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Fahrradfahrer im Winter:"Solange man radelt, friert man nicht"

Schnee

Foto: Lukas Barth

Von Minusgraden und Schneebergen lassen sich trickreiche Ganzjahresradler nicht abhalten. Probleme bereiten nur die Autofahrer.

Nein, sagt Markus Garbrecht, eine orangefarbene Warnweste werde er sich sicher nicht überziehen. "Aus Gründen der Solidarität", wie er sagt. Er selber sei dann vielleicht sicherer unterwegs und werde von den Autofahrern besser erkannt. "Die anderen allerdings, die keine Warnweste tragen, werden dann leichter übersehen." Das sei ähnlich wie bei den Motorradfahrern.

Seitdem auch Autos mit Tagfahrlicht unterwegs sind, würden viele die Motorräder schlechter wahrnehmen. "Ich will aber, dass Autofahrer auf Radfahrer achten - egal, ob die eine Warnweste tragen oder nicht", sagt Garbrecht.

Dabei könnte eine solche Leuchtweste für den Ganzjahresradler Garbrecht mehr als hilfreich sein. 365 Tage im Jahr ist er unterwegs mit dem Fahrrad. Ein eigenes Auto? Hat Garbrecht vor sieben Jahren abgeschafft. Busse und Bahnen? "Sind mir zu voll und zu stickig."

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Früher arbeitete Garbrecht als Mechaniker für einen Radlverleiher am Hauptbahnhof, seit zwei Jahren betreibt er selbst eine kleine Fahrradwerkstatt in Pasing. Sämtliche Fahrten durch die Stadt bewerkstelligt er mit dem Fahrrad. Auch bei Eis und Schnee. Bei Dunkelheit und bitterster Kälte. "Das alles macht mir nichts aus", sagt Garbrecht. Man müsse sich nur richtig kleiden. Und langsam fahren.

Lieber Naturfaser statt Synthetik

Bei seiner Kleidung setzt Garbrecht auf Naturfasern. Gore-Tex oder andere Outdoor-Klamotten kommen bei ihm nicht in den Schrank. "Ich habe das mal ausprobiert", erzählt der Fahrradmechaniker. "Aber irgendwie habe ich mich da nicht wohl gefühlt." Wärme spendet in den kalten Tagen nun vor allem ein handgestrickter Wollpulli mit weiten Maschen. Darüber trägt er eine selbst genähte Jacke aus Kuhleder, darüber einen Regenponcho.

Dicke Socken und Stiefel wärmen die Füße, ein Wollstirnband die Ohren. Und an den Handgelenken trägt er meist nur Pulswärmer. Die seien besser als viele Handschuhe. "Ich fahre noch mit nackten Händen, wenn andere schon dicke Handschuhe tragen", sagt Garbrecht. Nach ein paar Kilometern aber müsse er ohnehin meist anhalten und etwas ausziehen, "weil es mir zu warm wird".

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Reflektierende Kleidung, spezielle Handschuhe und Winterreifen für das Fahrrad: Worauf man beim Radeln im Winter achten sollte.

Ganz ähnlich geht es Karoline Graf. Sie fährt jeden Tag aus Obermenzing zum Marienplatz, wo sie im Tourismusamt der Stadt beschäftigt ist. Auch sie ist nahezu das ganze Jahr mit dem Rad unterwegs, meidet den öffentlichen Nahverkehr und steigt auch ungern ins Auto. Warum sie das macht? "Ich kann mich auf den Weg machen, wann immer ich will", sagt die 51-Jährige. Lange auf den Bus zu warten, das fällt somit weg.

Unterwegs genießt sie die Eindrücke der Stadt. "Die verschiedenen Jahreszeiten, die Gerüche." Wenn sie den Königsplatz passiert, kann sie jeden Tag sehen, wie das NS-Dokuzentrum in die Höhe wächst. Sie kommt am Lenbachhaus vorbei, am Schloss Nymphenburg, am Botanischen Garten. "Das ist meine Sightseeing-Strecke", sagt sie. "Außerdem hält man sich fit." Und abends, wenn sie nach der Zehn-Kilometer-Tour zu Hause ankommt, "dann bin ich den Stress des Tages los".

Gefahren für die Winterradler

Aber auch im Winter? Bei Dunkelheit, Eis und Schnee? "Ich habe ein gut beleuchtetes Rad", sagt Karoline Graf. Dazu eine leichte Radljacke aus Funktionsfasern, einen dünnen Pulli. Mehr braucht sie nicht. "Solange man radelt, friert man nicht", sagt sie. "Da bin ich ja mein eigenes Kraftwerk." Blöd wird es nur, wenn sie sich danach beispielsweise mit Freunden auf dem Christkindlmarkt trifft - "dann reicht die dünne Jacke nicht mehr aus". Für solche Fälle hat sie immer noch etwas zum Anziehen dabei, verpackt in einer kleinen Tasche am Fahrrad.

In der sind auch nicht selten ein Rock und eine Strumpfhose verstaut, um im Büro oder bei Meetings etwas Repräsentatives zum Anziehen zu haben. Vielen Kolleginnen in der Arbeit wäre das wohl viel zu umständlich, berichtet Karoline Graf. Für sie ist das allerdings mittlerweile Gewohnheit. "Ich denke da gar nicht mehr drüber nach."

Platzprobleme auf der Straße

Konkrete Zahlen, die einen Trend hin zum Ganzjahresradeln belegen, gibt es nicht, doch Karoline Graf und Markus Garbrecht haben festgestellt, dass seit einigen Jahren immer mehr Radler auch im Winter unterwegs sind. Dabei ist das Radeln im Winter deutlich anstrengender. Vor allem der Schnee auf den Straßen mache es den Radlern nicht immer leicht, sagt Garbrecht. "Der Platz ist dann einfach beengter, für Autofahrer wie für Radfahrer."

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Er fährt dann auch mal etwas weiter hin zur Mitte der Fahrbahn. Und riskiert so, von einem verärgerten Autofahrer angehupt oder beschimpft zu werden. "Aber das nehme ich in Kauf", sagt Garbrecht. "Denn wenn ich zu weit rechts am Fahrbahnrand fahre, verleite ich die Autofahrer ja regelrecht dazu, mich viel zu eng zu überholen." Und das könne dann erst recht gefährlich werden.

Oftmals seien Winterradler zudem mehr oder weniger gezwungen, auf die Fahrbahn auszuweichen, ergänzt Martin Hänsel vom Bund Naturschutz - nämlich dann, wenn auf Radwegen der Schnee liegt oder der festgefahrene Schnee überfriert und die Radtrassen in Rutschbahnen verwandelt. In zugeschneiten Nebenstraßen wiederum "ist meines Erachtens vielen Autofahrern nicht bewusst, dass Radfahrer gar nicht anders können als in der Spur der Autofahrer zu fahren", sagt Hänsel. Radler ernteten oft Unverständnis, wenn sie so einem Auto in die Quere kommen. "Aber wo soll man denn hin?"

Der Winterradler verzichtet auf Spikes

Wichtig sei es daher, möglichst mit angepasstem Tempo unterwegs zu sein, findet Garbrecht. Er hat sein Fahrrad zudem mit einem reibungsarmen Nabendynamo ausgestattet, am Heck auch noch ein kräftiges LED-Standlicht installiert, das auch dann leuchtet, wenn er an einer Ampel steht. Reflexstreifen an den Reifenflanken und reflektierende Speichensticks sorgen dafür, dass er bei Dunkelheit besser gesehen wird. "Und ganz wichtig sind gute Bremsen", sagt er. Insbesondere bei Tausalz auf den Reifenflanken könne es sein, dass die Bremse erst mit Verzögerung anspricht. "Das muss man immer im Hinterkopf haben."

Auf Reifen mit Spikes allerdings verzichtet der erfahrene Winterradler mittlerweile. Zwei Jahre lang hatte er im Herbst Spikes aufgezogen - sich dann aber dagegen entschieden. Denn die würden nur etwas bringen, wenn wirklich viel Schnee auf den Straßen und Radwegen liegt oder der Schnee nach Tagen mit Minustemperaturen zu einer dicken Eisschicht zusammengefroren ist. In den vergangenen Wintern war das Wetter ohnehin oft so, dass man sich als Ganzjahresradler nur mit sehr wenig Schnee herumschlagen musste.

Da störten die Spikes an den Reifen mehr als sie nutzten. Und wenn dann doch einmal viel Schnee fällt, so wie in den vergangenen Tagen, weicht Garbrecht vom Radweg auf die Fahrbahn aus. "Dann fahre ich achtsam und langsam", sagt er. Und genießt die Zeit dennoch auf dem Rad, auch bei den Minustemperaturen. "Das ist für mich wie eine Art Meditation."