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Freising:Ein Tattoo für mehr Lebensqualität

"Herzzerreißende Mails" seien im Postfach des Flughafenvereins gelandet, sagt Thomas Bihler.

(Foto: Privat)

Eine Aktion des Münchner Flughafenvereins unterstützt Frauen nach überstandener Brustkrebs-Operation

Von Corinna Bail, Freising

Tausende Menschen erhalten jedes Jahr die Diagnose Brustkrebs. Das Robert-Koch-Institut verzeichnete 2016 deutschlandweit 69 660 Neuerkrankungen, in knapp 99 Prozent der Fälle handelte es sich dabei um Frauen. Nicht selten werden bei den Patientinnen Teile oder die gesamte Brust inklusive der Brustwarzen abgenommen. Was nach der Bekämpfung der Krankheit bei vielen Betroffenen bleibt, ist ein Gefühl der Entweiblichung. Ein Projekt des Flughafenvereins München soll nun vier Frauen ein Stück mehr Lebensqualität schenken: Ein dreidimensionales Brustwarzentattoo des Kitzinger Tätowierers Andy Engel lässt die sichtbaren Spuren der Erkrankung verschwinden.

"Herzzerreißende Mails" seien bereits im Postfach des Flughafenvereins gelandet, berichtet der Vorsitzende Thomas Bihler. Den Impuls für das Finanzierungsprojekt habe er durch eine persönliche Erfahrung erhalten. Die Ehefrau eines guten Freundes sei an Brustkrebs gestorben, erzählt er. Bis zuletzt habe sie das Gefühl begleitet, dass durch die Brustabnahme etwas fehle. Auch Andy Engel weiß um die psychische Belastung vieler Brustkrebspatientinnen. Oft koste es seine Kundinnen viel Überwindung, die von Narben gezeichnete Brust vor dem Lebenspartner oder etwa in der Sauna zu enthüllen. Engel selbst musste sich erst der Bedeutung dieses Problems bewusst werden: "Am Anfang habe ich auch gedacht, ist doch wurscht, wie du aussiehst. Hauptsache, du bist gesund", sagt der Kitzinger. Durch Gespräche habe er aber erkannt, dass die Gedanken an die Krankheit wieder zurückkehren, sobald die Frauen sich im Spiegel sehen.

Wenn ihnen der eigene Körper nicht mehr gefalle, wirke sich das oft nicht nur auf die Beziehung zu Familienmitgliedern aus, sondern könne weitreichende psychische Erkrankungen hervorrufen, mahnt Gabriele Brückner, Geschäftsführerin der Bayerischen Krebsgesellschaft. Umso unverständlicher sei die fehlende Bereitschaft vieler Krankenkassen, eine Brustwarzenrekonstruktion, wie sie Engel und 23 von ihm speziell ausgebildete Tätowierer anbieten, zu finanzieren. Die Ablehnung wird laut Engel oft damit begründet, dass für eine Rekonstruktion medizinisches Personal notwendig ist. Er kritisiert, dass Ärzte nur eine eintägige Einweisung in das Tätowierhandwerk und die Besonderheiten der von Medikamenten und Bestrahlung veränderten Haut im Brustbereich erhielten. Nicht selten seien die Ergebnisse deshalb wenig zufriedenstellend. Durch etliche Vorträge an Kliniken habe er viel Rückhalt für seine Arbeit gewinnen können, schildert er.

Seit 2008 nimmt Andy Engel, der vor allem für seine fotorealistischen Tattoos bekannt ist, Brustwarzenrekonstruktionen vor. Mit der Hälfte der Krankenkassen bestehe mittlerweile eine Vereinbarung zur kompletten Übernahme der Rekonstruktionskosten, ein Viertel erstatte sie zur Hälfte. Die restlichen 25 Prozent weigerten sich noch immer gegen eine Bezahlung der rund 1666 Euro. Viele Patientinnen könnten sich die Behandlung daher nicht leisten, so Engel. "Ich finde das in der heutigen Zeit eine Frechheit, dass irgendwelche Angestellten hinter ihren Bürotischen darüber entscheiden, ob sich ein Mensch wieder in seinem Körper wohlfühlen darf." Brückner, Bihler und Engel sind sich einig: Es besteht noch viel Aufklärungsarbeit bei Ärzten, Krankenkassen und in der Gesellschaft in Sachen Brustrekonstruktion.

Bewerbungen für die Aktion des Flughafenvereins ist per Post an den Flughafenverein München e.V., Postfach 23 17 55, 85 326 München-Flughafen möglich oder per E-Mail an info@flughafenverein.de.

© SZ vom 24.10.2020
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