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Oberding/Garching:Antike Spitzentechnik trifft Smartphone

Ist nach zwei Jahren und vielen durchgearbeiteten Nächten stolz auf seinen Nachbau des antiken Computers Antikythera - der Physiker Skoulatos.

(Foto: Wenzel Schürmann)

Der Oberdinger Physiker Markos Skoulatos hat ein Modell der 2000 Jahre alten Rechenmaschine Antikythera nachgebaut. In Zukunft sollen Nutzer damit Planetenstellungen ermitteln können - mithilfe ihres Handys

Von Nadja Gabrych

Eine Dokumentation der BBC über den Antikythera-Mechanismus hat im Jahr 2012 den Tüftlergeist von Markos Skoulatos geweckt. Der Physiker von der TU München, der in Oberding lebt, arbeitete zwei Jahre lang viele Nächte an einer Nachbildung des antiken Computers. Jetzt möchte der Oberdinger sein Replikat mittels Mikromotor an die digitale Zeit anpassen. Einfach und unkompliziert sollen so vor allem junge Menschen die Rechenmaschine mit ihrem Smartphone oder Tablet ausprobieren können und einen Zugang zu Astronomie und Physik bekommen.

Am "ältesten Computer" der Welt, wie Skoulatos den Antikythera nennt, konnten die Menschen im antiken Griechenland ein Datum einstellen und bekamen eine Fülle an Informationen zu den Positionen der unterschiedlichen Himmelskörper. Der Mechanismus der 2000 Jahre alten Rechenmaschine ist nach der griechischen Insel Antikythera benannt, dort wurden die Überreste im Jahr 1900 von Schwammtauchern entdeckt.

Markos Skoulatos arbeitet an der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz der Technischen Universität München. Als er 2012 den BBC-Bericht über den Fund der Schwammtaucher ansah, war es um den Physiker geschehen, er wollte den faszinierenden Apparat unbedingt nachbauen. "Es war kompliziert und interessant zugleich mit einer Menge Mathematik und Astronomie im Inneren", sagt Physiker. Bis auf die dreidimensionalen Bildaufnahmen des Computers, deren Anfertigung erst in 2005 durch eine Tomografie möglich war, und zwei im International Scientific Journal veröffentlichten Abhandlungen mit grundlegenden Informationen gibt es keine genauen Anleitungen oder Beschreibungen wie der Mechanismus funktioniert. Der Herausforderung, die Rechenmaschine trotz weniger Daten zu rekonstruieren stellten sich neben Markos Skoulatos bisher nur fünf weitere Wissenschaftler, denn der Nachbau koste vor allem eins: Zeit. "Während der zwei Jahre wurde es zu meinem Hobby", sagt Skoulatos. Oft sei er abends am Schreibtisch gesessen, während seine Familie schon schlief. "Die Zeit hat sich auf jeden Fall gelohnt", ergänzt er.

Der Antikythera-Mechanismus funktioniert auf Basis von Zahnrädern und ohne Elektrizität. Mittels Hebel wird ein Datum ausgewählt, die einzelnen Rädchen setzen sich in Bewegung und das Gerät zeigt für den Tag Informationen an: Position und Phase von Sonne und Mond, Stellung von Merkur, Venus, Saturn, Mars und Jupiter, mögliche Sonnen- und Mondfinsternisse und Tag, Monat und Jahr des Sonnen- und Mondkalenders. "Vor 2000 Jahren wussten die Menschen durch einen Blick in den Himmel, welche Zeit es ist und welcher Abschnitt im Jahr", berichtet Skoulatos.

Der Physiker will antike Technik und digitale Gegenwart miteinander verbinden. "Fast jeder hat heutzutage ein Smartphone, das möchte ich nutzen." Mittels Wifi soll der Mechanismus gesteuert werden können, sodass der fragile Computer hinter Glas geschützt ist und trotzdem ausprobiert werden kann. "Die Menschen sollen keine Angst haben, es nicht zu verstehen, sondern es einfach ausprobieren. Die Uhr lesen ja auch viele, obwohl sie die präzisen Abläufe im Inneren nicht genau kennen", sagt Skoulatos. Die Digitalisierung bringt die Gefahr mit sich, dass Menschen den Zugang zur echten Welt verlieren. Das möchte Skoulatos mit seiner Nachbildung der antiken Rechenmaschine verhindern, ohne den technischen Fortschritt auszuschließen. "Ende August oder Anfang September" will der Oberdinger Physiker mit der Anfertigung der interaktiven Steuerungsfunktion für seine Nachbildung fertig sein. "Vielleicht möchte es dann ein Museum haben, um es für junge Menschen auszustellen", sagt Skoulatos.

© SZ vom 20.08.2018

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