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Neues Programm:Wenn aus Freunden Retter werden

Der Anzinger Weinbeisser hat wieder eine Zukunft: Stephie Propstmeier unterstützt den Wirt Dirk Zeilmann, und ums Programm kümmern sich zwei Experten: Zither-Manä und Holger Paetz

Stephanie Propstmeier hat den urgemütlichen Charme des Anzinger Weinbeissers sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Propstmeier ist 36 Jahre alt - und seit 35 Jahren Stammgast. Genau genommen war es ihre Mutter, die in den 80er und 90er Jahren oft im Weinbeisser war. Und als es dann die kleine Stephanie gab, kam diese eben mit. Insofern ist es also überhaupt keine Überraschung, dass die Anzingerin nun einen Entschluss gefasst hat: Sie ist eines der neuen Gesichter dieses einmaligen Lokals.

Der Weinbeisser gehört einfach zu Anzing, eine Schließung ist eigentlich nicht auszudenken. Ende vergangenen Jahres schien dieses unvorstellbare Szenario trotzdem plötzlich vorstellbar: Der Weinbeisser stand vor dem Aus. Einer der beiden Wirte, Stefan Oelze, beschloss, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Der Gastronom wolle raus aus diesem Spagat, auf der einen Seite seine Lokale und Familie in München, und auf der anderen Seite den Betrieb auf dem Bögelhof in Anzing. "Ich habe schon lange ein schlechtes Gewissen, weil man in den Weinbeisser eigentlich mehr Energie reinstecken könnte und sollte", sagt er. Der andere Wirt, Dirk Zeilmann, wollte weitermachen. Aber nicht alleine.

Der übriggebliebene Weinbeisser-Wirt lebt in München, wo er im Westend die Wirtschaft "Zur Schwalbe" betreibt. Parallel dazu das Lokal in Anzing am Laufen zu halten, sei deshalb schwierig. "Eigentlich habe ich dafür gar keine Zeit", gibt der 47-Jährige zu. "Aber mir gefällt der Weinbeisser einfach so gut!" Nach dem Ausscheiden seines Kollegen Oelze machte sich Zeilmann deshalb auf die Suche nach einem Nachfolger. "Nur wusste ich gar nicht so recht, was und wen ich überhaupt suche." Aber manchmal muss man im Leben gar nicht suchen, weil der Zufall ohnehin alles regelt. So wie in diesem Fall: Die Idee mit Propstmeier als neuer Mitpächterin kam bei einem Ratsch auf, als Stammgast hatte sich die 36-Jährige mit den Wirten angefreundet. Als sie von Oelzes Plänen hörte, aus dem Betrieb auszusteigen, war alles Weitere so etwas wie ein spontaner Selbstläufer.

"Der Weinbeisser ist eine Institution in Anzing - der gehört dazu." Das war es, was Stephanie Propstmeier damals dachte. "Den kann man nicht einfach untergehen lassen!" Also beschloss sie, sich zu engagieren, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Die Arbeit hinter dem Tresen ist schließlich nichts Neues für Propstmeier. Seit ihrem 18 Geburtstag ist sie in der Gastronomie tätig, nebenbei, denn hauptberuflich arbeitet die 36-Jährige als freie Mediengestalterin. "Wenn man den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, ist das eine tolle Abwechslung." Zeilmann und sie beschlossen eine Art Testphase. Ob die Chemie zwischen den beiden nicht nur als Freunde, sondern auch als Geschäftspartner stimmt. "Ich habe erst einmal im Service mitgearbeitet und mir alles angeschaut", erzählt Propstmeier. Der Betatest verlief sehr gut, die Anzingerin stieg ein.

Das Programm

"Fürchtet Euch!", heißt es im Weinbeisser am Mittwoch, 27. Februar, mit einem der neuen Intendanten: Pater Paetz hält seine Buß- und Fastenpredigt. "Hageln wird es heftige Backenstreiche für all die Pappnasen. Für den Heißluft-Horst und den fränkischen Tollpatsch. Ihr Sündenregister ist gewaltig! Solchen Elementen gehört standgepaukt und heimgeleuchtet. Mag der Zorn des Herrn ungewiss sein, der des Paetz ist es mitnichten!"

Mit dem Beihnahe-Weltuntergang beschäftigt sich Josef Brustmann am Mittwoch, 13. März, in seinem Programm "Das Leben ist zu kurz - Kauf die roten Schuh'!" Darin kippt die Erde plötzlich auf die rechte Seite, viele verlieren das Gleichgewicht und stürzen ins All. In England klaut jemand im Durcheinander die Kronjuwelen, in der bayerischen Staatskanzlei fallen alle Kreuze von der Wand und in Berlin fährt aus der Uhr des Heimat- und Innenministers ein brennender Kuckuck heraus und schreit mehrere Male "Asylantenraus!" Brustmann versucht zu retten, was zu retten ist, mit lautem Singen, Instrumentengetöse und Pfeifen im Wald.

Claudia Pichler, die am Mittwoch, 10. April, nach Anzing kommt, machte bislang im Trio "Die drei Haxn" die bayerische Kleinkunstlandschaft unsicher, jetzt startet sie mit ihrem ersten Solo durch: "Ned blöd ... für a Frau!" Die Aubingerin, die über Gerhard Polt promoviert hat, frönt darin ungeniert und ganz unakademisch ihrem Grant, denn die Zeiten der Zurückhaltung sind vorbei! Dabei greift sie bisweilen sogar zum äußersten: ihrer Gitarre. Pichler ist "unwiderstehlich charmant, authentisch und erschreckend nixscheißert".

Einlass ist jeweils von 18 Uhr an, Beginn um 20.30 Uhr. Der Eintritt kostet 20 Euro. Reservierung per Mail an derweinbeisser@t-online.de oder unter (0151) 15 51 53 46. sz

Doch noch ein Problem gab es im Weinbeisser zu lösen: Conny Hoffmann, der die Kleinkunstbühne vor 30 Jahren als Wirt und Intendant in Personalunion ins Leben gerufen hatte, kümmerte sich für Zeilmann und Oelze noch um das Bühnenprogramm. Vor wenigen Wochen aber nahm der 79-Jährige endgültig seinen Hut, "man wird halt nicht jünger", sagte er. Ob es mit dem monatlichen Kabarett-Programm weitergehen würde, war ungewiss. Und wieder war es der Zufall, der zu Hilfe kam: Manfred Zick, den alle nur als Zither-Manä kennen, trat im Dezember im Weinbeisser auf, es war Conny Hoffmanns Abschiedsabend. "Ich war so traurig", erinnert sich der Musiker. Solche Kleinkunstbühnen wie die in Anzing gebe es schließlich nicht oft, das sei etwas ganz Besonderes. "Da dachte ich mir: Wir müssen etwas machen!" Genau wie Zeilmann nicht alleine Wirt sein wollte, so wollte sich Zick aber nicht alleine um das Bühnenprogramm kümmern. "Ich hab' so etwas noch nie gemacht und bin weit über 70", sagt der 71-Jährige. Also holte er seinen Kabarettkollegen Holger Paetz mit ins Boot.

An den Moment, als ihn Zick fragte, erinnert sich Paetz noch genau: "Du, der Conny hört auf - wie schaut's aus?" Paetz schlief eine Nacht darüber, dann trafen er und der Zither-Manä sich mit Zeilmann und Propstmeier. "Na ja, und danach haben wir ein bisschen telefoniert", sagt der 66-jährige Paetz. "Und - zack-zack! - stand das Programm bis zum Sommer." Mittlerweile sind bis auf zwei Termine sogar alle Kabarettabende bis Jahresende besetzt. "Wir kennen die Szene einfach sehr gut, genauso wie den Weinbeisser", erklärt Paetz. Der erste Auftritt in Anzing liegt sowohl für ihn als auch für Zick Jahrzehnte zurück, Propstmeier dürfte die beiden also schon oft dort gesehen haben. Ab sofort wird einer von ihnen jeden Monat auf der Bühne im Böglhof stehen und durch den Abend führen.

© SZ vom 16.02.2019
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