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Freising:Der zerstörte Glanz kulturellen Erbes

Kurator Alexis Dworsky zeigt ein Modell eines jesidischen Tempels. Es ist Bestandteil einer Ausstellung im Schafhof mit der Künstlergruppe Forensic Architecture. Diese ist dort bis Ende November zu sehen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Im Schafhof ist derzeit eine Ausstellung von jesidischen Tempeln zur sehen, die von der Terrormiliz ISIS vernichtet wurden. Moderne Technik lässt sie in digitaler Form wieder auferstehen

Von Aladdin Almasri

Seit dem vergangenen Freitag ist im Freisinger Schafhof die Ausstellung "Die Zerstörung des jesidischen Kulturerbes" zu sehen. Sie verbindet Technik, Kunst, Wissenschaft und Politik, der Schwerpunkt aber liegt auf Architektur und wissenschaftlicher Forschung. Das Ergebnis ist sehr kreativ: Die Ausstellung zeigt analoge und digitale Fotos sowie 3D-Videos. Darauf zu sehen sind die Jesiden-Tempel in Sinjar im Nordirak, die von der Terrormiliz ISIS zerstört wurden. Besucher sehen sowohl die Ruinen als auch die Bauwerke wie sie waren, bevor sie zerstört wurden.

Da die Tempel so nicht mehr existieren und es schwierig ist, Informationen über sie zu erhalten, war die Idee, sie mithilfe von Fotos und Videos digital wiederzubeleben. Verantwortlich ist die "Forensic Architecture", eine unabhängige Forschungsgruppe für Kunst und Ingenieurwesen, die 2011 von Eyal Weizman am Goldsmiths College der Universität von London gegründet wurde, in Zusammenarbeit mit der internationalen Jesiden-NGO Yazda.

Der Titel erweckt auf den ersten Blick den Eindruck, dass der Schwerpunkt auf dem Thema der Jesiden liegt. Die Kernidee ist aber vielmehr, wie man die Kultur an zerstörten Orten generell sichtbar macht und wiederbelebt. Anders als erwartet ist der Besuch der Ausstellung kein trauriges Erlebnis, im Gegenteil: Sie birgt Hoffnung, indem sie Technologie und Kunst einsetzt, um dem kulturellen Erbe auf innovative Weise zu dienen und es wiederzubeleben.

Zur Begrüßung am vergangenen Freitagabend sprach Bezirkstagspräsident Josef Mederer über die kulturelle Annäherung zwischen Deutschland einerseits und dem Irak und Syrien andererseits. Diese komme voran, weil mittlerweile viele Menschen beider Länder in Deutschland lebten, sagte Mederer. Anschließend wies Kunstwissenschaftler und Philosoph Björn Vedder darauf hin, dass es mit Hilfe von Technik manchmal möglich sei, auf die ursprünglichen Quellen in der Architektur zu verzichten. Das Ergebnis, wenn man die Ausstellung besucht: Man empfindet Sympathie für die Jesiden und Verachtung für ISIS.

Warum aber hat sich das Forensic Architecture-Team mit den Jesiden-Tempeln beschäftigt, obwohl es auch an vielen anderen Orten alte Bauwerke gibt, die zerstört wurden? Das Problem der Zerstörung dieser Tempel und der Hintergrund, vor dem es geschah, sei wichtig, sagte Kunstwissenschaftler Vedder. Aber der Fokus liege hier nicht nur auf der Politik, sondern vielmehr darauf, wie man diese Technologie nutzen und davon profitieren könne.

Und wie sind die Verantwortlichen an die Bilder gekommen? Die Fotos sind alle echt und wurden von Menschen vor Ort aufgenommen. Sie wurden auf unterschiedliche Weise fotografiert, zum Beispiel mit Kameras, die auf Drachen installiert waren. Die Menschen dort wurden mit der notwendigen Ausrüstung ausgestattet, weil sie nicht das Geld hatten, um diese zu kaufen.

Und warum sind bei der Ausstellungseröffnung keine Jesiden selbst vor Ort? Das sei sehr schade, sagte Bezirkstagspräsident Mederer. "Wir hätten es gerne gehabt, weil ihr Leben und ihre Existenz für uns wichtig sind."

Die Ausstellung ist vom 5. September bis 29. November im Schafhof zu sehen. Unter normalen Umständen würde die Anzahl der Besucher am Wochenende bei zwischen 100 und 200 Menschen liegen, sagte Eike Berg, Leiter des Künstlerhauses. "Eine ähnliche Anzahl von Besuchern wird für diese Ausstellung erwartet, vielleicht etwas weniger." Mederer betonte, dass die Ausstellungshalle so belüftet werde, dass die Gesundheit der Teilnehmer gewährleisten sei. Zur Ausstellung gibt es außerdem einen kostenlosen Livestream: Es sei wichtig, sagte Mederer, auch Menschen mit Behinderung oder Menschen, die keine Zeit für einen Besuch hätten, die Möglichkeit zur Teilnahme zu geben.

Überarbeitung: nadja tausche

Aladdin Almasri, 36, ist syrischer Journalist. Er kam im November 2015 nach Deutschland, seit 2017 schreibt er in unregelmäßigen Abständen Texte für die Freisinger SZ.

© SZ vom 10.09.2020

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