Streit um Rodung in Kirchseeon beigelegt:Tatsächlich... Liebe

Streit um Rodung in Kirchseeon beigelegt: Das Berufsförderwerk Kirchseeon ist eine der größten Bildungseinrichtungen im Landkreis Ebersberg. Entsprechend war man in der Gemeinde nun doch bemüht, die Wogen zu glätten und eine gute Lösung für die Sanierung des Campusgeländes zu finden.

Das Berufsförderwerk Kirchseeon ist eine der größten Bildungseinrichtungen im Landkreis Ebersberg. Entsprechend war man in der Gemeinde nun doch bemüht, die Wogen zu glätten und eine gute Lösung für die Sanierung des Campusgeländes zu finden.

(Foto: Christian Endt)

Sie haben gestritten, sich gegenseitig das Leben schwer gemacht, dann wieder angenähert und nun gibt es tatsächlich ein Happy End: Dank eines städtebaulichen Vertrags mit der Gemeinde kann das Kirchseeoner Berufsförderwerk seine Campuserneuerung starten

Von Andreas Junkmann, Kirchseeon

So ein bisschen ähnelt die Beziehung zwischen der Marktgemeinde Kirchseeon und dem örtlichen Berufsförderwerk (BFW) der eines kitschigen Liebesstreifens: Die beiden lernten sich kennen, näherten sich an, wurden dann durch einen Schicksalsschlag getrennt - und nun gibt es doch noch ein überraschendes Happy End. Dieses allerdings klingt nicht nach großer Romanze, sondern eher nach nüchterner Kommunalpolitik. Denn ein städtebaulicher Vertrag soll jetzt dafür sorgen, dass alle Differenzen zwischen der Bildungseinrichtung und dem Rathaus ausgeräumt werden und eines der größten Bauprojekte in der jüngeren Geschichte des Ortes endlich auf den Weg gebracht werden kann.

Es war vor ziemlich genau einem Jahr, als BFW-Geschäftsführer Günther Renaltner mit seinem Planungsteam beim Kirchseeoner Gemeinderat vorstellig geworden ist. Für rund 50 Millionen Euro sollte das Campusgelände im Süden des Marktes umfassend saniert werden. Im Zentrum steht dabei der Abriss und Neubau der in die Jahre gekommenen Mensa, aber auch weitere Gebäude sollen auf Vordermann gebracht werden.

Was zunächst viele als willkommene Investition in die Bildung begrüßten - das BFW ist eine Einrichtung für Menschen, die beruflich umschulen müssen - bekam bei genauerem Hinsehen einen faden Beigeschmack. Dann nämlich, als die Gemeinderäte realisierten, dass für die Umsetzung des Projekts eine stattliche Anzahl an Bäumen gefällt werden müssen. Das Tischtuch war schließlich endgültig zerschnitten, als die Bildungseinrichtung zum Jahreswechsel ihr Vorhaben prompt in die Tat umsetzte und ihr Gelände großzügig rodete. Mehr als 100 Bäume mussten als Vorarbeit für den Neubau der Mensa weichen. Zwar handelte das BFW dabei laut einer gemeindlichen Prüfung rechtlich sauber, dennoch fühlte man sich im Rathaus von der Art und Weise überrumpelt.

Die Retourkutsche folgte sogleich, indem der Gemeinderat das Vorhaben mit einer Veränderungssperre stoppte und den Erlass eines Bebauungsplanes in die Wege leitete. Damit wollte man die Oberhand über die Planung erlangen und weitere Alleingänge des BFW verhindern. Zu dem Zeitpunkt war es nur sehr schwer vorstellbar, dass sich beide Parteien jemals wieder annähern könnten. Gut nur, dass sowohl Geschäftsführer Günter Renaltner als auch Kirchseeons Bürgermeister Jan Paeplow (CSU) sehr sachliche Vertreter ihrer Zunft sind. Und so haben beide nun einen Deal ausgehandelt mit dem alle Beteiligten leben können.

Tage und Wochen habe man sich intern mit der Thematik befasst, sagte nun Paeplow in der jüngsten Sitzung des Marktgemeinderates am Montagabend. Herausgekommen ist ein sogenannter städtebaulicher Vertrag, in dem die Interessen beider Parteien fixiert sind. "Das BFW hat nachgelegt und das Bauvorhaben noch etwas verfeinert", so der Bürgermeister. Man habe intensiv verhandelt, ergänzte Geschäftsführer Renaltner. "Dadurch konnten wir die Punkte, die dem Markt wichtig waren, nun festzurren."

Diese Punkte umfassen vor allem die Verkehrssituation rund um die Moosacher Straße. Da die Schüler aus ganz Deutschland in die Marktgemeinde kommen, sind dort entsprechend viele Autos unterwegs. Ein zusätzlicher, 24 Stellplätze großer Parkplatz im Süden soll nun für weitere Entlastung sorgen. Dieser solle vor allem von Mitarbeitern genutzt werden, wie Landschaftsarchitekt Günter Schalk in der Sitzung sagte. Dadurch würden dort nicht dauerhaft Autos stehen und der Parkplatz könne an den Wochenenden als Freifläche dienen.

Ebenso sollte der ökologische Aspekt im Zuge der Sanierung eine größere Rolle spielen. Dem trägt das BFW nun Rechnung, indem es die rund 2500 Quadratmeter große Dachfläche des Neubaus bepflanzen wird. Ein "Biodiversitätsdach" solle dort entstehen, wie Schalk erklärte, das dann Lebensraum für Insekten und Schmetterlinge biete. Auf einem Teil des Gebäudes soll zudem eine Photovoltaikanlage mit einer Nennleistung von bis zu 20 Kilowattstunden installiert werden. Der Landschaftsarchitekt sprach in dem Zusammenhang von einer "zukunftsweisenden Dachgestaltung".

Zukunft sollen auch die neu gepflanzten Bäume haben. Wie das BFW-Team in der Sitzung sagte, werde der komplette gerodete Baumbestand ersetzt. 145 Bäume seien nun vertraglich festgeschrieben. Die Wahl fiel dabei ausschließlich auf Klima-angepasste Laubbäume, "die Vegetation soll zukunftsfähig gemacht werden", sagte Schalk. Auch ein dritter Punkt wird nun durch den städtebaulichen Vertrag geregelt: Damit bei Starkregen-Ereignissen das Wasser vom Campusgelände nicht in die Keller der Nachbargebäude läuft, muss das BFW bei der Entwässerung nachbessern. Demnach soll nun das komplette Oberflächenwasser auf den Flächen der Bildungseinrichtung versickern und durch bewachsene Oberböden dort bereits gereinigt werden.

Dank dieser Bestrebungen, klangen alle Beteiligten am Montag nun auch wieder deutlich versöhnlicher. "Das BFW ist etwas ganz besonderes für den Markt", sagte Bürgermeister Paeplow. Er sei deshalb froh, dass man doch noch eine schöne und gute Lösung gefunden habe. Das sei auch eine Wertschätzung für die Arbeit, die dort geleistet werde. Entsprechend nahmen die Gemeinderäte nun ihre zuvor erlassene Veränderungssperre zurück und auch das bürokratische Bauleitverfahren wurde gestoppt. Somit scheint die wilde Achterbahnfahrt tatsächlich ein harmonisches Ende gefunden zu haben.

© SZ vom 14.07.2021
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