Freiham:Fahrt aufnehmen

Straßenbeleuchtung in München, 2019

Auf der Überholspur ist hier noch niemand: Vielmehr wird nach Möglichkeiten gesucht, dass im Münchner Westen künftig keiner im Dauerstau steckt.

(Foto: Robert Haas)

Die Stadtbaurätin, Bürger und Planer suchen Wege, den Verkehrskollaps im Münchner Westen zu vermeiden

Von Ellen Draxel

Das städtische Planungsreferat ist in zahlreichen Punkten der Verkehrsplanung mit den kritischen Aubingern einer Meinung: Das ist die Quintessenz eines von der Bürgervereinigung Aubing-Neuaubing initiierten Podiumsgesprächs mit Stadtbaurätin Elisabeth Merk am Mittwochabend zur Weichenstellung des Verkehrs im Westen. Allerdings wünschen sich viele Bewohner dort eine noch engere Beteiligung und mehr Transparenz.

Die Einwohnerzahl im Stadtbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied wird sich in den kommenden 20 Jahren in etwa verdoppeln. Allein in Freiham sollen einmal 28 000 Menschen leben und 15 000 arbeiten. Dafür muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden, so weit herrscht Konsens. Über den Umfang des Ausbaus und vor allem die Zeitschiene aber ist man sich uneins. "Freiham soll eine U-Bahn bekommen, allerdings erst in den Vierzigerjahren. Bis dahin sollen Expressbusse eingesetzt werden", erläuterte der zweite Vorsitzende der Bürgervereinigung, Jürgen Müller, den etwa 200 Gästen im Saal und 270 Zuhörern per Livestream. "Das ist ein Konzept, das nicht trägt." Der Verein fordert deshalb vor der Umsetzung des zweiten Bauabschnittes von Freiham-Nord die Planung, Finanzierung und Realisierung der U5-Verlängerung mindestens bis Freiham mit einem Umsteige-Terminal auf der Westseite der A 99.

Schnellen Handlungsbedarf sieht auch Wulf Hahn von RegioConsult. "Wir müssen bei dieser Bevölkerungszahl in Freiham mit ungefähr 150 000 Wegen pro Tag rechnen, das sind deutlich mehr als die 114 000 Wege, die das vom Planungsreferat beauftragte Büro ermittelt hat", sagte der als Experte eingeladene Verkehrsplaner. Das bedeute, dass man den öffentlichen Nahverkehr "ganz massiv" ausbauen müsse, vor allem dann, wenn der Autoverkehr von einem heute 48-prozentigen auf einen künftig 25-prozentigen Anteil am Verkehr reduziert werden solle. Es reiche nicht, nur eine U 5 zu bekommen. "Man wird zusätzlich eine Tram und für die Fein-erschließung noch Busse brauchen." Plus ein "ausgeklügeltes Konzept" für den Radverkehr, solle der sich verdreifachen.

Hahn stellte zudem die provokante Frage, ob die Verkehrsmengen, die durch Freiham neu entstehen, im Münchner Verkehrsnetz überhaupt abwickelbar seien. Sein Rat an die Verwaltung: Den zweiten Realisierungsabschnitt "kleiner" als im Aufstellungsbeschluss ausfallen zu lassen. Damit sei die Planung "einfacher umzusetzen und auch verträglicher zu gestalten".

Merk verwies auf den Fortschritt bei der U-Bahn-Planung. "Das Baureferat hat schon den Auftrag bekommen für die Vorplanung der U 5 bis Freiham". 2020 soll es einen Stadtratsbeschluss zu den Vorhaltemaßnahmen geben, 2021 wird die Ausschreibung beginnen und 2022 der Bau der Vorhaltemaßnahmen. "Wir sind auch mit Germering in einem sehr guten Kontakt, weil es ja gleichzeitig um die Region und die Knotenpunkte hinter Freiham geht." Merk stimmte Müller zu, dass der U-Bahn-Halt für Freiham im Westen liegen muss, meinte aber, man benötige zusätzlich noch eine "Mobilitätsschnittstelle". Involviert in die Planung sei außerdem der Bund; um dort Gelder zu bekommen, brauche es jedoch Vorplanungen, die eben "ein, zwei, drei Jahre" dauerten. Bis dahin gebe es Interimslösungen. "An dem Buskonzept arbeiten wir schon." Einen Baubeginn für die U 5 nach Freiham hält Merk aber frühestens um das Jahr 2030 für realistisch - "alles andere wären Märchen". Auch wegen anderen Projekten, wie etwa der U 9 oder der Entlastung der Stammstrecke. Die Verwaltung hofft, dass sich die Klimadebatte beim Bund positiv auf die Finanzierung von Gewerken im öffentlichen Nahverkehr auswirkt.

Hundertprozent auf einer Linie liegen Bürger und Planungsreferat, wenn es um die Taktverbesserung bei den S-Bahnen und den viergleisigen Ausbau der S 4 geht. "Ein 15-Minuten-Takt, dafür aber keine zusätzlichen Züge in den Stoßzeiten mehr, das bringt uns bei dem Bau eines dritten Gleises auf der Linie der S 4, wie es derzeit noch vorgesehen ist, gar nichts an zusätzlichen Kapazitäten", argumentierte Müller im Sinne der Aubinger. Abgesehen davon, dass der Bau laut Verkehrsminister Hans Reichert frühestens 2028 starten solle, nach der Fertigstellung des zweiten Stammstreckentunnels. "Dann sind wir bei 2036, bis der erste Zug fährt. Womit wir wieder bei der Frage wären: Wie sollen sich die Leute, die dann in Freiham wohnen, bewegen?" Man müsse, bestätigte Verkehrsexperte Hahn, "alle Register ziehen", auch die S-Bahn-Achsen müssten kompetitiv ausgebaut werden. "Wenn das nicht gewährleistet ist", warnte er, "kann ich nur dringend davon abraten, jetzt schon in die Umsetzung zu gehen". Wenn die Leute erst mal im Auto säßen, kriege man sie nur ganz schwer wieder zurück auf den Umweltverbund. Hahn plädierte auch für ein Pkw-armes Quartier in Freiham-Nord.

Merk warb dafür, gemeinsam auf den Freistaat und den Bund zuzugehen: "Diese Takte grundsätzlich auf zehn Minuten zu bringen ist eines unserer Ziele." Ein heißes Eisen ist auch die barrierefreie Unterführung des S-Bahn-Halts Aubing, für den Merk eine Provisoriumslösung vorschlug, da der städtebauliche Wettbewerb für diesen Bereich sicher länger dauere. Und der Autoverkehr? "Wir sind uns einig, dass wir uns einen sechsspurigen Ausbau der A 99 um Aubing herum überhaupt nicht vorstellen können", betonte die Stadtbaurätin. Weil zusätzliche Straßen nur mehr Verkehr erzeugten und Freiham direkt an die Autobahn angebunden sein wird. Für eines plädierte Merk aber doch: Grünes Licht für den Aufstellungsbeschluss für den zweiten Realisierungsabschnitt Freiham-Nord. "Ohne diesen Beschluss habe ich überhaupt keinen Motor, zu verhandeln und Ihre Wünsche umzusetzen."

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