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Sagen und Mythen:Flackern auf dem Fuhrweg

In früheren Jahrhunderten erzählte man sich Geschichten von feurigen Männlein am Neufarner Berg, welche die Fuhrleute auf der alten Handelsstraße in Angst und Schrecken versetzten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Über den Neufarner Berg verlief eine wichtige Straße, die von unheimlichen Gestalten bewacht wurde.

Von Phil Klüh, Vaterstetten

Wenn die Sonne unterging und es dunkel wurde auf dem Neufarner Berg, dann schlug die Stunde der feurigen Männlein. Sie hausten auf dem höchsten Punkt des gefürchteten Berges, auf dessen Gipfel sich neben einer alten Eiche auch ein Galgen befand, weshalb der Berg im Volksmund lange auch Galgenberg genannt wurde. Viele Menschen, die bei einbrechender Dunkelheit den Anstieg überquerten, fürchteten sich vor den Männlein, auch wenn sie diese selbst nur selten zu Gesicht bekamen. Meistens konnten sie lediglich helle Funken herumspringen sehen, welche die Anwesenheit der Männlein offenbarten.

Freiwillig suchte nach Einbruch der Dämmerung sicher niemand den Weg auf den steilen Hügel zwischen Neufarn und Anzing, doch die Fuhrleute konnten sich das nicht aussuchen, lag der Berg doch auf einer schon damals viel befahrenen Strecke. Bei Tag war das Meistern des Anstieges kaum ein Problem für die fleißigen und starken Gäule. Aber sobald es dunkel wurde und die Sicht schlechter, entwickelte sich der Neufarner Berg mit seinen gespenstischen Bewohnern zu einem gefürchteten Hindernis weit über die Neufarner Grenzen hinaus.

Eigentlich hatten die Feuermännlein nichts Böses im Sinn

Was es genau mit dem Mythos der Feuermännlein und seiner Entstehung auf sich hat, ist nicht überliefert. Wohl aber die Auswirkungen der Legende, weiß Vaterstettens Bürgermeister Georg Reitsberger. Er ist ein profunder Kenner der Ortshistorie, samt kuriosen Details, wie eben den gespenstischen Ereignissen vom Neufarner Berg. Noch im 19. Jahrhundert war die Sage so präsent, dass manche Fuhrleute lieber die Nacht im Gasthaus in Neufarn verbrachten, als den Berg bei Dunkelheit zu überqueren - der Wirt dürfte den Feuermännlein dafür wohl nicht ganz undankbar gewesen sein.

Dabei hatten die feurigen Gestalten der Legende nach gar nichts Böses im Sinn, ganz im Gegenteil. Die Überlieferungen erzählen, dass die Feuermännchen den Fuhrleuten halfen, in der unübersichtlichen Finsternis nicht nur Licht zu machen, sondern auch dabei halfen, den Berg zu erklimmen. Das taten sie, indem sie am Fuße des Berges die Peitsche ergriffen und die Kontrolle über das Fuhrwerk übernahmen. Bis zur Anhöhe steuerten die Männlein dann die Pferde, ehe sie dem Fuhrmann die Peitsche wieder in die Hand drückten und spurlos verschwanden. Sie ließen allerdings ihre eingebrannten Fingerabdrücke am Peitschenstiel zurück - laut den Überlieferungen der Beweis für ihre Existenz.

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Die feurigen Männlein boten den Fuhrmännern ihren Dienst jedoch nicht uneigennützig an. In der Sagengeschichte ist festgehalten, dass sich einmal ein Fuhrmann bei einem der Feuermännlein für den Lotsendienst über den Berg bedankte. Der feurige Kutscher gab den Dank zurück, und erklärte, er sei durch die dem Fuhrmann geleistete Hilfe nun erlöst.

Mystik an der Bundesstraße

Wer den Neufarner Berg heute besucht, tut sich schwer, dem Ort etwas Mystisches abzugewinnen. Auf der B 12 rauschen Tag und Nacht die Autos vorbei, völlig unbelästigt von Feuermännlein. Am Aussichtspunkt steht ein Denkmal von einem Herbergerbauer aus dem ersten Weltkrieg, daneben sind ein paar Sitzbänke. Wer dort Platz nimmt, kann die Neufarner Kirche und den Gutshof Stangl am Ortseingang erkennen. Viele Menschen bekommt man hier allerdings nicht zu Gesicht. Eine Wanderin ist unterwegs, um den kurzen und wenig anspruchsvollen Weg zum Gipfel zu erklimmen. Am Fuße der Anhöhe dreht ein Mann mit seinem Hund eine Runde um den Berg. Ansonsten wirkt der Ort wie tot und verlassen.

Der Mythos der Feuermännlein sei heutzutage komplett verflogen, sagt Georg Reitsberger. Dass die Geschichte sich in den heutigen Generationen nicht verankerte, liegt wohl vor allem daran, dass ihm sein Ort quasi abhanden kam: Den Neufarner Berg der Feuermännlein gibt es nämlich seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr. Durch den Bau der Bundesstraße 12 im Jahr 1902 wurde er deutlich abgeflacht und die alte Eiche auf dem Gipfel abgeholzt. "Den heutigen Berg kann man nicht mehr mit damals vergleichen." Der gefürchtete Galgen auf dem Hügel wurde bereits 1860 entfernt. Er sei zwar lediglich zum Schlachten von Tieren benutzt worden und habe mit der Sage der feurigen Männlein direkt nichts zu tun, sagt Reitsberger. Dennoch wurde der Galgen gelegentlich mit dem Mythos der feurigen Männlein in Verbindung gebracht.

Heute ist die Geschichte der feurigen Männlein selbst alteingesessenen Neufarnern kaum noch ein Begriff, dafür liegt die Zeit der Fuhrleute einfach zu weit zurück. "Nur die wenigsten aus der älteren Generation haben schon mal davon gehört. "Die Zeitzeugen sind ja schon lange nicht mehr unter uns", erklärt Reitsberger, weshalb man heute in den Straßen Neufarns eher auf staunende Gesichter trifft, wenn man die Leute auf die Sage anspricht. Und auch der Berg an sich ist mittlerweile eher ein abgeflachter Aussichtspunkt, gut geeignet, mal kurz die Seele baumeln zu lassen.

Feurig wird es am Neufarner Berg heutzutage nur noch selten, manchmal lodert es dort aber doch. Etwa beim traditionellen Sonnwendfeuer. Dann dürfen für eine Nacht die Flammen wieder über den Berg flackern, falls die feurigen Männlein doch noch in der Gegend sind, haben sie sicher ihren Spaß.

© SZ vom 31.12.2016/bica
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