SZ-Adventskalender Das Bangen nimmt kein Ende

Vor 15 Jahren floh Abigail Dewahles vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland. Auf ihre endgültige Aufenthaltsgenehmigung wartet sie immer noch.

Von Sara Kreuter

Sie ist eine starke Frau. Eine Kämpferin, wenn auch von Zeit und Schicksal mürbe gemacht. Ernst sitzt Abigail Dewalhes in ihrem spartanisch eingerichteten Wohnzimmer, die Hände vor der Brust verschränkt. Ihre Antworten kommen kurz, präzise. "Ja", sie ist zufrieden, "schwer", das ist ihr Leben und was man im Landratsamt mit ihr macht, das geht "gar nicht". Abigail Dewahles heißt eigentlich anders. Aber sie hat Angst. Davor, dass ihre eigene Geschichte ihr schadet. Und davor, dass ihr die endgültige Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland erneut verweigert wird. Auf diese wartet Abigail nämlich schon seit 15 Jahren, seitdem sie ihre afrikanische Heimat verlassen hat. Mittlerweile lebt Abigail als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern in einer kleinen Sozialwohnung in Ebersberg. Die beiden älteren Kinder sind schon fast erwachsen, der jüngste Sohn, in Deutschland geboren, sieben Jahre alt.

1999 herrschte in Abigails Heimat Krieg, Elend überall. Abigails ältester Sohn litt an Malaria, ihr Mann kämpfte in der Armee. Ein Freund organisierte ihre Ausreise. Die Flucht war teuer, doch auch so haben sie einen sehr hohen Preis bezahlt: Das Ehepaar musste seine beiden Kinder in den Kriegswirren zurücklassen. Erst nach drei Jahren der Trennung konnten die Eltern ihre beiden Kinder zu sich nach Deutschland holen. Ob es hart war? Ja, sehr. "Das ist für jede Mutter hart", sagt Abigail leise.

Die Flucht des jungen Ehepaars dauerte zwei Tage, doch nach ihrer Ankunft waren sie noch lange nicht am Ziel. Von großen Auffanglagern zu kleinen Flüchtlingsunterkünften und Asylheimen reichte man sie weiter, über Karlsruhe und Deggendorf nach Rosenheim und dann weiter nach Markt Schwaben. Dorf traf die Familie ihren ganz persönlichen Engel, Susanne Gammel, über das Offene Haus, eine Einrichtung, die Kindern die Integration durch Kontakt mit Privatfamilien erleichtern soll. Gammel ist heute Patin des jüngsten Sohnes von Abigail, die beiden Frauen sind Freundinnen geworden.

Weil die Flüchtlingsunterkunft in Markt Schwaben geschlossen wurde, musste die Familie in ein Asylheim in München ziehen. Dort wurde es "schwierig", gesteht Abigail zögernd, stockt, korrigiert sich: " Es war katastrophal". Mehr als je zuvor in Deutschland hatte Abigail Angst um ihre Kinder. Die Kriminalität war hoch, die Familie lebte beengt. "Hol mich hier raus", schrieb Abigail an ihre Freundin.

Gammel schickte einen entsetzten Brief an die Regierung, dann machte sie sich auf die Suche nach einer Wohnmöglichkeit für die Familie - kein leichtes Unterfangen, "eine schwarze Familie in einer schwarzen Gemeinde". Gammel fand eine Wohnung in Markt Schwaben und bezahlte die Kaution. In ihrem neuen Heim hatte es die Familie besser als zuvor, doch gut ging es ihnen noch lange nicht. Die Wände schimmelten, und Sami, Abigails jüngstes Kind, damals ein Baby, wurde krank.

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Erneut zog die Familie um, diesmal nach Ebersberg. Abigail seufzt. Was nun kommt, erzählt sie nicht gerne. Ihr Mann und sie trennten sich. Er hatte mit dem Trinken angefangen, heftig und exzessiv. Allmählich bekam er deswegen gesundheitliche Probleme, die Leber war beschädigt. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert - die Operation ging schief. Heute sitzt er im Rollstuhl, querschnittsgelähmt. Er lebt in einem Asylantenheim in München, allein. Abigail blickt auf ihre Fingernägel. Schrecklich war das, sagt sie. Und blickt hoch. Aber, "er hat schon seine endgültige Aufenthaltserlaubnis", bemerkt sie leise. Sie nicht.

Seit 15 Jahren lebt Abigail in Deutschland, stellt jedes zweite Jahr einen neuen Antrag im Landratsamt. Viel Geld hat sie bereits für ihren Anwalt ausgegeben. "Immer werden andere Gründe hervorgebracht, nie geht etwas voran", entrüstet sich auch Susanne Gammel, "unfair ist das". Abigail träumt von einem deutschen Pass, und davon, endlich eine endgültige Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Immer wird Abigail vertröstet, doch ihr läuft die Zeit davon. Denn wenn der jüngste Sohn 18 Jahre alt sei, müsse ihre Freundin zurück nach Afrika, erklärt Gammel.

Mittlerweile gibt es einen Lichtblick am Bürokraten-Horizont: Man hat Abigail gesagt, wenn ihr ältester Sohn eine gute Arbeit findet, dann dürfe sie bleiben. Ein echter Hoffnungsschimmer, denn Sekou hat die Mittlere Reife geschafft und macht eine Ausbildung. Später möchte er das Abitur nachholen. Abigail freut sich, wenn auch verhalten. Zu oft schon wurde sie enttäuscht, von Deutschland, von ihrer Wahlheimat.

Um dem Staat nicht zur Last zu fallen, arbeitet Abigail hart. Manchmal hat sie mehrere Jobs gleichzeitig, um die Familie zu ernähren, als Küchenhilfe oder im Altenheim, als Reinigungskraft im Büro und als Zimmermädchen. Seit sie in Deutschland ist, hat sie gearbeitet, nur im Mutterschutz hatte sie Pause. "Sie wurde ausgenutzt", erklärt Gammel entrüstet, "man hat ihr viel zu wenig bezahlt".

"Geld ist immer ein Problem", gesteht Abigail. Drei schulpflichtige Kinder sind teuer, Schulbücher und andere Unterrichtsmaterialien kosten. Ein Computer im Haus für Recherchen sei mittlerweile Voraussetzung. Manchmal kann Abigail ihre Kinder nicht mit auf Schulausflüge gehen lassen, weil kein Geld da ist.

Der Adventskalender der Süddeutschen Zeitung möchte die Familie finanziell unterstützen, damit die Kinder das nächste Mal mit ins Schullandheim dürfen und damit sie sich an Weihnachten auf ein Geschenk freuen können. Für ihre Kinder tut Abigail alles. Sie schläft im Wohnzimmer, damit ihre Kinder ein eigenes Zimmer haben. Jeden Morgen macht sie dann aus ihrem Nachtquartier ein Wohnraum für die Familie, und erst nachts, wenn die Kinder schlafen, hat sie wieder die Privatsphäre eines eigenen Zimmers. Die Kinder kommen für Abigail an erster Stelle, wegen ihnen ist sie aus ihrer Heimat geflohen, für sie möchte sie in Deutschland bleiben. Für immer. Wenn sie darf.