Ehrenamt:Leidenschaft gefragt

Pestkapelle Jesenwang

Paul Weigl führt durch die Pestkapelle in Jesenwang.

(Foto: Günther Reger)

Vereine und Organisationen tun sich heute schwerer als früher, Aufgaben und Posten an bereitwillige Menschen zu vergeben.

Von Manfred Amann

Sie engagiert sich im Förderverein Grundschule und ist Gemeinderätin, er im Arbeitskreis Energiewende, ein anderer holt von Geschäften Lebensmittel für die Tafel. Wieder andere wirken im Elternbeirat des Kindergartens mit, helfen ohne Lohn beim Bau eines neuen Spielplatzes, opfern ihre Freizeit für den Arbeitskreis Dorfentwicklung, besuchen alleinstehende Senioren und Kranke, kümmern sich um Menschen mit Handicaps, unterstützen die Nachbarschaftshilfe, organisieren Ausflugsfahrten und Wanderungen oder legen Hand an, wenn die Landjugend ein Dorffest ausrichtet. "Das Ehrenamt ist der Kitt der Gesellschaft" wird gerne propagiert und Ehrenamtliche werden mit Würdigungen, Ehrungen und Auszeichnungen gelobt.

Die Liste der Ehrenämter ist ellenlang und glaubt man Statistiken, dann ist die Bereitschaft dazu wie eh und je ungebrochen. Selten gehe es dabei um Selbstverwirklichung, sondern der Wunsch nach Freundschaft und Kameradschaft sei meist die Antriebskraft. Allerdings, und da sind sich Vereinsvorstände weitgehend einig, in den Siebzigerjahren, nachdem die Aufbaujahre nach dem Zweiten Weltkrieg vorbei waren und der Wohlstand einzog, gab es noch nicht so viele Ehrenämter, und diese stellten an die Funktionäre auch keine allzu hohen Anforderungen. Sicher sei auch, dass man früher vieles als selbstverständlich hingenommen habe und dass heute Ehrenamtliche meist nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stehen, während früher ein Ehrenamt ein halbes Erwachsenenleben ausfüllte.

"Vor 40 Jahren einen Verein zu führen oder sich um die Kasse zu kümmern, war relativ einfach, weil es kaum Vorschriften und Auflagen gab", erinnert sich Paul Weigl aus Jesenwang, und Elternbeiräte oder Fördervereine habe es damals noch nicht gegeben. Als Leiter des Kirchen- und Landfrauenchores und als Gemeinderat, 22 Jahre lang, trug der ehemalige Musiklehrer und Schulrat jahrzehntelang Verantwortung, und heute gilt das Engagement des 80-Jährigen dem Kulturleben und der Ortschronik. Jetzt müsse man viel mehr Vorschriften und Auflagen erfüllen und Nachweise führen, sagt Weigl, und ein Gemeinderat müsse mehr Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Bürger nehmen und immer auf Rechtssicherheit bedacht sein.

Früher sei im Gemeinderat so manche Entscheidung aus dem Bauch heraus gefallen, was heute gar nicht mehr denkbar wäre, verrät ein Altbürgermeister, der nicht mehr namentlich genannt werden will. Er findet obendrein, dass heute Ehrenamtliche schneller "alles hinschmeißen", wenn es Reibungen gibt und dass ein Ehrenamt manchmal nur angenommen wird, weil man sich berufliche oder private Vorteile verspricht.

Dass an Ehrenämter heutzutage höhere Anforderungen gestellt werden, bestätigt auch Lorenz Paintner aus Landsberied, der mehr als 40 Jahre in vielen Funktionen, zuletzt als Kreisbrandinspektor, freiwilligen Feuerwehrdienst leistete und sich als 70-Jähriger noch als Kirchenpfleger und Asylhelfer einbringt. Früher sei man als Jugendlicher fast selbstverständlich zur Feuerwehr gegangen, vielleicht auch, um sich die damals noch zu leistende Feuerschutzabgabe zu sparen; heute komme das Ehrenamt einer Berufung gleich und erfordere neben den Einsätzen, die vor allem im Bereich der technischen Hilfeleistung mehr geworden seien, stete Fortbildung und Übung. Die Bereitschaft wachse mit der Verantwortung, die gezielte Ansprache Jugendlicher sei heute wichtiger als früher.

In einem Verein, im sozialen oder kirchlichen Bereich, ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen, sei schon immer eine Angelegenheit der persönlichen Einstellung gewesen, glaubt Josef Oswald. Der Allinger war in verschiedenen Funktionen beim TSV Alling aktiv, ist als gut 70-Jähriger noch Schöffe bei Gericht, Schulweghelfer und leistet Mesnerdienste. Dass bei vielen die Bereitschaft für den uneigennützigen Einsatz für andere vorhanden ist, dafür liefere die große Zahl der Asylhelfer den Beweis, sagt Oswald. Etwa 1300 Ehrenamtliche sind laut Landratsamt im Landkreis in 24 Helferkreisen aktiv, und weitere 300 geben kostenlosen Deutschunterricht. Wie viele Ehrenamtliche es im Landkreis insgesamt gibt, ist unbekannt. Laut einer Studie soll aber jeder dritte Bürger zumindest temporär in Vereinen oder anderen Organisationen aktiv sein.

Ohne die Leidenschaft der Vorstandsmitglieder, das Brauchtum zu erhalten, könnte man auch den Willibaldritt nicht organisieren, weiß der langjährige Vorsitzende des Freundeskreises, Josef Drexler, aus Jesenwang. Dies gelte auch für Trachten- und für Burschenvereine, die Maibaume aufstellen oder Hallenfeste organisieren.

© SZ vom 06.05.2017
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