bedeckt München 24°

Flüchtlingshilfe:Der schwere Weg anzukommen

Im Netzwerk Münchner Migrantenorganisationen haben sich 70 Initiativen zusammengeschlossen, um Flüchtlingen die Integration zu erleichtern. Dort engagieren sich auch Einwanderer, die diese Hilfe nicht hatten

Deutsch unterrichten, bei Behördengängen übersetzen, über das hiesige Rechtssystem aufklären - es gibt viele Ansätze, Migranten und Geflüchteten zu helfen. Im Netzwerk Münchner Migrantenorganisationen (Morgen) haben sich 70 Vereine und Initiativen zusammengeschlossen, das erklärte Ziel: "Wir wollen die Migrantenorganisationen in ihren Strukturen stärken", sagt Koordinatorin Friederike Junker. Der Zusammenschluss will die einzelnen Vereine mit Vertretern aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenbringen, um Migranten die Integration zu erleichtern.

Ein Hindernis dafür sehen die Vertreter in der Bürokratie, die vielen Flüchtlingen unbekannt ist. "Dadurch nehmen sie Dinge wie Behördenfristen, Verkehrsregeln oder Hausordnungen manchmal auf die leichte Schulter", sagt Yosief Embaye, Vorstandsmitglied von Morgen und Mitbegründer der Eritreischen Union. Sein Verein übersetzt Behördenbriefe für Eritreer. Auch Firouz Bohnhoff von Yalla Arabi, einer Münchner Initiative für arabische Sprache und Kultur, betont, dass Geflüchtete Hilfe bräuchten, sich im System zurechtzufinden: "Aus Unwissenheit fahren sie beispielsweise schwarz, weil man hier in Deutschland nicht nur das Ticket kaufen, sondern es eben auch abstempeln muss."

Kulturelle Veranstaltungen können es erleichtern, Zugang zu den oftmals traumatisierten Flüchtlingen zu bekommen, hat Koordinatorin Junker festgestellt. Eine Malaktion, eine eritreische Kochzeremonie und eine Jam-Session der Kulturen stehen deshalb auf dem Programm des Aktionstages "Gemeinsam hier". Er findet am Samstag, 13. Mai, von 15.30 Uhr an im Orangehouse im Feierwerk statt. Wie das Migrantennetzwerk selber, so wird auch das Fest vom bundesweiten Modellprojekt zur Stärkung der Aktiven aus Migrantenorganisationen in der Flüchtlingsarbeit gefördert. Es findet gleichzeitig in zwölf deutschen Städten statt.

Mahabuba Maqsoodi, 60 Jahre, Vorsitzende des Vereins Afghanische Frauen in München

(Foto: Stephan Rumpf)

In den Neunzigern war die Künstlerin mit ihrem Mann nach München gekommen, beide lernten im Goethe-Institut die deutsche Sprache. Als sie beobachtete, wie zuvor im Heimatland sehr eigenständige Afghaninnen sich in Deutschland auf ein Dasein als Mutter und Ehefrau beschränkten, beschloss sie 2003, einen Verein zu gründen. "Die Gleichberechtigung war für mich wie ein Licht", sagt die 60-Jährige über sich. "Afghanische Frauen in München" soll Frauen durch Beratung helfen, ihre Rechte zu kennen und sich ihres eigenen Wertes bewusst zu werden. Auch ihr selber habe zunächst die Erfahrung gefehlt, sich im System zurechtzufinden, sagt Maqsoodi. Zu Anfang sei sie einmal zu ihrer Versicherung gegangen und habe ihre Beiträge zurückgefordert - schließlich sei sie nie beim Arzt gewesen. "Da haben die mir erklärt: Das ist die Realität, du zahlst, egal ob du hingehst oder nicht." Damals habe es im Vergleich zu heute viel weniger Unterstützung für Migranten gegeben. In ihrer persischen Landessprache heiße es auch: "Du musst dich bewegen, dass Gott dir auch hilft. Man kann vieles selber erreichen."

Firouz Bohnhoff, 57 Jahre, Mitglied von Yalla Arabi

(Foto: Stephan Rumpf)

Als die Israelin vor mehr als 30 Jahren von Jerusalem erst nach Hamburg, dann nach München kam, fand sie sich unwissend in einem neuen Land. Um keine Rechnungen offenzulassen, bezahlte sie zu Beginn jahrelang Lotterie-Mitgliedschaften, Zeitschriftenabonnements und Spendenbeiträge - "ich wusste ja nicht, dass das alles freiwillige Sachen waren", erzählt sie. Damals habe es noch keine Integrationskurse gegeben. 2011 begründete sie mit anderen die Initiative für arabische Sprache und Kultur Yalla Arabi, "damit Kinder ihre Muttersprache auch außerhalb von Religionsunterricht erlernen können". Diese sei die wichtigste Voraussetzung, um eine zweite Sprache wie Deutsch zu lernen und sich erfolgreich zu integrieren. Sie findet nicht, dass die Flüchtlingsarbeit sich merklich verändert hat, seit 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen: "Die Skepsis der Skeptischen mag sich verstärkt haben, aber die Optimisten helfen weiter."

Paulo Cesar (dos Santos Conceicao), 33 Jahre, Projektleiter von samo.fa

(Foto: Stephan Rumpf)

Bevor der Brasilianer vor zwölf Jahren als Au-Pair nach Weßling kam, hatte er sich sprachlich auf Deutschland vorbereitet: mit den Texten von Rammstein. Münchner hätten es ihm mit dem Sprachenlernen nicht einfach gemacht: "Wenn die Leute mein bruchstückhaftes Deutsch gehört haben, haben sie gleich ins Englische gewechselt." Eine Geschichte ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Als ihm seine trockene Haut an den Händen im Winter zu schaffen machte, schenkten ihm Mitfahrer in der S-Bahn eine Tube Handcreme. "Hier ist es ja fast wie in Brasilien", habe er in dem Moment gedacht, auch wenn seine Au-Pair-Familie dies zügig relativierte: "Normal ist das nicht, die haben dir bestimmt nur geholfen, weil du so nett ausschaust." In München studierte er Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Nach einem Engagement beim Bayrischen BUND Naturschutz kam er 2016 zu Morgen und als Projektleiter zu samo.fa - "einen Monat, bevor mein Visum ausgelaufen wäre", sagt er.

Yosief Embaye, 58 Jahre, Vorstandsmitglied von Morgen und Mitbegründer der Eritreischen Union

(Foto: Stephan Rumpf)

Anfang der Achtzigerjahre ist der Eritreer nach Deutschland gekommen. "Ich liebe dieses Land, vor allem München", sagt der Verwaltungsfachangestellte im Rechnungswesen, der mit seiner Frau und zwei Kindern in München lebt. Deutschland habe ihm alle Möglichkeiten gegeben, deswegen möchte er etwas zurückgeben. Anfang der Neunziger gründete er mit anderen Eritreern einen eritreischen Verein, 2014 dann die Eritreische Union. Besonders die Bewältigung von körperlichen und seelischen Traumata der Geflüchteten liegt ihm am Herzen. Einsamkeit sei ein großes Problem, deshalb will er den Angekommenen vermitteln, dass auch sie es hier schaffen können. An einen Fall erinnert er sich besonders: Ein Eritreer kam mit schweren Rückenverletzungen nach München, wurde dann von München nach Berchtesgaden verlegt. Embaye wollte helfen, kontaktierte die Caritas und das zuständige Landesamt, die die Finanzierung bewilligte. Neun Stunden hätten die Ärzte den Mann operiert - mit Erfolg. Später habe der Mann sein C1-Sprachdiplom geschafft, eine Familie gegründet. "Das motiviert ungeheuerlich, wenn man so etwas erreicht", findet Embaye.

© SZ vom 10.05.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite