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Ein Tag im Tierheim:Zum Jaulen

Das Schicksal der Tiere geht Pflegerin Nicole Ergott nahe. Den Vorsitzenden des Tierschutzvereins, Joseph Popp, ärgert, dass die Zuschüsse seitens der Gemeinden noch nicht einmal die laufenden Kosten des Betriebs decken

Von Alexandra Vettori, Neufahrn

Für Erik wird es schwer. "Groß, schwarz, nicht jung, schaut schlecht aus", sagt Nicole Ergott. Dass Eric als Bayerischer Schafspudel zwar nicht so aussieht, aber ein Rassehund ist, hilft ihm nicht weiter. Seit Herbst sitzt der neunjährige Rüde im Landkreis-Tierheim. Sein Herrchen ist bei einem Brand ums Leben gekommen, der Hund war nicht in der Wohnung. Weil Erik extrem stubenrein ist, darf er morgens stets zuerst in den Freilauf des Zwingers, erzählt Nicole Ergott, während sie ihm den struppigen Kopf krault, "dann muss er dringend".

Nicole Ergott hat aus dem bissigen Paule einen freundlichen Hund gemacht.

(Foto: Marco Einfeldt)

Als Tierpflege-Leiterin kennt sie die Geschichten aller Tiere, sieben Hunde sind es derzeit, vier Katzen, ein paar Schildkröten, zwei Wellensittiche und ein Kanarienvogel, der Rest ist im Freisinger Kleintierhaus, einige Kätzchen sind bei Wally Popp, der Katzenmutter des Vereins, daheim. "Hinter jedem Tier ein Schicksal, oft auch menschliches", sagt Ergott, "wenn man in dem Beruf arbeitet, muss man damit umgehen können". Sie ist die Erste, die morgens im Tierheim ist. Dass aus Kostengründen auf eine Dienstwohnung verzichtet wurde, bedauert sie immer noch. "Da wäre halt für die Versorgung am späteren Abend oder im Notfall gleich jemand da." So aber kommt sie täglich mit dem Auto aus Freising, ihr erster Gang ist die Futterrunde. Jeder tierische Gast hat seinen Plan, einige brauchen Medikamente. Auch Juta, die zweite Schwervermittelbare, eine neunjährige Jagdterrier-Hündin, deren Frauchen ins Heim musste. "Sie braucht Herzmedikamente und verträgt nur Huhn", weiß Ergott. Mit einem Servierwagen fährt sie von Zwinger zu Zwinger, verteilt Näpfe, füllt frisches Wasser auf.

Kater Phil heilt einen Kieferbruch aus.

(Foto: Marco Einfeldt)

Joseph Popp, der Vorsitzende des Tierschutzvereins, wird später noch deutlichere Worte finden für die Knauserigkeit der Städte und Gemeinden im Landkreis. Dass sich von den 24 Kommunen nur 15 am Tierheim beteiligten, sei ein Tiefschlag gewesen. So hatte man statt der geplanten 1,5 Millionen nur noch eine Million und musste auf vieles verzichten. "Zwei Hunde- und zwei Katzenzwinger fehlen, hast du ein paar Hunde, die sich nicht vertragen, hast du ein Problem", sagt Popp. Noch mehr stresst ihn, dass die Zuschüsse nicht einmal den laufenden Betrieb decken. "Das ist nicht sicher hier. Wir haben von den Kommunen 40 Cent pro Einwohner und Jahr Fundtierpauschale, das sind 45 000 Euro. Unsere Kosten liegen aber bei 150 000, und da sind Futter und Desinfektionsmittel noch nicht dabei. "Alleine Lohnkosten sind es 85 000 Euro. Sie können ein 24-Stunden-Tierheim nicht nur mit Ehrenamtlichen führen. Wir leben auf Spendenbasis", schimpft Popp. Sobald er nach einem Jahr fixe Zahlen habe, werde er anklopfen in den Rathäusern. Es sei ein Unding, dass der Tierschutzverein, wie jüngst einen Spendenaufruf für Futter auf Facebook brauche. Jetzt sind die Vorratsräume wieder gefüllt, für eineinhalb Monate. Die Zahlen nämlich sprechen eine andere Sprache: 2017 hat der Verein 275 Tiere aufgenommen, Katzenkastration inklusive, 2018 waren es 318.

Joseph und Wally Popp und Claudia Peuker kümmern sich um die Tiere.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wie wichtig die Arbeit der Ehrenamtlichen ist, zeigt Claudia Peuker. Sie kommt morgens und reinigt die Zwinger. 18 Quadratmeter hat jedes Tier, Hund wie Katze, aus Kostengründen ist alles gleich gebaut. Die Hälfte ist ein Zimmer, Schlupfklappen führen in den betonierten Außenbereich, der bei den Katzen noch ein Gitterdach hat. Katzen haben es wohnlicher, es gibt einen Stuhl, eine Art Stockbett mit Platz zum Verschlupfen, und draußen Natur-Kratzbäume. "Die haben die Männer von zwei Ehrenamtlichen gemacht", sagt Popp.

Auch ein einsamer Kanarienvogel profitiert von der Pflege.

(Foto: Marco Einfeldt)

Früh am Morgen stinkt es gewaltig in den Zwingergängen. Die Katzenklos sind voll, in den Hundezimmern Pfützen und Haufen. Erstere wischt Peuker mit einem Lappen auf, die Haufen kommen auf die Schaufel. Sind die Bewohner im Außenbereich, folgt der Dampfstrahler. "Am Anfang haben wir mit Papier aufgewischt, aber das gibt so viel Müll", erzählt Peuker. So ist man auf Stofflappen umgestiegen, nicht umsonst gibt es mehrere Waschmaschinen, allein all die Bettchen und Deckchen machen viel Wäsche. Auf die Frage, warum sie sich ein solches Ehrenamt gesucht hat, lächelt Claudia Peuker: "Tiere waren schon immer meins. Und sie tun mir leid. Das Problem ist, dass sich viele Leute vorher nicht genügend Gedanken machen, was mit dem Tier auf sie zukommt." Sie zeigt auf den Neufundländermix Berry, sechs Monate alt. Seine Familie hat ihn abgegeben, weil sie umzog.

Das Unwissen mancher Tierhalter erschüttert

Nach Frühstück und Verdauungspause dürfen Hunde, die sich vertragen, zur Abwechslung in einen der zwei Gemeinschaftsausläufe, sie sollen ihr Sozialverhalten nicht verlieren. Eine wichtige Aufgaben des Tierheims ist es, den Tieren wieder geregelte Abläufe und Sicherheit zu bieten. Nicole Ergott ist neben ihrem Tierheimjob Hundetrainerin und immer wieder erschüttert über das Unwissen mancher Tierhalter. Paule zum Beispiel ist neun Monate alt, ein quicklebendiger Mix aus Border Collie und Jack Russel Terrier. "Er wurde abgegeben, weil er beißt. Was muss man mit einem Welpen machen, dass er aggressiv wird?", fragt Ergott. Weil der kleine Hund außerdem nicht geimpft war und sehr nervös ist, lebt er seit dem Einzug vor zwei Wochen in der Quarantäne-Station. Mittlerweile ist er ruhiger und beißt nur noch spielerisch nach Welpenart.

Am Vormittag kommen die ersten Gassigänger, alle haben einen Vertrag dafür unterschrieben, vor allem aus Versicherungsgründen. Eine junge Frau, Lisa aus Neufahrn, erzählt, sie hätte so gerne einen Hund, das gehe aber nicht. Also kommt sie, wann immer sie Zeit hat, im Tierheim vorbei. Bei Sylvia und Erik aus Dietersheim ist es ähnlich. "Wir hegen schon lange einen Hundewunsch", sagt Sylvia, "und jetzt testen wir erst mal". Jeden Dienstag kommt auch die Vertragstierärztin, Sita Meinzer aus Moosburg. Im Gepäck hat sie einen Katzenkorb mit "Schnecke", ein Kätzchen, das wieder soweit gesundet ist, dass es ins Tierheim zurück kann, und Tierfutter. "Kleine Spende", sagt sie lächelnd.

© SZ vom 22.06.2019/beb

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