Ehe-Annullierungen in der katholischen Kirche:Wann ist eine Ehe nach Kirchenrecht nichtig?

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Im Jahr werden an Wolfs Gericht 100 bis 150 Ehen verhandelt, jeweils 60 bis 120 davon sind Fälle aus dem Erzbistum. In den übrigen Verfahren prüfen die Richter Urteile aus benachbarten Bistümern. Die Zahl der Fälle ist stabil.

Dass die Kirche Ehen überhaupt für ungültig erklären kann, ist im Kirchenrecht verankert: Wenn ein Ehepartner während der Heirat die Ehe selbst oder eine ihrer Wesens-Eigenschaften bewusst ausschließe, dann sei diese ungültig, heißt es da. Dabei geht es vor allem um drei Eigenschaften: Die Ehe müsse auf das gegenseitige Wohl der Partner hin ausgerichtet sein, außerdem auf Treue und auf Kinder. "Die Ehe gibt's nur im Paket", sagt Wolf: Ist nur eine Bedingung nicht erfüllt, ist die Ehe nichtig.

Was das Verfahren heikel macht: Entscheidend ist nicht, warum eine Ehe letztlich gescheitert ist. Es geht stets um den Zeitpunkt der Heirat. So reicht es nicht aus, wenn eine Ehe kinderlos geblieben ist oder wenn ein Ehepartner irgendwann beschlossen hat, doch keine Kinder zeugen zu wollen. Solange beide zum Zeitpunkt der Heirat Kinder bekommen wollten, bleibt die Ehe gültig. Sogar der umgekehrte Fall ist denkbar: Eine Ehe kann wegen fehlenden Kinderwunsches ungültig sein - obwohl ein Paar mehrere Kinder miteinander hat.

Einen raschen Urteilsspruch gibt es nicht

Weitere Gründe leitet die Kirche aus der Frage ab, ob es überhaupt den Willen zur Ehe gegeben hat. Dagegen können psychische Erkrankungen der Brautleute sprechen, ebenso psychischer Druck oder Irrtümer: Wer von einer Eigenschaft des Partners überzeugt war, die es gar nicht gibt, dessen Ehe kann nichtig sein; in der Vergangenheit konnten sich darauf etwa Adelige berufen, wenn sie versehentlich einen falschen Grafen geheiratet hatten.

Nichtig ist die Ehe auch, wenn Braut oder Bräutigam nicht wissen, dass eine katholische Ehe nur einmal geschlossen werden kann. Ein Vorbehalt der Art "Zur Not heirate ich später noch einmal" macht die Ehe ungültig, ebenso jeder andere Vorbehalt. Wer nur unter einer Voraussetzung heiratet, etwa dass der andere eine reiche Erbschaft antritt, dessen Ehe ist nichtig.

Beweisen lässt sich das im Idealfall durch Briefe, durch Einträge im Tagebuch oder auch durch unter Eid geleistete Zeugenaussagen. Dass er dabei zuweilen geschickt angelogen wird, könne er nicht ausschließen, sagt Wolf: "Ich bin mir sicher, dass ich auch Fehlurteile gesprochen habe, weil ich eine Lüge nicht nachweisen konnte." Aber die Kirche macht es sich nicht leicht, sie betreibt viel Aufwand.

Wenigstens ist das Verfahren nicht teuer

Den raschen Urteilsspruch oder Vergleich gibt es nicht, nicht einmal einen Gerichtssaal - dafür unzählige Akten und Briefe. Die Beweislast liegt beim Kläger, im Zweifel gilt eine Ehe als gültig. Am Verfahren sind drei Richter beteiligt, die Mehrheitsentscheidungen treffen, dazu ein Notar, ein Vernehmungsrichter und ein "Ehebandsverteidiger", der vorbringt, was für die Gültigkeit der Ehe spricht. Und jedes Urteil wird von einer zweiten Instanz überprüft.

Zumindest teuer ist ein Verfahren nicht. In erster Instanz kostet es 200 Euro, in zweiter noch einmal 100. Und die Erfolgsquote ist enorm: 90 bis 95 Prozent der Verfahren enden damit, dass die Ehe für nichtig erklärt wird. Was aber auch daran liege, dass nicht alle Klagen aufgegriffen würden, sagt Wolf. Am Anfang stehe ein Beratungsgespräch. In der Mehrzahl der Fälle - seit 2010 bei 278 von 504 Klagen - wäre eine Klage aussichtslos: Wenn der Kläger dann nicht darauf besteht, kommt es nicht zum Prozess, die Ehe bleibt gültig.

Im Durchschnitt dauert ein Verfahren ein knappes Jahr: viel Zeit, gerade wenn es anschließend weitere Instanzen durchläuft. Manch einer versuche deshalb, den Prozess abzukürzen, erzählt Wolf. Einen Bestechungsversuch habe er zwar noch nie erlebt, dafür Drohungen gehört: "Ich habe Beziehungen in den Vatikan" etwa, oder: "Ich trete aus der Kirche aus!"

Einmal habe ein Kläger gar einen Brief an Joseph Ratzinger geschrieben, der damals Kardinal war und Präfekt der Glaubenskongregation. Auch dieser Versuch war zwecklos: Das Verfahren ging seinen Gang, am Ende wurde die Ehe ordnungsgemäß für ungültig befunden. Und selbst wenn er gewollt hätte: Ratzinger hätte das Verfahren gar nicht beeinflussen können, sagt Wolf. Eine Ehe für nichtig erklären, ohne Prüfung? "Das kann nicht einmal der Papst."

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