Ulrike Scharf "Junge Frauen sollten sich etwas zutrauen"

Ulrike Scharf (CSU) weiß, wovon sie spricht. Sie war von 2014 bis 2018 bayerische Umweltministerin.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Frauenquote im Landtag ist niedriger als vor 20 Jahren. Das spiegele die Gesellschaft nicht wider, findet die CSU-Abgeordnete.

Von Katharina Kausche und Julia Kainz

Am 8. März ist Weltfrauentag. Er steht für den Kampf um die Gleichberechtigung von Frauen und hat international eine große Bedeutung. Für Ulrike Scharf, CSU-Landtagsabgeordnete und frühere Umweltministerin, ist die Debatte um die Gleichstellung der Frau nach wie vor für ein wichtiges Thema. Zum Weltfrauentag spricht die Bezirksvorsitzende der Frauenunion Oberbayern über persönliche Erfahrungen und ihre Anliegen für die Zukunft.

SZ: In Berlin ist der Frauentag ab diesem Jahr ein Feiertag. Was halten Sie davon?

Ulrike Scharf: Mich stört die Debatte um den Feiertag. Ich finde das abwertend gegenüber Frauen. Es geht um viel tiefere Veränderungen, die wir angehen müssten. Gleiche Bezahlung oder ein gesteigerter Anteil von Frauen in Führungsebenen sind hierfür nur zwei Beispiele.

Der Frauenanteil im bayerischen Landtag ist auf 26,8 Prozent zurückgegangen. Woran liegt das?

Das ist erst mal eine sehr schlechte Nachricht und Entwicklung, da wir vor 20 Jahren im Landtag bereits eine höhere Frauenquote gehabt haben als heute. Der Landtag spiegelt unsere Gesellschaft derzeit nicht wider. Der Grund ist geschichtlich bedingt, da die Politik immer Männerdomäne war. Historisch betrachtet haben wir es schon ganz schön weit gebracht, aber trotzdem können wir mehr Frauen in die Mandate bringen. Schauen wir einfach mal an, wie viele Bürgermeisterinnen und Landrätinnen wir in Bayern finden. Im Landkreis haben wir 26 Kommunen und sechs Bürgermeisterinnen. Hier muss es definitiv Verbesserungen geben.

Haben Frauen weniger Chancen oder engagieren Sie sich zu wenig?

So monokausal kann man das nicht betrachten. Die Gründe, warum sich Frauen weniger politisch engagieren, sind sehr vielfältig. Eines ist klar: Frauen sind immer einer Doppelbelastung ausgesetzt - Familie und Beruf müssen in der Regel vereint werden.

Frauen engagieren sich politisch also seltener?

Ich glaube schon. In der CSU sind etwa 20 Prozent der Mitglieder Frauen - das ist der erste Schritt. Wenn es um das wirkliche politische Engagement geht, sind Frauen noch viel zu wenig vertreten. Das liegt ein bisschen an uns Frauen, aber auch an den Formaten, die innerhalb der Parteien angeboten werden. Man muss auch Lust haben, am Abend an Stammtischen in Wirtshäusern zu sitzen. Das ist keine typische Abendbeschäftigung für eine Frau.

Wenn Frauen dann in den Kabinetten sind, sieht es oft so aus: Sie führen Ministerien wie Gesundheit und Soziales. So auch im Landtag. Ist das Schubladendenken?

Ja, wenn es um die Verteilung der Arbeit innerhalb der Gremien geht, werden die Frauen in erster Linie mit den sozusagen "weichen" politischen Themen bedacht. Soziales, Bildung und weniger Verkehr, Finanzen, innere Sicherheit. Diese "harten" politischen Themen sind tatsächlich in erster Linie mit Männern besetzt. Das ist im Landtag nicht anders als im Kreistag. Aber meine Überzeugung ist: Alle Politik ist auch Frauenpolitik.

Hatten Sie jemals das Gefühl als Frau nicht ernstgenommen zu werden?

Früher schon, jetzt nicht mehr. Das ist auch eine Frage des Alters und der Erfahrung. In meiner ersten Amtsperiode war ich noch wesentlich jünger. Da wird man schon kritisch beobachtet von den männlichen Kollegen. Kann die Frau das überhaupt? Es ist auch eine Frage der Zeit, dass man sich Respekt und Anerkennung erarbeitet.

Ist dieser Respekt bei Ihren männlichen Kollegen schon von Anfang an da?

Das ist sicher unterschiedlich und auch mit Lebensalter und Voraussetzungen verbunden, die man mitbringt. Aber ich glaube schon, dass man Männern in der Politik zunächst mehr zutraut.

Hatten Sie jemals Vorteile oder Nachteile, weil Sie eine Frau sind?

Als ich 2002 zum ersten Mal für den Kreistag kandidiert habe, war mein Sohn noch relativ klein. Wenn ich die Veranstaltungen abends in den Wirtshäusern besucht habe, bin ich oft angesprochen worden: Wer kümmert sich denn jetzt um Ihren Sohn? Sollten Sie nicht besser zuhause sein? Seitdem eigentlich nicht mehr.

Sind Familie und Beruf vereinbar?

Definitiv. Allerdings muss man viel mehr organisieren und sich darum kümmern, wie ein kleines Kind betreut werden kann. Ich hatte großes Glück. Wir haben uns im Rahmen meiner Großfamilie sehr gut arrangieren können. Ansonsten geht es immer wieder um die Frage, ob wir genügend Betreuungsplätze haben und ob Mütter das auch wollen. Das ist eine sehr individuelle Entscheidung, die jede Frau für sich beantworten muss.

Und diese Frage stellt sich Männern eher weniger?

So wie sich mir die Situation derzeit darstellt, ist das auf jeden Fall so. Bei Männern gibt es meistens eine Ehefrau, die den gebügelten Anzug und das Hemd hinhängt und die Schuhe geputzt hat. Ich hoffe, dass die kommenden Generationen das partnerschaftlicher aufteilen. Einer meiner männlichen Kollegen hat fünf Kinder und ist noch nie danach gefragt worden "Wie bringen Sie eigentlich den Beruf mit fünf Kindern unter einen Hut?"

Sie saßen von 2006 bis 2008 schon einmal im Landtag. Was hat sich seitdem im Frauenbild, in der Politik geändert?

Es tut sich immer was, weil die Parteien ja auch bemüht sind, dass sich mehr Frauen engagieren. Wir haben 2010 die Quote in der CSU eingeführt. Auch damals wurde innerparteilich intensiv diskutiert, wie wir den Frauenanteil erhöhen können. Der Beschluss lautete, dass auf Bezirks- und auf Landesebene 40 Prozent Frauen in den Vorständen sein sollen. Das klappt seitdem auch, was sich aber noch nicht für die Parlamentarierinnen ausgewirkt hat.

Wäre eine Frauenquote sinnvoll?

In Berlin wird zurzeit eine Wahlrechtsreform diskutiert. Ich glaube nicht, dass es verfassungsrechtlich konform ist, dass das Parlament zu 50 Prozent aus Frauen und zu 50 Prozent aus Männern bestehen soll. Man muss vorher ansetzen. In den Parteien muss sich etwas ändern. Es muss das klare Ziel sein, dass mehr Frauen in unseren Parlamenten vertreten sind.

Was muss sich noch konkret verändern?

Im Bereich Equal Pay muss sich etwas tun. Es ist unverständlich, dass man genauso gut ausgebildet ist wie ein männlicher Kollege und unter Umständen weniger verdient. Wichtig ist auch, dass Frauen in Gehaltsverhandlungen selbstbewusst auftreten und sich nicht "unter Wert verkaufen". Außerdem ist es mir ein großes Anliegen, dass der Frauenanteil in den Parlamenten steigt. Unsere Gesellschaft muss in den Parlamenten und seinen Gremien richtig abgebildet werden. Derzeit ist das leider nicht der Fall. In meinem Arbeitskreis für Wirtschaft bin ich als einzige Frau, neben der Referentin, bei den Vorbereitungen für die Ausschusssitzungen dabei. Hier muss sich definitiv etwas ändern.

Was würden Sie jungen Frauen raten?

Junge Frauen sollten selbstbewusst auftreten und sich wirklich etwas zutrauen. Wichtig ist, dass wir das Bewusstsein schaffen, dass Frauen genauso wie Männern die Welt mit all ihren Möglichkeiten offen steht. Die Frauenunion Oberbayern unterstützt junge Frauen auf ihrem Weg in die Politik durch das seit Jahren sehr erfolgreiche Mentoring-Programm und seit diesem Jahr auch mit einem selbst entwickelten Seminarprogramm im Hinblick auf die Kommunalwahlen 2020.