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Festival:Die Liebe, der Tod, das Werk

"Das Handwerkliche ist sehr viel besser geworden", sagt der Literaturveranstalter und -agent Johan de Blank über die Romane junger Autoren.

(Foto: Werner Siebert)

Zwanzig Jahre "Wortspiele" - ein Gespräch mit Gründer Johan de Blank über die Entwicklung des Festivals für junge Literatur

Er ist seit vielen Jahren Literaturveranstalter und -agent, etliche Münchner erinnern sich an den Historiker Johan de Blank aber auch noch als Buchhändler: Der Niederländer, der 1991 nach München kam und inzwischen in Berlin lebt, arbeitete in den Neunzigern in der Amalienbuchhandlung. 2001 gründete er in München das Festival "Wortspiele" für junge Literatur, das in diesem März zum zwanzigsten Mal stattfindet - ein Beispiel für Beständigkeit in Zeiten allgegenwärtigen Wandels.

SZ: Was war vor 20 Jahren Ihr Impuls, dieses Festival zu gründen?

Johan de Blank: Ich war ja vorher Buchhändler, da machten wir auch schon viele Lesungen. Dann gab es aber in den Neunzigerjahren das sogenannte "Fräuleinwunder", und das war eine Initialzündung. Da kamen auf einmal viele Bücher auf den Markt, die jungen Autorinnen und auch Autoren hatten aber überhaupt kein Podium, es lasen immer nur die üblichen bekannten Kandidaten. Und weil es so viele junge Autoren gab, dachte ich mir, es wäre doch eine schöne Sache, wenn man ihnen eine Bühne gibt.

Ist dieser Bedarf heute auch noch so da - was hat sich denn geändert?

Das Format, das sich in den ersten drei Jahren ein bisschen herausschälen musste, hat sich meiner Meinung nach schon bewährt. An drei Abenden in München und zwei Abenden in Wien treten ja jeweils sechs Autoren mit sehr unterschiedlichen Themen auf, vom Familienroman bis hin zu gesellschaftlich-politischen Aspekten, vom Künstlerroman bis zum Abenteuerroman - man zeigt dem Publikum also die Bandbreite dessen, was in einem Jahr auf dem deutschsprachigen Markt erscheint.

Aber ist es für junge Autoren noch so schwer wie vor 20 Jahren, im Literaturbetrieb Fuß zu fassen?

Nein, das hat sich natürlich schon geändert, die Autoren selbst sind inzwischen viel besser vernetzt und machen zum Teil auch miteinander Veranstaltungen. Aber so ein Festival ist doch noch einmal etwas anderes als individuelle Lesungen, wo ein oder zwei Autoren zusammenkommen.

Hat sich der schreibende Zugang junger Autoren zur Welt über die Jahrzehnte hinweg denn verändert?

Ein eklatantes Beispiel ist natürlich 2016, als die Flüchtlingsthematik ins Spiel kam, bis 2017 hat man das noch gespürt. Da hatte fast die Hälfte der Bücher - ich habe das damals recherchiert - direkt oder indirekt diese Thematik. Dabei ging es nicht nur um die Flüchtlinge, die zu der Zeit nach Deutschland kamen, sondern auch um eigene Biografien, die von Migration geprägt waren. Oder wenn man zum Beispiel das Thema Land und Landleben nimmt: Es fing vor zehn Jahren vorsichtig an, dass Autoren das reinbrachten in ihre Bücher, das gab es so vorher eigentlich nicht.

Es lassen sich also Trends erkennen.

Ein wenig, ja, wobei es doch meistens um das Familiäre geht, die Wurzeln, die Gesellschaft - und natürlich die Liebe. Die Liebe und der Tod - die Kracher halt.

Experimenteller ist die junge Literatur ja nicht gerade geworden in diesen zwei Jahrzehnten. Passen sich die Jungen zu sehr an die Erwartungen des Marktes an, sind sie zu sehr von Schreibseminaren und Literaturinstituten geprägt?

Da gibt es natürlich noch eine andere Sichtweise: dass die experimentelleren Sachen von den Verlagen eben nicht genommen werden. Das Handwerkliche ist sehr viel besser geworden. Und das Schräge oder Burleske trifft man stärker bei den Österreichern an. Diese Tradition hat es bei den Österreichern ohnehin immer etwas stärker gegeben, das ist dort daher auch etwas leichter zu veröffentlichen. Aber das Experimentelle als eine Art Daseinsform, so wie wir das in den Achtzigerjahren einmal hatten, das ist nicht mehr da.

Wie lang wollen Sie noch weitermachen - haben Sie keine Angst, für die jungen Autoren irgendwann als eine Art Literatur-Opa zu gelten?

Wenn sie das nicht direkt zu mir oder öffentlich sagen, kann ich damit leben... Im Moment läuft es gut, wir werden von vielen Seiten und Institutionen unterstützt - es ist einfach eine schöne Sache.

Gibt es Überlegungen, einmal etwas am Konzept zu ändern?

Bis zum zehnten Jahr haben wir das immer wieder überlegt. Wir hatten am Anfang zum Beispiel auch noch mehr Autoren eingeladen. Viele Ideen haben wir mehrmals durchdekliniert, die haben dann doch nicht so gut funktioniert. Aber irgendwann hat man mal ein Konstrukt, das läuft.

Was ist Ihnen denn in bald zwanzig Festivals besonders in Erinnerung geblieben?

Zum Beispiel gab es doch im Jahr 2010 diesen Vulkanausbruch in Island. Was das mit den "Wortspielen" zu tun hat? Na ja: alles! Das war im März, und die Autoren konnten nicht reisen, zumindest nicht fliegen. Das war ein großes Problem, aber letztendlich hat mit Ach und Krach alles geklappt. Es gab dabei nur interessanterweise einen Protagonisten namens Kristof Magnusson, halb Isländer, der war auch von mir zum Festival eingeladen. Der Titel seines Romans hieß: "Das war ich nicht"! Wir haben ihm das natürlich nicht abgekauft... Am Anfang hatten wir auch einmal die Idee, Münchner Autoren statt Journalisten moderieren zu lassen. Da hat Friedrich Ani seinen Einsatz verpasst, weil er sich im Backstage verquasselt hat. Wir haben ihn dann irgendwann rausgeschleppt, aber es war natürlich ein bisschen peinlich.

Kein Zufall also, dass er nicht als Moderator bekannt ist, sondern als Autor...

Oder zum Beispiel Michael Lentz: Ich erinnere mich noch gut an seine vierte Lesung - er war tatsächlich viermal eingeladen -: Da hat er nicht aus seinem eigenen aktuellen Buch gelesen, sondern Karl Valentin. Er hatte das nicht angekündigt, er fand es einfach lustig - und das Publikum auch.

Wortspiele, 4. bis 6. März, 20 Uhr, Ampere

© SZ vom 04.03.2020

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