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Konzert in Glonn:Normalität zwischen Schwarz und Weiß

Der Gmundner Ramon Bessel ist nicht nur studierter Musikpädagoge, sondern - wie er in Glonn beweist - auch ein scharfsinniger Kabarettist.

(Foto: Christian Endt)

Vokal-Pianist nennt sich Ramon Bessel. Dass er mehr als das ist, zeigt sein kurzweiliger Auftritt in der Schrottgalerie

Familiär geht es zu im liebevoll eingerichteten Kulturwohnzimmer. Betreiber Sven Friedel begrüßt die Gäste persönlich, weist Plätze zu, erklärt das System: Selbstbedienung bei den Getränken, die Bitte um Holzscheite für die zwei alten Öfen und ein raschelnder statt klimpernder Hut für die Künstler. Friedel gibt sich selbstbewusst und seine fidelen, ausgedehnten Ansagen gehören wohl mit zum Kult des Ortes. Wer die Schrottgalerie in jetziger Form noch erleben will, sollte sich übrigens beeilen. Ein größeres Bauvorhaben soll sich zwar rücksichtsvoll um den bestehenden Kulturraum herumwinden, Veränderung und eine lange Baustelle gibt es trotzdem.

Der eigentliche Künstler des Abends, der Gmundner Ramon Bessel ist studierter Musikpädagoge. Er war das "R" und der musikalische Kopf von Riscant, einem Ensemble aus Schauspielern und Musikern. Mit der Dame der Gruppe ist er mittlerweile verheiratet. Erkenntnisse der jungen Ehe und das persönliche Hochzeitslied fließen mit ins Programm. Ein breites musikalisches und emotionales Spektrum, geistreiche Texte und dazu viel von etwas, was seinem Infotext fehlt: Bessel ist im Prinzip scharfsinniger Kabarettist. Seine Ansagen, Gedanken und Dialoge mit dem Publikum nehmen die Hälfte der Zeit ein und sind kein Schauspiel, teilt er sich und seine Welt doch auf persönliche Weise mit. Sicher spielt er mit einigen, auch musikalischen Klischees in seinen Liedern: "Ich habe keine Ahnung von Hip-Hop, aber dieser Song brauchte was Urbanes!"

Bessels Aussprache ist deutlich - kein Wort unverstanden, keins ohne Ausdruck. Seine Mikrofontechnik ist gut und regelt auch seine witzigen Falsett-Einwürfe geschickt. Beim Singen könnte manchmal etwas mehr Bruststimme, mehr Kraft, mehr Schmutz da sein. Seine Linien bewegen sich oft sehr frei über den stabilen Puls seiner Begleitung. Das Klavierspiel ist gelernt und geübt. Auch ohne Textverständnis hätte man einen schönen Abend mit anregend gestalteter Klaviermusik. Daneben nutzt er auch einige elektronische Klänge seines Stagepianos und man merkt, dass er Wert auf Sound legt. Das Equipment ist edel, teuer und lohnt, denn Bessel weiß es richtig zu nutzen, sein Mix klingt klar und volltönig. Erweitert werden manche Arrangements mit dezenten Rhythmen, die nur mit dem linken Fuß erzeugt werden und einigen Songs eine weitere Dimension verleihen.

Erfrischend an seiner Musik ist die harmonische und strukturelle Vielschichtigkeit. Ideen werden verschwenderisch verbaut, ohne Berührungsängste spielt er Pop-Begleitung ebenso wie Swing oder Latin; das farbenreiche Klavierspiel trägt durch die Songs. Auch erklingen Parts, die von der Spielart eher an Kunstlieder bekannter (romantischer) Liedzyklen erinnern, als an die zu oft gehörte Stufenbegleitung vieler Singer/Songwriter. Faszinierend ist, wie Bessel sich die Abläufe ohne Noten und Notizen merkt. Kontrastierende Parts wechseln schnell, mutig und überraschend wird moduliert und sein Gesang muss ebenso schnell und intonationssicher im neuen Tonraum landen. Dazu kommt viel Text, Mimik und Kontakt zum Publikum. Manchem Laien mag dieses Multitasking nicht bewusst sein, Liebhaber oder andere Musiker werden anerkennen, was hier geleistet wird.

Ramon (mit rollendem R) teilt sein Programm in zwei Teile: "Lieder zum Festhalten" und "Liebe und was sonst noch schief gehen kann". Wichtiger aber ist vielleicht seine Gliederung in "amüsante" und "weniger amüsante" Songs, denn hier wird deutlich: Der Künstler will unterhalten, zu platt kann er aber gar nicht. Alltagsphilosophie, soziale Analysen und tiefere Gedankenspiele haben mehr Gewicht als der simple Schmäh. Bessel schafft es sehr amüsant, den Irrsinn von Gourmet-Hundefutter (Canibo, für Hunde mit Niveau) zu hinterfragen und ist auch nicht zu feige, den vielleicht anwesenden Fahrern von Stadtpanzern einen vernichtenden Spiegel vorzuhalten. Bei "SUV" zeigt sich dann aber auch die Kehrseite seiner spritzigen Redekunst und der musikalischen Komplexität: Der Song tut sich schwer, mit der Einleitung mitzuhalten und verirrt sich dann irgendwie mit Erwin Rommel in der Wüste. Mit düsteren Beispielen aus dem Wahnsinn des Münchner Mietmarktes ("Ausverkauft") sinniert der Musiker, ob es nicht billiger und luxuriöser wäre, sich mal eine Zeit lang inhaftieren zu lassen. Schönes musikalisches Schmankerl: Pro Strophe rücken wir mit jeder Mieterhöhung einen Ton rauf. Ein langjähriger Männerfreund und Mitbewohner ist quasi ein roter Faden des Programms und dient als Anker für Erlebnisse und daraus entstehende Liedkunst. Belebend ist der kreative Umgang mit der Sprache. Der Künstler sucht schöne Formulierungen und Bilder, und man möchte man sich einige merken: "Liebe aus Gewohnheit kann tödlich sein" - "der Chor der Latte-Macchiato-Mütter" - "Du bist kein Fisch, du bist das Meer".

Ramon Bessel regt ein Besinnen auf die Normalität zwischen den Extremen an. Der Kampf gegen die Leere im Übersättigten sei mühsam, aber erfüllender als via Web fremdes Leben in Pixeln zu konsumieren. Ebenso die Auseinandersetzung mit überraschenden Gästen in Form von Gedanken im eigenen Kopf. Seine "geliebte Nacht" nivelliert die Zuhörer, Positionen werden zu Nichtigkeiten, das Schwarz-Weiße zu verbindendem Grau.

Die Inspiration zu solch schönem Lied entsteht dann auch mal beim nächtlichen Pinkeln an der eigenen Gartenhecke - erst mal schräg, in der Tat aber sehr umsichtig, um Frau und Mitbewohner nicht durch die laute Spülung zu wecken. Bessel trägt übrigens ein auffälliges schwarz-weißes Hemd. Das Muster ist jedoch so wild, dass der bleibende Eindruck irgendwie bunt ist.