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Produzent aus Pliening:Mutmachmelodie

"Wir schaffen diese Krise": Die Gesangsgruppe "Rolli-Gang" aus Menschen mit körperlichen Behinderungen will aufmuntern und Stärke vermitteln

Von Heilung singen sie, vom Teilen und Anpacken. Vom gemeinsam Starksein in jedem Moment. Dass das Mutmachlied "Wir schaffen diese Krise" der Gesangsgruppe Rolli-Gang eigentlich in der Weltwirtschaftskrise 2008 entstanden ist anstatt in Corona-Zeiten, vermutet erst einmal niemand. Und dass das dazu produzierte Video auf Youtube mehr als 200 000 Aufrufe bekommen würde, war wohl auch eine Überraschung. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so einschlägt. Ist ein schönes Gefühl", sagt Alexander Eberle. Der 31-Jährige ist einer von fünf Rolli-Gang-Mitgliedern, einer Gesangsgruppe aus Menschen mit körperlichen Behinderungen. Hinter dem Projekt stecken der Münchner René Vollmar, Musikliebhaber und Religionslehrer im Kirchendienst, sowie der Plieninger Musikproduzent Werner Dasch.

Alexander Eberle ist schon von Anfang an bei der Rolli-Gang mit dabei, das heißt seit 2001. Damals unterrichtete René Vollmar an der Landesschule für körperlich Behinderte und engagierte für ein Projekt mit dem Orchester Hugo Strasser spontan drei Schüler als Backgroundchor. Der Jüngste, Eberle, ist da gerade mal zwölf Jahre alt. "Die Stimmen waren eigentlich nicht vorgesehen", erinnert sich Vollmar, "ich habe aber gespürt: Die gehören dazu". Nach dem Erfolg der CD entstand die Idee, Auftritte mit den drei Schülern auf die Beine zu stellen - auch wenn das eine Menge Arbeit bedeuten würde. "Bei der Produktion im Tonstudio haben wir gemerkt, dass einiges schief klang", so der Lehrer. "Da hieß es dann, die Stimmen der Jungen könne man einfach daruntermischen. Das hat mich aber gestört. Ich wollte diese schrägen Töne rauskriegen." Von da an schult der heute 62-Jährige seine Schützlinge im Gesang, zwei der drei vom Anfang seien heute noch dabei, so der Münchner - und hätten sich unglaublich weiterentwickelt.

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Die "Rolli-Gang" aus Alexander Eberle, Sarah Hadyk, Orazio Greco (hinten von links), Benny Dannecker und Johannes Maier (vorne von links).

(Foto: Veranstalter)

Das findet auch sein Kollege Werner Dasch: "Mittlerweile ist die Gruppe auf einem musikalischen Stand, dass sie überall gebucht werden kann. Da ist auch kein Mitleidseffekt dabei". Der 65-Jährige aus Pliening, Inhaber der Tonträgerfirma Te-Bi-To, ist seit zwölf Jahren der organisatorische Leiter der Rolli-Gang. Er kümmert sich um die Technik bei Liveauftritten, ist Produzent sowie Vermittlungsagentur zugleich. Aktuell sitzt er viel im Büro, hat Telefon- und Videokonferenzen, und erzählt von Auftritten der Rolli-Gang, die wegen Corona nun nicht mehr stattfinden können. Fast 20 seien es schon, Dasch hofft, dass sie bloß verschoben sind. "Aber sind wir mal ehrlich, alles kann gar nicht nachgeholt werden." Bietet es sich da nicht an, noch mehr Corona-Musikvideos zu drehen? Dasch verneint, er rechne damit, in absehbarer Zeit einigermaßen normale Proben mit der Rolli-Gang abhalten zu können.

"Wir schaffen diese Krise" heißt der Song der Rolli-Gang, der auf Youtube schon weit über 200 000 Klicks vorzuweisen hat. Dass der Text von Strophen und Refrain eigentlich auf die Finanzkrise 2008 zugeschnitten ist, war für Alexander Eberle, Orazio Greco, Benny Dannecker, Johannes Maier und Sarah Hadyk kein Hindernis, daraus ein Corona-Lied zu machen. "Der Vorschlag kam in der letzten Probe vor dem Lockdown auf", verrät René Vollmar. Schnell war sein selbst komponiertes, altes Lied mit kleinen Textänderungen versehen, hinzu kam ein neuer Sprechgesang von Vollmar und Claudia Kisslinger, Leiterin eines Münchner Tonstudios. "So wurden die Stimmen von früher mit denen von heute kombiniert", fasst Dasch begeistert zusammen. Die Videoschnipsel zu dem aufmunternden Krisensong nahmen die Rolli-Gang-Mitglieder zu Hause oder in Parks auf. "Das war schon speziell", sagt Eberle, "aber wir haben's hinbekommen". Der Bildjournalist Hannes Kohlmaier habe das tolle Werk dann zusammengeschnitten, sagt Dasch.

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Produzent Werner Dasch aus Pliening.

(Foto: Veranstalter)

Eine Erklärung, warum das Video so gut ankommt, hat der Gründer der Rolli-Gang schnell parat: "Gerade Menschen mit Behinderung sind prädestiniert, in Krisensituationen, in denen viele Leute besorgt sind und nicht mehr wissen, wie es weitergeht, andere zu ermutigen. Denn diese Menschen haben seit ihrer Kindheit gelernt, mit schweren Problemen umzugehen, Belastungen zu meistern und deshalb eine besondere innere Stärke entwickelt". So könnten sie die Leute motivieren, zu sagen "Hey, wir schaffen diese Krise!", so Vollmar. Außerdem zeige die Rolli-Gang mit Liedern wie "So a Massl", dass es weitaus schlimmere Orte gebe als Bayern, um Corona zu erleben, ergänzt Dasch, und mit "Schick Dein Lächeln auf die Reise", dass es Zuwendung und Liebe auch ohne Umarmungen gebe.

Am liebsten würde Vollmar mit seiner Rolli-Gang und "Wir schaffen diese Krise" singend durch die Straßen ziehen. Doch weiß Vollmar genauso wie Dasch, dass dies in der Umsetzung schwierig werden könnte. "Eine ganz coole Idee - Musiker sind halt kreativ", sagt der Plieninger Produzent und lacht, "ich bin da eher Realist. Mit einem Lautsprecher könnte man das machen, das muss aber vom Kreisverwaltungsgericht genehmigt werden". Sein Kollege Vollmar gibt zu, gedanklich bereits in den Vorbereitungen zu stecken: "Ich überlege schon dauernd, wie man aus einem Tourbus einen Lautsprecherwagen machen kann". Und wenn man die Abstandsregel einhalte, dann könnte vielleicht sogar ein Mitglied der Rolli-Gang dabei sein.

Bis es soweit ist, vertreiben sich die Fünf ihre Zeit in den eigenen vier Wänden. Auch mit Singen. Alexander Eberle aus Giesing erzählt, dass "es ohne Musik gar nicht geht" und er sich natürlich schon sehr auf die wöchentlichen Proben im Bürgerhaus Oberföhring freue. "Wenn man sich ewig lang kennt und sich eigentlich immer zweimal die Woche trifft - dann aber auf einmal nicht mehr, dann ist das schon eine sehr seltsame Situation".

Neben dem Corona-Lied hat die Rolli-Gang derzeit noch ein anderes aktuelles Werk in Petto: einen Europasong. Das englische Lied zum 70-jährigen Bestehen der Europäischen Union war lange in Vorbereitung, sogar ein Musikvideo mit der Rolli-Gang wurde aufgenommen. Wie es nun weitergeht, ist allerdings ungewiss. "Am 9. Mai soll das Lied präsentiert werden", sagt Vollmar, "nur in welcher Form, ist die Frage. Wahrscheinlich übers Internet und die sozialen Medien". Dass so etwas funktionieren kann, hat nun schließlich schon das Mutmachlied "Wir schaffen diese Krise" bewiesen.

© SZ vom 05.05.2020

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