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Dorfen:Die Wut über die A 94 nimmt zu

Fünf Wochen nach der Eröffnung der Isentalautobahn erreicht die Empörung über die für viele unerträgliche Lärmbelastung einen Höhepunkt. Sofortige Tempolimits sind nach einhelliger Ansicht notwendig und nur eine Minimalforderung

"Man muss die Möglichkeit bekommen, zu überprüfen, ob die Autobahn richtig gebaut ist," sagte Landratskandidat Hans Schreiner beim Termin auf dem Anwesen der Familie Rott.

(Foto: Renate Schmidt)

Am Freitagnachmittag steht die Runde aus A 94-Anwohnern und Kommunalpolitikern bei den Rotts im Hof. Der Lärm, der von der Autobahnbrücke herüber dröhnt, ist schrecklich. Es ist ein an- und abschwellendes brummendes Pfeifen, ein hässlicher Mix unangenehmer Frequenzen, die so tun, als ob sie gleich aufhören würden und dann doch sofort wieder anziehen. Michael Rott entschuldigt sich, "dass es heute gar nicht so laut ist". Er glaubt wohl, das sei in diesem Moment nicht wirklich eindrucksvoll. Wenn man an diesem Freitagnachmittag eine Inversionswetterlage hätte, sagt Michael Rott, wäre der Autobahnlärm dreimal so intensiv.

Hans Schreiner, der gemeinsame Landratskandidat der Freien Wähler, der Grünen und der SPD, ist gekommen, um sich ein eigenes Bild der Lage zu machen. Man hat ihm drei Stationen ausgesucht. Zuerst an der Goldachtalbrücke, danach in Lindum unweit der Lappachbrücke und zum Abschluss an der Monsterbrücke quer durch Isental südwestlich von Lengdorf. Man muss den Autobahnlärm selbst erleben, man kann ihn sich nur schwer vorstellen. Rita Rott sagt, sie habe sich viele Jahre lang darauf vorbereitet, war auf das Schlimmste gefasst und doch "schockiert", als es Anfang Oktober losging.

Die Wut und Empörung über den A 94-Lärm hat dieser Tage einen Höhepunkt erreicht. Der Stadtrat Dorfen hat einstimmig eine Resolution verfasst, die CSU-Bürgermeister haben versprochen, sich im "Schulterschluss" mit den lokalen CSU-Abgeordneten für ins Zeug zu legen, und Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) teilt am Freitag mit, er werde "die Erstellung eines eigenen Gutachtens beauftragen, das unter anderem die Zahl der Fahrzeuge und Berechnungen für neuralgische Punkte beinhalten soll". Er tue das, schreibt Bayerstorfer, weil von der Regierung von Oberbayern "nicht mit Unterstützung zu rechnen ist". Wieso Bayerstorfer überhaupt Hoffnungen auf die Bezirksregierung setzte, wird nicht erläutert. Vertreter der Autobahndirektion Südbayern haben in den vergangenen Tagen mehrmals deutlich gemacht, dass sie keine Veranlassung sehen, irgendetwas zu ändern. Nach allgemeinem Dafürhalten ist das Bundesverkehrsministerium der richtige Ansprechpartner, der Bund hat schließlich die Isentalautobahn in Auftrag gegeben.

"Vor allem die Lastwagen muss man in der Geschwindigkeit reduzieren, das ist die Grundlast des Lärms"

"Was sehen Sie denn für Möglichkeiten?", will Andreas Haas aus Armstorf von Schreiner wissen. Doch der weiß auch nicht so recht, wie man einen effektiven Hebel ansetzen könnte, um die Situation der Anwohner entlang der Isentalautobahn zu verbessern. Geschwindigkeitsbegrenzungen müssten auch seiner Ansicht nach am schnellsten gehen und dürften nicht wirklich problematisch sein. Die Grünen hatten als erste Tempolimits von 100 Stundenkilometer für Pkw und maximal 60 Stundenkilometer für Lastwagen gefordert, der Stadtrat Dorfen hat sich dem einstimmig angeschlossen. Geschwindigkeitsbegrenzungen sind auch die Hoffnung der Anwohner. "Vor allem die Lastwagen muss man in der Geschwindigkeit reduzieren", sagt Michael Rott, "das ist die Grundlast des Lärms", pflichtet ihm ein anderer bei.

Dass dürfe aber nur ein Anfang sein, finden alle, die gekommen sind. Denn alle haben einen Verdacht, ihnen scheint die Isentalautobahn miserabel gebaut zu sein. Wolfgang Obermaier aus Buch am Buchrain wird da richtig sauer: "Wie man sich überhaupt anmaßen kann in der heutigen Zeit so einen Scheißdreck zu bauen, diese Ignoranz der Bevölkerung gegenüber, das ist eine bodenlose Frechheit." Es gibt Abschnitte der Autobahn, die angeblich mit Flüsterasphalt gebaut sind. Es gibt aber auch reine Betonstrecken, das ist der billigste Belag. Da wo Wolfgang Obermaier wohnt, ist das so und damit extra laut.

Hans Schreiner sagt, "man muss die Möglichkeit bekommen, zu überprüfen, ob die Autobahn richtig gebaut ist." Die Pläne, Abmachungen und Abnahmeprotokolle müssten offengelegt werden, "Transparenz ist heute das A und O", sagt Schreiner, "das sind doch keine Staatsgeheimnisse". Heiner Müller-Ermann, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen die Isentalautobahn, ist da ziemlich skeptisch. Die Autobahn ist in öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP) gebaut worden: "Nicht einmal im Verkehrsausschuss des Bundestags kriegen die Abgeordneten die ÖPP-Verträge zu sehen."