Freimann:Für die Bühne entflammt

Freimann: Vor dem Spiegel doppelt, auf der Bühne auch mal solo zu sehen: Kora Heyd.

Vor dem Spiegel doppelt, auf der Bühne auch mal solo zu sehen: Kora Heyd.

(Foto: Robert Haas)

Die zwölfjährige Kora Heyd singt im Kinderchor der Bayerischen Staatsoper - zu Weihnachten ist Hochsaison

Von Astrid Benölken, Freimann

Ein Mädchen mit einem Terminkalender wie ein Erwachsener, der in Vollzeit arbeitet. Mit Auftritten vor tausenden Menschen und ersten Solorollen auf einer der renommiertesten Opernbühnen der Welt. Liest man das über Kora Heyd, die an diesem Samstag als "Mädchen mit den Schwefelhölzern" auf der Bühne der Mohr-Villa steht, erwartet man ein Superkind. Eines, das sein Talent vielleicht schon etwas abheben hat lassen. Und dann steht Kora in der Tür des Kaminzimmers in der Mohr-Villa. Gelassen, geerdet, die blonden Haare hinter die Ohren geklemmt, damit sie nicht ins Gesicht fallen, eine Zahnspange, die sie nicht gerne zeigt, die aber jedes Mal hervorblitzt, wenn sie lächelt. Und Kora lächelt oft.

Für jemanden, der mit zwölf Jahren bereits mehr Bühnenauftritte absolviert hat als die meisten Menschen in ihrem gesamten Leben je ins Theater oder die Oper gehen werden, ist sie spät gestartet. Bis sie acht war, sagt Kora, habe sie nie "richtig" gesungen, nur ein wenig für sich. "Mein Bruder war damals im Kinderchor der Bayerischen Staatsoper - also wollte ich das unbedingt auch machen." Jedes Jahr bewerben sich etwa 60 Kinder für den renommierten Chor. Fast alle sind von klein auf von privaten Gesangslehrern in ihrer Stimme geschult. Nur etwa 20 werden jedes Jahr angenommen. "Dass ein Kind ohne jede Stimm-Vorbereitung kommt, ist extrem selten", sagt Stellario Fagone, Leiter des Kinderchors. Kora fällt ihm beim Vorsingen auf: "Sie hat eine sehr schöne, glockige Stimme, die trotzdem so kräftig ist, dass auch Solorollen kein Problem sind." Neben dem musikalischen Talent ist es dem Chorleiter wichtig, "dass die Kinder wach sind im Kopf, pfiffig, damit sie Anweisungen schnell umsetzen können". Schon damals ist Kora konzentriert, geduldig und ruhig. Fagone stellt Kora zunächst zurück, gibt ihr Zeit, die Stimme mit Hilfe eines Gesangslehrers zu entwickeln. Sie singt noch einmal vor. Und überzeugt.

Mit dem Eintritt in den Chor verpflichten sich Kinder und Eltern, in fast allen Ferien und an Wochenenden für Proben und Auftritte zur Verfügung zu stehen. Meist gibt es drei Übungseinheiten pro Woche, in absoluten Hochphasen auch mal fünf. Dazu kommen noch bis zu 30 Auftritte pro Kind und Jahr, mehr sind rechtlich nicht erlaubt. Außerdem geht Kora ganz normal in die Schule, auch wenn sie bei Neuinszenierungen und Orchesterproben zuweilen vom Unterricht freigestellt werden muss. An zwei Tagen in der Woche hat die Sechstklässlerin Nachmittagsunterricht, und dann sind noch Schulchor- und Schultheaterproben.

Gerade kurz vor Weihnachten ist das Programm stramm: Vom "Theater Werk München" aus wurde sie kurzfristig für die Hauptrolle von "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" engagiert, das heißt jeden Tag weitere Proben, dazu Adventskonzerte mit dem Kinderchor, und dann steht sie auch noch bei "Hänsel und Gretel" derzeit mehrmals in der Woche auf der Bühne der Staatsoper. Jede Minute will genutzt sein. "Wenn wir bei Vorstellungen gerade Pause haben, proben wir einfach hinter der Bühne", erzählt die Zwölfjährige. Der Stress, sagt sie, mache ihr "eigentlich nichts aus". Sie brennt für die Bühne, das ist auch Chorleiter Fagone aufgefallen. Wenn selbst die Hausaufgaben manchmal bis spätabends warten müssen, bleibt für anderes kaum Zeit: "Ich würde gerne mit Klettern anfangen, aber bis jetzt bin ich noch nicht dazu gekommen."

Ein paar Jahre bleiben Kora noch im Kinderchor. Die Jungen sind spätestens mit dem Stimmbruch draußen, für die Mädchen ist mit etwa 16 Jahren Schluss. "Oft hat sich eine enge Beziehung entwickelt, wir bleiben noch in Kontakt", sagt Stellario Fagone. Manche der Kinder studieren Musik, einige haben es geschafft und singen an der Oper. Das wäre auch Koras Traum. Vorerst aber steht sie in der Mohr-Villa auf der Bühne, als "Mädchen mit den Schwefelhölzern". Bei der Premiere an diesem Samstag spielt sie schon die Hauptrolle. Es klopft an der Tür des Kaminzimmers, es ist ihre Mutter. Kora muss wieder los, zur Staatsoper - zum nächsten Auftritt.

"Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern", Samstag, 19. Dezember, 19.30 Uhr, Mohr-Villa, Gewölbesaal, Eintritt acht Euro, ermäßigt fünf, karten@theater-werkmuenchen.de

© SZ vom 19.12.2015
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