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Neuer Rundgang in Ebersberg:Keine Sekunde langweilig

Walter Brilmayer liefert bei seiner gelungenen Stadtführer-Premiere Ein- und Ausblicke rund um die Ebersberger Stadtentwicklung.

(Foto: Christian Endt)

Überraschende Ecken, Atomschutzbunker und ein Karussell: Altbürgermeister Walter Brilmayer führt durch Ebersberg

Von Michaela Pelz, Ebersberg

Es gibt Berufe, in denen ist es von Vorteil, sich mit sonorer Stimme Gehör verschaffen zu können: Als Lehrer etwa oder als Politiker, wenn es bei Sitzungen einmal hoch hergeht. Und ganz sicher als Stadtführer am Ebersberger Marktplatz, wo es gilt, sich gegen knatternde Motorräder, tuckernde Traktoren, rumpelnde LKW oder wummernde Bässe aus den heruntergelassenen Fenstern hochtouriger Luxuslimousinen zu behaupten. Zum Glück alles kein Problem für Walter Brilmayer, der als früherer Volksschulrektor und Altbürgermeister sowohl das geschulte Organ als auch die nötige Gelassenheit besitzt, um auch beim größten Trubel nicht die Konzentration zu verlieren. Ohne jeden Spickzettel serviert er den zwanzig Teilnehmern seines ersten offiziellen Einsatzes als Stadtführer Zahlen, Fakten und Anekdoten rund um "50 Jahre Innenstadtentwicklung", so der offizielle Titel des Rundgangs.

Beim Auftakt vor dem Rathaus räumt der 68-Jährige ein, es sei in den vergangenen drei Monaten hin und wieder schon ein "seltsames Gefühl" gewesen, vor dem Gebäude zu stehen, in dem er 26 Jahre lang Hausherr war. Wehmut über den Abschied ist dennoch während der gut zweistündigen Führung nicht zu spüren, eher Freude und Stolz darüber, was er während seiner Amtszeit bewegen konnte. Verlässliches Instrument dabei: die Städtebauförderung. Seitdem sich Ebersberg Anfang der 80er Jahre als einer der ersten Orte darum beworben habe, seien von Bund und Land rund 30 Millionen Euro erst in die Verschönerung des Stadtbilds, dann in die Belebung der Innenstadt geflossen. Dabei stand neben dem Verlegen von Pflastersteinen vor allem die Begrünung an erster Stelle. Und zwar gegen teils erbitterte Widerstände, hieß es doch: "Die Stadt braucht Parkplätze, Bäume gehören in den Wald!" Wie es gelang, Linden zu pflanzen und gleichzeitig die Geschäftsleute bei Laune zu halten, erzählt Brilmayer ebenso kurzweilig wie die Geschichte vom "Geislinger-Eck". Die scherzhaft so genannten Einbuchtungen auf der Seite des Südportals verdanke das Rathaus dem damaligen Zweiten Bürgermeister Sepp Geislinger. Bei der Sanierung 1994 habe er dies kurzerhand so mauern lassen, während der frisch gewählte Amtsinhaber in Urlaub war. Der trug es mit Fassung - wie auch diverse andere Herausforderungen davor und danach.

Die allererste, so hört man an Stopp Nummer sechs, hing mit dem Alten Kino zusammen, dessen Betreiber ihm schon seit damals und nicht erst nach Benennung der "Valtortagasse" sehr gewogen seien, erklärt Brilmayer. Mitten im Wahlkampf habe nämlich die Ankündigung des Stücks "Geile Messe" für großen Wirbel gesorgt. Doch dem Stadtrat sei es gelungen, die Wogen zu glätten und der Maxime treu zu bleiben, sich nicht in die inhaltliche Programmgestaltung des Hauses einzumischen. Schon damals war es dem CSU-Bürgermeister wichtig, auch mal etwas zu wagen. "Anfangen muss man und durchhalten!" Sowie günstige Gelegenheiten erkennen und beim Schopf packen: "Wenn man immer wartet, bis genug Geld da ist, geht nie was los!" Am Ende habe sich dann doch immer alles gefügt - ohne Schulden.

Nun blickt der Altbürgermeister zurück und voraus: Auf Altstadtpassage und Einkaufszentrum, das Gelände rund um den Klosterbauhof (unter dem einst ein Atomschutzbunker angelegt werden sollte), die Entwicklung des Hölzerbräu-Areals und die anstehende Umgestaltung des Marienplatzes. Wie Ebersberg früher ausgesehen hat, zeigt Kreisheimatpfleger Thomas Warg, Koordinator und Chef von mittlerweile gut zwei Dutzend Stadtführern, immer wieder anhand von Bildern, 50 hat er zur Veranschaulichung ausgewählt.

Der krönende Abschluss erwartet die Gäste schließlich an der 14. Station, im Klosterbauhof: Dort sitzt vor dem Café kein anderer als der zuvor viel gelobte Ex-Landrat Hans Vollhardt. Reiner Zufall natürlich, nicht etwa eine geplante Inszenierung. Die brauche sein Team-Neuzugang aber auch gar nicht, wie der hochzufriedene Warg konstatiert, hagelt es doch begeisterte Kommentare: "Keine Sekunde langweilig! Viel Neues auch für Alteingesessene!" Ohnehin waren die ersten beiden Führungen sofort ausgebucht und es stehen schon 20 Personen auf der Warteliste. Daher wird es wohl auch in Zukunft Termine mit dem Altbürgermeister geben - hineingepackt zwischen dessen Pflichten als stellvertretender Landrat, diverse Ehrenämter und private Unternehmungen.

Als der vielfache Großvater dann aber enthüllt: "Ein Kinderkarussell auf dem Marktplatz, so wie in Frankreich, das wäre mein Traum!", sieht man vor dem geistigen Auge plötzlich eine mögliche Zusatzaufgabe. Wäre der schlagfertige Brilmayer mit seiner erprobten Stimmkraft nicht ein perfekter Rekommandeur: "Wer will nochmal, wer hat noch nicht?!" Man würde sofort mitfahren.

© SZ vom 10.08.2020

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