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Autobahn A94:Den Rasern heimleuchten

Viele Auto- und Lastwagenfahrer hupen im Vorbeifahren "Man weiß aber nicht, was das heißt - ihr habt's recht oder ihr seid blöd".

(Foto: Renate Schmidt)

Mit Protestfeuern entlang der Isentalautobahn machen Anwohner darauf aufmerksam, dass sie noch da sind. Seit das Tempolimit aufgehoben worden ist, werden sie nachts wieder öfter aus dem Schlaf gerissen

Von Florian Tempel, Dorfen

Der Montagabend war ein wunderbar lauschiger Sommerabend, herrlich sternklar und so mild, dass man nicht unbedingt eine Jacke brauchte. Ganz anders als der verregnete, saukalte Novembertag 2019, als viele A 94-Anwohner schon einmal überall entlang der Isentalautobahn Feuer und Fackeln entzündeten, um auf den brutalen Verkehrslärm aufmerksam zu machen. Das Wetter war diesmal viel besser, der Lärm von der A 94 genau so schlimm. Und deshalb waren sie alle wieder dabei. Seit das Tempolimit auf den 33 Neubaukilometern per Gerichtsbeschluss gekippt ist, bekommen die Leute im Isental wieder die volle Dröhnung ab: Die Raser sind zurück und reißen die Leute an der Autobahn aus dem Schlaf.

"Da muss man nachts um 3 Uhr aufstehen und das Fenster schließen", sagt Agnes Krenn aus Oberhausmehring. Wenn der Raser vorbeigezogen ist, legt sie sich wieder hin und hofft, dass sie noch mal einschlafen kann und nicht wach liegen bleibt, mit trüben Gedanken im Kopf, und ab 5 Uhr mit dem anschwellenden Morgenverkehr in den Ohren. Dass die nächtlichen Vollgasfahrer einem die Nachtruhe zerstören, ist am Montagabend überall an den Protestfeuern Gesprächsthema. Und wie es sein kann, dass ein Gericht einem Einzelnen Recht gibt, dass er sein Gaspedal durchdrücken darf, egal was mit den Anwohnern ist. Die Menschen im Isental wollen allen Vollgas-Egoisten heimleuchten.

Von Ötz in der Gemeinde Buch bis hinter Obertaufkirchen im Landkreis Mühldorf haben sich größere und kleiner Gruppen zum flammenden Protest eingefunden. Auf eine Kundgebung wie im vergangenen Jahr haben die A 94-Anwohner verzichtet. Auch wegen den Auflagen, die bei einer Demo in Corona-Zeiten zu erfüllen wären. Verbunden sind sie am Montagabend wie sonst auch in den vergangenen Monaten: Vor allem über Whatsapp halten sie Kontakt und informieren sich gegenseitig über Neuigkeiten. Und so sehen alle, auch wenn sie mit großem Abstand entfernt sind, die Fotos, die nacheinander in ihrer Whatsapp-Gruppe aufploppen. An vielleicht 20 Stellen stehen A 94-Anwohner an Holzfeuern oder halten Fackeln in den Händen. Dass so viele noch und wieder dabei sind und nicht klein bei geben wollen, hebt die Stimmung, bei allem Frust.

"Wir könnten das öfter machen", sagt Isolde Freundl aus Lindum, die mit fast 50 anderen zusammen an die Brücke über die Autobahn zwischen Watzling und Pausenberg gekommen ist: "Machen wir Montage gegen Verkehrslärm, so wie Fridays for Future." Sie und ihre Mitstreiter wollen den Protest aufrecht erhalten, nicht nachlassen. Denn an den A 94-Lärm, "kann man sich nicht gewöhnen", sagt Nina Gribl-Karst aus Lengdorf.

Eigentlich wollten sie mit Fackeln auf der Brücke über der A 94 stehen. Die Polizei hat das nicht erlaubt, weil es die Autofahrer zu sehr ablenken würde. Eine Streife ist am Abend gekommen, um nachzuschauen, ob sich alle daran halten, das die Brücke tabu ist. Doch auch am Autobahnrand, oben auf der Böschung, sind 50 Menschen mit Fackeln ein eindrucksvolles Bild. Viele Auto- und Lastwagenfahrer hupen ihnen im Vorbeifahren zu. Mal lang gezogen, mal im Stakkato. "Man weiß aber nicht, was das heißt", sagt Isolde Freundl, "ihr habt recht oder ihr seid blöd".

Während des Lockdowns war für einige Wochen relative Ruhe an der Isentalautobahn eingekehrt. Der schönste Tag war der Ostersonntag. Da war es fast wie früher, als die Häuser der jetzigen Autobahnanwohner noch richtig auf dem Land lagen oder an nur wenig befahrenen Nebenstraßen. Auch das Tempolimit hat zwischenzeitlich etwas Erleichterung geschafft. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Tempobegrenzung so viel ausmacht", sagt Roswitha Höhne aus Außerbittlbach, die mit ihren Nachbarn auf der Pferdekoppel hinter ihrem Haus ein Mahnfeuer entzündet hat. Erst war sie skeptisch, ob sie überhaupt bei den Feuern mitmachen wollte. Doch nach dem Abend ist sie froh. Besonders gefreut hat sie, dass zwei ihr unbekannte Lengdorfer mit dem Rad nach Außerbittlbach gekommen sind. Weil auch sie, die ein Stück weiter weg wohnen, sich mit dem akustischen Verkehrsmüll nicht abfinden wollen.

Genau wie Angelika und Andreas Haas aus Armstorf. Sie haben sich ganz nahe neben der Autobahnausfahrt Dorfen mit einer Feuerschale auf einem Feldweg platziert. Es ist nur eine kleine Gruppe. "Jeder organisiert sich einzeln", sagt Angelika Haas. Aber auch für dieses Feuerchen gibt es behördliche und polizeiliche Genehmigungen. Ein Dorfener kommt mit dem Rad, zwei andere zu Fuß und der Bürgermeister von St. Wolfgang. "Manchmal gibt es Tage, da sitze ich auf der Terrasse und denke, es geht", sagt Angelika Haas. Aber das gehe bei ihr nur für kurze Zeit: "Es gibt keine Gewöhnung, definitiv nicht."

© SZ vom 18.09.2020
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