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Rathauskonzert Vaterstetten:Welche Sprache spricht eine Melodie?

Das "Guadagnini Trio" aus Alina Tambrea (Violine), Edvardas Armonas (Cello) und Anca Lupu beschert dem Publikum des Vaterstettener Rathauskonzerts ein erstaunliches Musikerlebnis.

(Foto: Christian Endt)

Das "Guadagnini Trio" führt einen so wohlklingenden wie erhellenden Dialog mit dem Vaterstettener Publikum

Als Pianistin ist Anca Lupu genauso gewinnend und überzeugend wie als Gesprächspartnerin. Als sich nach dem Konzert am Sonntagabend ein kleines Gespräch übers Programm und über bevorzugte Stücke entspinnt, braucht sie nicht lange zu überlegen, um zu einer CD zu greifen, auf der sie Antonin Dvoraks e-moll-Trio "Dumky" spielt. Die sechs Sätze, so erklärt sie, seien etwas Außergewöhnliches, "sie sind wie eine Philosophie, Philosophie aus Musik". Man braucht in diesem Fall jenes Stück nicht gehört zu haben, um auf Anhieb ihre Botschaft zu verstehen. Denn in den zwei Stunden zuvor hat Lupu im Guadagnini Trio mit Alina Tambrea (Violine) und Edvardas Armonas (Cello) drei Werke so interpretiert, wie man philosophische Gedanken auslotet: Mit Mut und Respekt, mit aufmerksamer Distanz und behutsamer Nähe, mit Verständnis für die schöpferischen Ideen eines anderen und der Bereitschaft, mit eigenem Können eine neue Deutung hinzuzufügen. Was aus dem letzten Rathauskonzert Vaterstetten in diesem Jahr mehr als eine musikalische Aufführung machte, viel mehr sogar: einen geistvollen Dialog des Ensembles mit seinem Publikum, der ohne Worte stattfand, aber von Sprache erfüllt war. Das geschah sogar mit Ansage. Hatte doch im Programmheft Hanspeter Krellmann bei Mendelssohns Klaviertrio d-Moll schon auf Anklänge verwiesen auf die "besonnen-verinnerlichte Haltung" des Komponisten, wie sie aus seinen "Liedern ohne Worte" vertraut sei - und Lupu hatte sich vor Beginn des Stücks mit wenigen Sätzen an das Publikum gewandt und betont, wie sehr ihr dieses Verständnis am Herzen liegt. Im Sinne eines lebendigen, kommunikativen Konzerterlebnisses geschah also Erstaunliches und Erfreuliches in Vaterstetten.

Dies gilt auch für die angebotenen Werke. Zu Beginn Schuberts bekannter, als "Notturno" bezeichneter Einzelsatz in Es-Dur, den er nachträglich seinem Trio op. 100 hinzugefügt hatte, zum Schluss den Mendelssohn und dazwischen, wie das Herzstück eines Triptychons, das g-Moll-Trio von George Enescu, selten gespielt und noch viel seltener gehört. Zu Unrecht, wie nach der fabelhaften Interpretation durch die Guadagninis festzustellen ist, die sich mit ihrer Arbeit besonders um das Erbe dieses Komponisten bemühen und in Vaterstetten - von einigen Plätzen im Raum gut zu sehen - vom Faksimile der Handschrift spielten. Eine hochklassige Technik und ein ausgeprägtes musikalisches Verständnis darf man bei einem Ensemble dieser Klasse voraussetzten. Wie aber Tambrea im zugeneigten Umgang mit ihrem historischen Instrument, namensgebend für das Trio, einen inspirierten Bogeneinsatz spüren ließ, und mit welch lockerer Eleganz Armonas sein Cello singen ließ, das ist selten zu hören.

Was einem am Klangbild des Trios dadurch am meisten behagt, ist die freundschaftliche Nähe der beiden Streichinstrumente. Sowohl beim Schubert wie beim Mendelssohn darf man diese Interpretation zweifellos als mutig und eigenständig bezeichnen - sowie als bereichernd, weil dieser kohärente Klang der Saiteninstrumente zum einen den Charakter beider Werke bemerkenswert klar erkennbar macht, zum anderen aber der Klavierstimme die Freiheit gibt, die Facetten dieses Charakters auszuleuchten. Lupu greift hier aus dem weiten Spektrum der Stilmittel scheinbar nach Lust und Laune heraus, was ihr gerade angemessen erscheint, wer genau hinsieht, wie sie ihre Bewegungen vorbereitet, ansetzt und durchführt, erkennt aber den gekonnten Plan ihrer Interpretation, bei der "flüssiger Anschlag" als Bezeichnung zu kurz greift, weil die Pianistin an diesem Abend offenbar jenseits der Schwerkraft spielt.

Bei den vier Sätzen des Enescu-Stücks jedenfalls drängt sich die gewählte Spielweise geradezu auf. Wie sonst ließe sich die Spannung aufbauen, aus der ein Kraftwerk musikalischer Energie im ersten Satz entsteht? Wie sonst wäre jene beschwingte Leichtigkeit glaubwürdig durch die romantischen Strukturen des zweiten Satzes zu weben? Wie sonst wären die ordnenden Strukturen des dritten Satzes denkbar, auf denen die innovativen Ideen und Versprechen für den vierten Satz aufbauen, bei dem sich der verblüffte Zuhörer denkt: Wie sollte er sich eigentlich sonst anhören als hier und jetzt?

Das Publikum im gut besuchten Saal honoriert die Entdeckungsreise mit anhaltendem, erfreutem Beifall, wobei manchem noch das Staunen über das Gehörte ins Gesicht geschrieben steht. Da wird es später wohl noch die eine oder andere Unterhaltung gegeben haben, ganz im Sinne eines philosophischen Diskurses, der Raum und Anlass verlässt, um in die Welt hinauszuwirken.

© SZ vom 17.12.2019
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