbeit-Plattform. Die Preise reichen von 15 bis 100 000 Euro.

Erst wenn 100 000 Euro zusammen sind, wird abgebucht

Erst wenn das erste Fundingziel von 100 000 Euro (das zweite liegt bei einer halben Million) erreicht sei, würden die Beträge abgebucht, sagt Grossmann. "Dann wissen wir auch: Es wird diesen Podcast geben." Er gibt sich zuversichtlich, möchte Kontakte zu Unternehmen nutzen, die ohnehin an einem Jobcast im kommenden Jahr interessiert sind. Denn derlei finanzstarke Investoren brauche es vermutlich, um das hohe Fundingziel zu erreichen. Für Firmen könne sich eine Investition wiederum in Form eines sichtbar positiven Images als sozialverantwortliches Unternehmen auszahlen.

Im Idealfall entsteht aus einer Vielzahl an Audioschnipseln anschließend ein sehr langer Podcast. "Das wird keine Serie", betont Grossmann, "die Audiobeiträge kommen alle hintereinander in einem einzelnen Podcast, auch wenn es mehrere Tausend sind." Alle Beiträge sollen gleich lang sein, unabhängig vom Geldbetrag. "Was da rein kommt, ist völlig offen", sagt Grossmann. Etwa ein Statement für Vielfalt oder gegen Diskriminierung, man könne eine eigene Erfahrung schildern, rappen oder einen Schnipsel Musik einspielen. Die 15 Sekunden entsprechen der Länge von Videos in der Instagram-Story oder TikTok-Videos. "Man kann das professionell mit Mikro aufnehmen, wenn man will, aber eigentlich reicht auch eine Sprachnachricht auf dem Handy."

Eine App ist ebenfalls in Planung

Sollte das Fundingziel erreicht werden, will das Ohrbeit-Team außerdem eine App entwickeln, die Bewerbungsunterlagen für Jobs (halb-)automatisch anonymisiert. Ohrbeit produziert seit Ende 2019 Jobcasts statt Stellenanzeigen und verpflichtet Unternehmen zu Gehaltsangaben, einer verbindlichen Rückmeldung auf Bewerbungen innerhalb einer Woche und gibt für die Chancengleichheit aller die Bewerbungsunterlagen nur anonymisiert weiter.

Bislang geschieht der Prozess der Anonymisierung noch manuell. "Das ist sehr aufwendig", sagt Grossmann. In der Privatwirtschaft sei das Anonymisieren im Bewerbungsprozess daher noch sehr selten. Die App wolle man als Tool auch Unternehmen zur Verfügung stellen, um damit gerechtere Bewerbungsprozesse zu etablieren. Der Podcast, fasst Grossmann das Projekt zusammen, sei der "emotionale Mittelpunkt", die App die "technische Lösung", um einen nachhaltigen Beitrag für Vielfalt und Toleranz zu leisten.

Das Projekt soll durchaus als gesellschaftspolitisches Statement verstanden werden

Zusammen mit den Organisationen "Eine Welt der Vielfalt", der "Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus", dem "Lesben- und Schwulenverband Deutschland" und "Gesicht zeigen: Für ein weltoffenes Deutschland" setzt Ohrbeit auf eine große Bandbreite an Bündnispartnern. Alexander Grossmann will das Projekt durchaus als gesellschaftspolitisches Statement verstanden wissen. "Damit wollen wir ganz klar zeigen, dass Leute, die für Vielfalt stehen, ihre Stimme erheben können. Man hat ja oft den Eindruck, dass diese Minderheit, die sich dagegenstellt, lauter ist. Der Podcast soll zeigen: Wir sind auch da, wir sind mehr."

Details zum Projekt und zur Unterstützung auf www.startnext.com/bunterpodcast

© SZ vom 26.10.2020/av
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