Zum 100. Geburtstag von Heinar Kipphardt:Arzt und Autor, Marxist und Freund der Bauern

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Zum 100. Geburtstag von Heinar Kipphardt: Heinar Kipphardt bei einer Demonstration 1980 gegen den Bau des Münchner Großflughafens im Erdinger Moos, wo er als Redner auftrat.

Heinar Kipphardt bei einer Demonstration 1980 gegen den Bau des Münchner Großflughafens im Erdinger Moos, wo er als Redner auftrat.

(Foto: Bauersachs Peter)

Heinar Kipphardt wurde am 8. März 1922 in Schlesien geboren. Der bedeutende Schriftsteller und Dramatiker lebte und arbeitete von 1965 bis zu seinem Tod im November 1982 im Landkreis Erding, in einer alten Mühle im Weiler Angelsbruck an der Strogn.

Von Peter B. Heim, Fraunberg

Heinar Kipphardt war seinerzeit einer der interessantesten und wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Sein Stück "In der Sache J. Robert Oppenheimer" gehört zu den Klassikern des modernen Theaters. Auch sein letztes Stück "Bruder Eichmann" erregte international Aufsehen. An diesem Dienstag wäre Heinar Kipphardt 100 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Jahrestags veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung einen im April 2003 erstmals erschienen Artikel von Peter B. Heim noch einmal, der damals in der SZ-Serie "Landpartie literarisch - Auf den Spuren großer Dichter im Münchner Umland" erschienen war:

Wer im Landkreis Erding den Spuren des Schriftstellers und Dramatikers Heinar Kipphardt folgen möchte, wird wohl mit dem Auto anreisen. Deshalb muss zu Beginn eine Empfehlung ausgesprochen werden: Sollte nämlich die Anreise über den Ort Notzing erfolgen, so ist besondere Vorsicht geboten. Als im Sommer 1965 Heinar Kipphardt und seine spätere Frau Pia eine alte Mühle in dem Weiler mit dem himmlischen Namen Angelsbruck zum ersten Mal besichtigen wollten, kam es zu einem Unfall. Ein Oberförster demolierte den Citroen DS des Schriftstellers, der Besichtigungstermin drohte zu platzen. Doch Heinar und Pia Kipphardt besorgten sich ein Taxi für die Weiterfahrt, kamen rechtzeitig nach Angelsbruck und fanden dort ihr Domizil fürs Leben: die ehemalige Strommühle am Fluss Strogn. Bis zu seinem Tod im November 1982 lebte und arbeitete Heinar Kipphardt in der Mühle, hier entstanden seine berühmtesten Werke, so auch Dramen wie "Die Soldaten" oder der "Bruder Eichmann".

Ehe er im Erdinger Holzland Ruhe und Muse fand, hatte der 1922 in Schlesien geborene Kipphardt ein unstetes Leben hinter sich. Die Nazis hatten seine Familie terrorisiert und den Vater in Lagern inhaftiert. Kipphardt musste nach Krefeld umsiedeln, später zum Kriegsdienst einrücken. Nach einer Ausbildung zum Arzt siedelte er 1949 in die DDR über, wurde dort Dramaturg und mit dem Nationalpreis geehrter Dramatiker. 1959 kam er zurück in die Bundesrepublik und machte 1964 mit dem Stück "In Sachen J.Robert Oppenheimer" auch hier Furore.

"Meine Nachbarn, die Bauern, irritiert stark mein intimes Verhältnis zu dem Privatgelehrten Karl Marx."

Und nun die neue Heimat im Erdinger Land: Hier arbeitete Heinar Kipphardt an "März", der eindrucksvollen Geschichte aus dem Leben eines schizophrenen Dichters, die als Roman und Bühnenstück großen Erfolg hatte. Hier verfasste er Gedichte, die 1977 unter dem Titel "Angelsbrucker Notizen" erschienen. Darin hat er auch sein Leben mit der bäuerlichen Nachbarschaft geschildert: "Meine Nachbarn, die Bauern, irritiert stark mein intimes Verhältnis zu dem Privatgelehrten Karl Marx. Dessen Geheimlehre kennen zu lernen offerieren sie sommertags auf den Mühlwiesen ein Schwein zu braten, damit ich ihnen bei genügend Bier den Marx erkläre in einem Zuge und hinsichtlich der Erwartungen der Landwirtschaft."

Das lang gestreckte Bauernhaus und die idyllisch am Wasser gelegene Mühle in Angelsbruck ist natürlich Ausgangspunkt für diese literarische Wanderung. Wenn man den Weiler in östlicher Richtung verlässt und die Strogn überquert, gelangt man zum ersten dieser Nachbarn: Hier holten die Kinder des Schriftstellers und bekennenden Marxisten die Milch. Doch will man wissen, wo und mit wem der zeitweilige Dramaturg der Münchner Kammerspiele manches Fest feierte, folgt man der Straße nach Helling, vorbei an Äckern und Wiesen, lässt den kleinen Ort mit den drei Gehöften hinter sich. Bis Grafing ist es nicht allzu weit, etwa drei Kilometer orientieren sich Straße und Wiesen am gewundenen Lauf der Strogn. Der erste Hof auf der linken Seite ist der von Hans Pfanzelt. Biegt man ein Stück weiter nach rechts ab, steht nach einer weiteren Abzweigung am Rand der Felder das Haus von Fritz Pfanzelt, in dem heute noch dessen Frau Therese lebt. Nachdem Heinar Kipphardt ganz in der Nähe "Geysire entdeckt hatte", wurden mit den Pfanzelts Fischteiche angelegt, die noch immer existieren und lukullische Grundlage für manches Sommerfest in Angelsbruck oder Grafing waren.

In seinen Stücken setzte er sich mit der dunklen Seite menschlicher Psyche auseinander

Heinar Kipphardt liebte nämlich nicht nur gutes Essen, in Angelsbruck wurde auch Gastfreundschaft groß geschrieben und fröhlich gefeiert. In seinen Stücken setzte er sich allerdings eher mit dem Schrecken und der dunklen Seite menschlicher Psyche auseinander, mit dem "Vater" der Atombombe, J. Robert Oppenheimer, beispielsweise oder dem Hitler-Vasallen Eichmann. Über diesen schrieb Kipphardt: "Das Stück beschreibt, wie ein ziemlich durchschnittlicher junger Mann aus Solingen, aufgewachsen in Linz, (...) auf sehr gewöhnliche Weise zu der monströsen Figur Adolf Eichmann wird, die administrative Instanz im Genozid an den europäischen Juden, ein ,Rädchen im Getriebe', wie er sich nennt, ein ,Funktionär des Krieges', durch Befehl und Eid gewissensgeschützt."

Die schweren Gedanken an solche "monströse Figuren" erleichtert dann allerdings der Blick auf die Landschaft mit den Hügeln des Holzlandes und der mäandernden Strogn auf dem vom Kirchturm gewiesenen Weg nach Reichenkirchen. Dort können sich Literatur-Wanderer erst einmal im Gasthaus Pfanzelt stärken. Hier saß auch der "Herr Doktor" und Schriftsteller nicht selten am Stammtisch. Wie es sich gehört in einer bayerischen Ortschaft, sieht man von hier aus auch die Kirche und den Friedhof. Dort wurde Heinar Kipphardt 1982 beerdigt. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Schriftsteller ein Grab auf dem Gottesacker bekam, obwohl er der katholischen Kirche alles andere als zugetan war. Der Schriftsteller hatte seinen Nachbarn einfach imponiert.

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