Jahrestagssitzung:Das Erbe des Schweinstreibers

Jahrestagssitzung: Die Niklbrüder auf einem Zeitungsausschnitt von 1929. Damals wurden nur Männer aufgenommen. Das hat sich seither geändert.

Die Niklbrüder auf einem Zeitungsausschnitt von 1929. Damals wurden nur Männer aufgenommen. Das hat sich seither geändert.

(Foto: Renate Schmidt)

Hans und Adelheid Scheibel gründeten 1406 die Dorfener Nikolaibruderschaft. Bis heute erfüllt diese soziale Aufgaben.

Von Thomas Daller, Dorfen

Jedes Jahr am Nikolaustag tritt in Dorfen die Nikolaibruderschaft zusammen, ein zwölfköpfiges Gremium, das Menschen hilft, die ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind. Die Bruderschaft ist eine der ältesten kommunal mitverwalteten Stiftungen des Landkreises, mit einem Bilanzvolumen von 4,8 Millionen Euro. Sie geht auf eine Waldstiftung der Schweinehändler Hans und Adelheid Scheibel zurück, die verfügten, dass arme Dorfener das geerntete Brennholz bekommen, um im Winter nicht zu frieren. Das Brennholz wird mittlerweile im Hackschnitzelheizkraftwerk der Dorfener Fernwärme verbrannt und mit dem Erlös werden soziale Aufgaben erfüllt.

Sozialhilfeempfänger, Geflüchtete oder in Not geratene Dorfener können bei der Nikolaistiftung Hilfe beantragen. Vorrangig ist die Bruderschaft das finanzielle Rückgrat der Tafel Dorfen. 2023 übernimmt sie 18.400 Euro der Mietausgaben für die Tafel und die Obdachlosenunterbringung im Alten Krankenhaus, 3200 Euro für den Fahrzeugunterhalt des Tafelautos und plant eine Rückstellung von 14.000 Euro für ein Ersatzauto für die Tafel. Zudem sorgt sie beispielsweise auch dafür, dass 70 bis 80 Kinder von Geflüchteten zu Weihnachten ein "Schneerutscherl" und im Sommer eine Zwölferkarte für das Freibad bekommen. Ferner gibt es eine Weihnachtsbeihilfe für etwa 180 bedürftige Erwachsene in Höhe von 30 Euro und für etwa 110 bedürftige Kinder in Höhe von 90 Euro.

Die Stiftung geht auf den Schweinehändler Hans Scheibel und seine Frau Adelheid zurück, deren Vermächtnis im sogenannten Schweinstreiberbuch festgehalten ist. Sie stifteten wohl um das Jahr 1406 neun Wiesen und 180 Tagwerk Wald. Die Fundaments- und Schenkungsurkunde ist allerdings nicht erhalten geblieben. Das Pfarramt Oberdorfen, wo sie vermutlich aufbewahrt wurde, hat viele Unterlagen während des Dreißigjährigen Krieges nach Dorfen gebracht, wo man sie sicherer wähnte. Als die Schweden Dorfen brandschatzten, verbrannten sie mit. Nur das "Buch der Schweinstreiber" aus dem Jahr 1406 ist in Abschriften erhalten.

Mesner, Pfarrer und Schulmeister erhielten demnach am Nikolaustag einen bestimmten Pfennigbetrag und die Nikelbrüder je vier Klafter Weichholz. Das alte Raummaß Klafter hatte eine Kantenlänge von etwa 1,8 Meter. Mittlerweile hat die Stiftung mehr als 600 Jahre Bestand. Sie hat sich seit den 1980er-Jahren neu aufgestellt, unrentable kleine Waldstücke verkauft und mit diesem Geld in Immobilien investiert. Cashcow ist aber nach wie vor das größte Vermögen - das Niklholz bei Breitenweiher, Gemeinde Taufkirchen.

Die Wälder sind weitgehend an die Stadtwerke Dorfen verpachtet. Über die Hackschnitzelheizungen, die die Stadtwerke betreiben, sorgen die Wälder der Nikolaistiftung bis heute für eine "warme Stube" in Dorfen. Aus den Pachteinnahmen werden die sozialen Projekte finanziert. Der Überschuss aus der Waldbewirtschaftung betrug 2023 mehr als 43.000 Euro.

Mit dem Holz der Stiftung wird ein Hackschnitzelheizkraftwerk betrieben

Diplom-Forstingenieur Walter Zwirgelmaier betreut für die Stiftung den Wald und gab beim Jahrestag einen Zustandsbericht. Demnach befinden sich auf den 100 Hektar Fläche zu 52 Prozent Fichten, 16 Prozent Buchen und zehn Prozent Eichen. Drei Prozent werden alljährlich erntereif. Der Umbau in einen klimastabileren Mischwald ist bereits seit Anfang der 1990er-Jahre in vollem Gange, nachdem die Stürme Vivian und Wiebke Löcher in die Wälder gerissen hatten. Seither werden beispielsweise Douglasien, Edelkastanien und Schwarznuss nachgepflanzt.

Mit dem Holz wird das Hackschnitzelheizkraftwerk betrieben. 2022 wurden damit 20 Millionen Kilowattstunden Wärme erzeugt, sagte Stadtwerke-Geschäftsführer Klaus Steiner in der Sitzung. Etwa zehn Prozent der Dorfener Haushalte werden bereits mit der Fernwärme versorgt, aktuell sind sieben Millionen Euro für den weiteren Ausbau vorgesehen: "Eine gewaltige Investition für eine Kleinstadt", sagte Steiner.

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