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Filmplakate aus Ghana:Kunst der naiven Grausamkeit

Geopferte Frauen und Kinder verwandeln sich in Banknoten: Die Pinakothek der Moderne in München zeigt 70 Filmplakate aus Ghana. Obwohl die Bilder teilweise sehr blutrünstig sind, gibt es für die Ausstellung keine Altersbegrenzung.

Michael Bitala

Das Böse hat eine sehr helle Haut, ein schönes Frauengesicht, lange blonde Haare, einen üppigen Busen und einen Fischschwanz. Es sieht aus wie eine hübsche Meerjungfrau, und das allein zeigt schon, wie verlockend die finstere Macht ist. "Mami Water" wird die mythische Figur in Afrika genannt, und in Togo, Nigeria oder Ghana gibt es ungezählte Opferaltäre, um diesen Geist zu beruhigen.

Viele Menschen jedoch, vor allem Männer, aber auch Frauen, wollen Mami Water gar nicht beruhigen. Sie gehen nachts an den Strand, um sie zu rufen und sich mit ihr auf dem Meeresgrund zu vereinigen - verspricht sie doch teuflisch schönen Sex und noch dazu luxuriöse Autos, Villen, Geld. Der einzige Haken dabei: Derjenige, der ihr verfällt, darf mit seinem Ehepartner nicht mehr schlafen, darf keine Kinder bekommen und muss unter Umständen auch Menschenopfer bringen - Kinder oder Jungfrauen.

Mami Water steht in Afrika für die Erotik des Bösen. Und schon seit vielen Jahren kommt dieser Wassergeist, dessen Kult ursprünglich aus Nigeria stammen soll, auch in Theaterstücken vor. Schauspieler fuhren einst übers Land und spielten - ähnlich der Comedia dell' Arte - in Dörfern und Städten ihre "Concert Parties". Als dann in den achtziger Jahren die ersten Videorekorder nach Westafrika gelangten und dadurch kleine Kinos entstanden und eigene Filmproduktionen, war den Regisseuren und Autoren klar, dass Mami Water ein zentrales Motiv in ihren Werken sein musste. Auf handgemalten Kinoplakaten aus dieser Zeit sieht man sie als Schönheit mit unnatürlich langen Haaren, mit einem Fischunterkörper und umgeben von Schlangen, Nixen, Blut und oft auch abgeschlagenen Körperteilen.

Die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne zeigt jetzt 70 Filmplakate, die alle in Ghana gemalt wurden und nicht nur Mami Water oder andere afrikanische Mythen illustrieren, sondern auch einen sehr eigenen Blick auf Hollywood-Blockbuster oder asiatische Actionfilme werfen. Der Rosenheimer Historiker Wolfgang Stäbler hat die großformatigen Plakate über Jahrzehnte hinweg in Ghana gesammelt, Corinna Rösner hat die Ausstellung kuratiert. Und gleich vorweg: Wer sich die Schau "Deadly and Brutal - Filmplakate aus Ghana" ansieht, wird sich wundern, wie explizit, brutal und direkt diese Bilder zum größten Teil sind. Mit subtilen Andeutungen haben sich die ghanaischen Plakatmaler nicht zufriedengegeben.

In Nigeria ist zwar in den vergangenen 20 Jahren die zweitgrößte Filmproduktion der Welt entstanden, mit 1000 bis 2000 Filmen pro Jahr liegt "Nollywood" vor den USA und hinter Indiens "Bollywood", aber die Tradition der handgemalten Kinoplakate gibt es nur in Ghana. Dort nehmen die Künstler die Rückseiten alter Mehlsäcke als Leinwand und malen dramatisch überhöhte Gemälde, die mit dem Inhalt des Films oft nur wenig zu tun haben. Da zucken Blitze aus den Augen, Töpfe sind voller Blut, Schlangen fahren zwischen die Beine einer Frau oder züngeln ihr aus dem Mund, Männer fressen Körperteile, Dämonen läuft Blut über das Gesicht, oder ein böser Geist fährt aus einem Baum. Und dazu kommen auch noch so wunderbare Filmtitel wie: "I Hate My Village - Best Nigerian Horror" oder "Bad Woman - Marr(i)ed To A Witch".

Natürlich werden in Westafrika auch internationale Blockbuster gezeigt, für die die ghanaischen Künstler eigene Kinoplakate gemalt haben. Arnold Schwarzenegger ist zum Beispiel als "Conan The Destroyer" mit verzerrter Miene und dicken Muskeln dargestellt, daneben aber ist auch noch eine Teufelsfratze auf dem Plakat zu sehen, die im Film gar nicht vorkommt. Die Künstler übernehmen also die Bilder internationaler Produktionen nicht eins zu eins, sondern geben ihnen ihre eigene Note. Den größten Erfolg aber haben die Billigfilme aus Nigeria und Ghana, die mit DV-Camcordern gedreht werden und oft nur ein Budget von 10000 Dollar brauchen. Sie thematisieren die Alltagsängste der Westafrikaner. Da geht es um Geister, Hexen, Okkultismus, Liebe, Aberglaube, Verrat, Betrug, Intrigen, Prostitution, Mord, Kannibalismus und Korruption. Und weil viele Menschen heute einen Fernseher und einen Rekorder besitzen, kommen die wenigsten Filme ins Kino, sondern werden im Fernsehen gezeigt oder direkt als DVD oder Videokassette verkauft - oft mit einer Startauflage von 200000 Stück.

Die meisten Plakate, die in der Neuen Sammlung gezeigt werden, sind für Horrorfilme, und auch da unterscheiden sich afrikanische Produktionen substantiell von anderen Slash- und Splatterproduktionen, die die Zerstörung des menschlichen Körpers um ihrer selbst willen zelebrieren. Nicht, dass die Nollywood-Horrorfilme weniger brutal wären, aber die Vernichtung eines Menschen - siehe den Wassergeist Mami Water - dient immer der persönlichen Bereicherung. Geopferte Männer, Frauen oder Kinder verwandeln sich da schon mal in ein Meer voller Banknoten. Und in all diesen Filmen geht es immer um den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und dem Teufel, und zum Schluss gewinnt die richtige Seite.

Die Kuratorin Corinna Rösner dachte anfangs darüber nach, ob die Ausstellung eine Altersbeschränkung braucht, ob also nur Erwachsene diese sehr drastischen Bildern sehen dürfen. Aber das würde den Plakaten nicht gerecht werden. Denn diese bildgewaltigen, knallbunten Motive haben eine sehr eindrucksvolle, naiv anmutende Sprache mit verzerrten Perspektiven und falschen Größenverhältnissen, teilweise wirken sie, als hätten Kinder oder Comiczeichner sie gemalt. Jedes Deckenfresko in einer oberbayerischen barocken Kirche zeigt grausamere, realistischere Motive, wenn Menschen im Höllenfeuer gequält oder Heilige geköpft oder gevierteilt werden. Dagegen wirken die äußerst sehenswerten Kinoplakate aus Ghana dann doch recht harmlos.

Deadly and Brutal - Filmplakate aus Ghana. Freitag, 1. April, bis Sonntag, 26. Juni. Die neue Sammlung - The International Design Museum Munich. Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40.

© SZ vom 01.04.2011

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