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Feldmoching:Freu? Grantel!

Politiker missbilligen eine Straßenbenennung nach Comic-Übersetzerin Erika Fuchs

Von Jerzy Sobotta

Wenn in einigen Jahren Donaldisten aus der ganzen Republik in den Münchner Norden pilgern und am Bahnhof Feldmoching nach dem Weg fragen, dann möge man sie nicht auslachen. Sie sind hier schon ganz richtig: geradeaus und die nächste Straße rechts. Dort, wo jetzt nur Acker zu sehen ist, entsteht bald ein großes Neubaugebiet und mit ihm der Erika-Fuchs-Weg. Benannt wird er nach der Übersetzerin und jahrzehntelangen Chefredakteurin der deutschen Micky-Maus-Zeitschrift.

Ihre Texte dürften damit zu den im deutschsprachigen Raum mit am meisten gelesenen Druck-Erzeugnissen gehören, wodurch der Einfluss auf die deutsche Alltagssprache wohl ungleich größer ist als die hundert Meter lange Straße, die man ihr am Stadtrand zubilligt. Nicht zuletzt ist sie Namenspatronin einer besonderen Verbform, des "Erikativs" (sprachwissenschaftlich korrekt auch als Inflektiv bezeichnet). Also dem "Freu! Freu!", mit dem sich Gefühle ausdrücken lassen, wenn man denn eine Comicfigur wäre.

Comic Museum in Schwarzenbach

Kein Quak: Erika Fuchs hat die Disney-Bände mit Dagobert und Donald Duck übersetzt und die deutsche Sprache um den "Erikativ" bereichert - einen Kasus, um etwa mit "Grübel" und "Würg" Zustände zu beschreiben.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Als "Grantel! Grantel!" könnte man in diesem Sinne die Reaktion von den Lokalpolitikern im Münchner Norden betexten, als sie von diesem und fünf weiteren Straßennamen erfahren haben, die künftig das Neubaugebiet schmücken werden. Der Beschluss wurde Anfang Februar auf Empfehlung des Ältestenrates einstimmig im Kommunalausschuss des Stadtrats gefällt - und das, obwohl der örtliche Bezirksausschuss (BA) seine eigene Namensliste vorgeschlagen hatte. Statt der Comic-Übersetzerin, einer Schauspielerin, zwei Frauenrechtlerinnen und zwei Unternehmern wollten die Mitglieder des Bezirksausschusses lieber andere ehren: etwa die Feldmochinger Heimatdichterin Maria Wahler, die nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat. Oder die Nachkriegsschriftsteller Heinz Piontek, Dieter Lattmann und Rolf Reventlow, Sohn der Schwabinger Bohème-Skandalgräfin Fanny zu Reventlow.

Einen starken Bezug zu München haben zwar alle Frauen und Männer, doch die letztgenannten hätten darüber hinaus auch noch eine lokale Bedeutung für das heimatverbundene Feldmoching, betonten die BA-Mitglieder. Als ihr Vorschlag ignoriert wurde, legten sie unlängst erbost bei der Sitzung des Stadtviertelgremiums eine neue Liste nach: diesmal mit ortsgewachsenen Flurnamen wie Unterfeld, Schleißheimer Schwaigfeld oder Holzwegfeld. "Gähn! Gähn!", mögen sich da manche denken. Der Beschluss des Stadtrates sei ohnehin nicht mehr abzuändern, heißt es aus dem Kommunalreferat.

Dr Erika Fuchs

Ließ Enten sprechen: Erika Fuchs.

(Foto: Imago)

Künftig hat Erika Fuchs, die Grande Dame des Comics, also ihren Platz in direkter Nachbarschaft zu drei weiteren starken Frauen: der Sozialistin und Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz, die 1919 in der Weimarer Nationalversammlung als erste Frau eine Rede hielt, der Münchner Frauenrechtlerin Lilli Kurowski sowie der Schauspielerin und Theaterleiterin Amsi Kern. Außerdem bekommt Ludwig Beck ebenfalls eine Straße, der König Ludwig II. einst mit Knöpfen und allerlei Zierbändern versorgte und dessen Name heute auf dem großen Kaufhaus am Marienplatz prangt. Schließlich wird der Max-Kustermann-Platz nach einem Münchner Stahlfabrikanten benannt.

Bei all den vielen Vorschlägen könnte auch das Neubauviertel durchaus ein Namens-Update vertragen. Bisher ist es als "Quartier an der Hochmuttinger Straße" bekannt. Schluchz! Heimatdichter-Viertel ist nun wohl keine Option mehr. Wie wäre es dann gleich mit Entenhausen?

© SZ vom 27.02.2021
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