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Ausstellungen:Zeit fürs Museum

Das Wetter an Pfingsten wird wohl nur mäßig gut, die Ausstellung "Erding 1945 - Wessen Heimat?" ist außerordentlich sehenswert. Tassilo-Preisträger Giulio Salvati behandelt Themen aus der NS-Zeit und der Nachkriegsjahre, Wolfgang Fritz zeigt beeindruckende Objekte

Von Florian Tempel, Erding

Die Ausstellung "Erding 1945 - Wessen Heimat?" öffnete mit einem Jahr Zeitverzug.

(Foto: Renate Schmidt)

Es wird Zeit, endlich mal wieder ins Museum zu gehen. Die als wenig sonnig und heiter angesagten Pfingstfeiertage bieten sich an. Am vergangenen Wochenende war, unter Berücksichtigung der Corona-Umstände, schon richtig viel los im Museum Erding. Fast 120 Besucher kamen am deutschlandweiten Museumssonntag. Der Tag wurde auch zur inoffiziellen, nachgeholten Eröffnung der Sonderausstellung des mit dem Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichneten Erdinger Historikers Giulio Salvati () zu NS-Zwangsarbeit und weiteren, bislang in Erding wenig beleuchteten Themen der Zeit während und nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg. Die Ausstellung "Erding 1945 - Wessen Heimat?" ging mit einem Jahr Zeitverzug formal am 17. April an den Start. Da durfte aber noch keiner rein ins Museum. Am Sonntag vor einer Woche kamen dann unter anderem die Landtagsabgeordnete Ulrike Scharf (CSU) und der polnische Konsul Marcin Król.

Henryk Paplicki wurde 1943 nach Notzing verschleppt und blieb.

(Foto: Renate Schmidt)

Letzterer war da, weil ein großer Teil der NS-Zwangsarbeiter aus Polen stammte. Wie etwa Henry Paplicki, der 1943 verschleppt wurde und als einer von wenigen nach 1945 im Landkreis Erding blieb. Seine besondere Biografie regte den Oberdinger Bildhauer Wolfgang Fritz zu seiner Objekt-Serie "Verwachsungen" an und brachte ihn in Kontakt mit Salvati. Fritz war vor mehr als zehn Jahren auf einen alten, verlassenen Hof in Notzing aufmerksam geworden, wo haufenweise alte Ackergeräte lagerten. Paplicki hatte sie gesammelt und aufgehoben zu welchem Zweck auch immer. Den Holzbildhauer faszinierte die Verbindung, die das Metall mit den Stämmen und Ästen von Eschen eingegangen war. Im Laufe der Jahrzehnte waren etwa die Querstreben eines Gittertors oder die Speichen eines Wagenrades vom Holz durchdrungen und regelrecht eingewachsen. Salvati war gleichermaßen fasziniert von dem Fund und der künstlerischen Umsetzung mit ihrer außerordentlich starken symbolischen Wirkung: "Für mich persönlich war das Problem am Thema Zwangsarbeit immer, dass es unsichtbar ist", sagt Salvati. Die von Wolfgang Fritz bearbeiteten Objekte sind in dieser Hinsicht ein wunderbarer Glücksfall.

Paplicki sammelte alte Ackergeräte, die später mit Eschen verwuchsen.

(Foto: Museum Erding)

Das Leben von Henry Paplicki ist hingegen "die Geschichte eines unsichtbar Dagebliebenen". 1920 geboren war er der jüngste Sohn einer Bauernfamilie im Dörfchen Zapolice, wo er im elterlichen Betrieb mitarbeitete. Als im März 1943 zum wiederholten Mal deutsche Soldaten in sein Dorf kamen, um Menschen für die Zwangsarbeit in Deutschland zu fangen, versteckte sich der junge Mann vergeblich in der Scheune. Bis zu seinem Tod vermutetet er, dass er verraten worden war - und kehrte wohl auch deshalb nach 1945 nicht zurück nach Polen. Nur ein einziges Mal, in hohem Alter, besuchte er seine frühere Heimat. In Notzing war aus Henryk der "Heini" geworden. Er arbeitete und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2000 in Notzing.

Das Gebetbuch war dereinzige Privatbesitz, den Henryk Paplicki aus Polen mitbrachte.

(Foto: Renate Schmidt)

Neben dieser Biografie und allgemeineren Ergebnissen zur NS-Zwangsarbeit behandelt Salvati in der Ausstellung weitere Themenfelder, die im Schnittfeld von Fremdsein und Heimat angesiedelt sind. Es geht um die Bombardierung von Erding am 18. April 1945, die Probleme um zu knappen Wohnraum, sexuelle Gewalt vor und nach 1945 sowie die Beziehung von Einheimischen zur US-Militärregierung. Jedes dieser Themen ist hochinteressant. Nur ein Beispiel von Salvatis Rechercheergebnissen: In Algasing bei Dorfen wurden nach 1945 Männer und Frauen mit Geschlechtskrankheiten behandelt. Die Namen der Frauen wurden auf einer Liste in Dorfen öffentlich ausgehängt. Welche Männer sich Syphilis oder Gonorrhoe eingefangen hatten, interessierte nicht.

Das Museum Erding kann von 13 bis 17 Uhr nach Anmeldung unter 08122/408158 oder E-Mail an museum@erding.de besucht werden. Auch Spontan-Anmeldungen sind bei freien Besucherkapazitäten möglich. Neben der Sonderausstellung können auch alle anderen Abteilungen besucht werden.

© SZ vom 22.05.2021
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