Natur und Umwelt:Ebersberger Forst: Klimawandel vor der Haustür

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Forst - Waldmonitoring Fachtagung

Diese Fichte im Ebersberger Forst ist dem verheerenden Sturm zum Opfer gefallen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Trockenstress, Schädlinge, saure Böden: Der Forst leidet bereits jetzt unter der Erderwärmung. Wie lässt sich gegenhalten? Diese Frage beschäftigt Fachleute des forstlichen Umweltmonitorings in Bayern.

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

Dieser Oktobertag ist vom Wasser geprägt. Graue Wolken hängen über dem Landkreis, immer wieder nieselt es. Eine kalt-nasse Schicht hat sich über das Draußen gelegt. Doch auch drinnen, im Wirtshaus "Zum Wilderer" in Anzing, geht es viel ums Wasser. Hier findet an diesem Donnerstagmorgen das Jahrestreffen der Experten und Mitwirkenden des forstlichen Umweltmonitorings in Bayern statt. So kompliziert und lang der Titel der Veranstaltung, so auch die Themen und die Forschung, um die es hier geht: das forstliche Umweltmonitoring, dessen Praxis und der derzeitige Erkenntnisstand zum Zustand der bayerischen Wälder.

Vor dreißig Jahren, 1991, begann die "Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft" (LWF) im Auftrag der bayerischen Staatsregierung an mehreren Standorten in Bayern - heute neunzehn an der Zahl - "Waldklimastationen" (WKS) einzurichten, auch im Ebersberger Forst. Diese Stationen waren eine Reaktion auf das heute sogenannte "Waldsterben 1.0" sowie auf die Verwüstungen durch den Orkan Wiebke 1990. Die Waldklimastationen dienen dazu, verschiedene Parameter zu erfassen und deren Auswirkungen auf die Vitalität des Waldes messbar zu machen: Schadstoffein- und Austräge, Kronenzustand, Bodenvegetation, um nur einige zu nennen. An Schwerpunktstationen wie in Ebersberg werden noch zusätzliche Messungen erhoben, beispielsweise Luftschadstoffe.

Besondere Aufmerksamkeit wird an allen Stationen natürlich dem Wasserhaushalt und der Temperatur geschenkt. Die Sorge der Deutschen nach fünf Jahrhundertsommern innerhalb von achtzehn Jahren um die Wälder ist groß. Wie dramatisch ist die Lage in Bayern - und in Ebersberg - also tatsächlich? Unter anderem darum geht es in den Fachvorträgen in Anzing. Zunächst hält Lothar Zimmermann, stellvertretender Leiter der Abteilung Boden und Klima bei der LWF, fest: Die Bodenspeicher der Wälder in Bayern sind an vielen Stellen, vor allem in Südbayern, nach dem nassen Sommer 2021 gut gefüllt, in Ebersberg beinahe schon übersättigt.

Alles halb so wild also mit der Trockenheit und dem Klimawandel? Mitnichten. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft herrscht mittlerweile Konsens, dass aufgrund des Klimawandels die statistische Wahrscheinlichkeit für Extremwetterereignisse steigt, also beispielsweise extrem heiße Sommer, heftige Niederschläge, plötzlicher, unerwarteter Frosteinbruch oder auch Stürme. Heiße Sommer bedeuten dabei nicht nur Trockenheit und damit verbunden Trockenstress für die Bäume, die sich dann weniger gut gegen den Borkenkäfer wehren können. Es bedeutet auch längere Vegetationsdauern, die dann wiederum durch den Frost jäh unterbrochen werden können, was der Baumstruktur teils schwere Schäden zufügt.

In Ebersberg ist die Vegetationsdauer mittlerweile im Vergleich zum Klimazeitraum 1961 bis 1990 um zwanzig Tage länger, also bei 155 Tagen, die Gefahr von Frostschäden entsprechend erhöht. Dies hängt nicht zuletzt mit der erschreckendsten Zahl zusammen, die Hans-Peter Dietrich, der in der LWF unter anderem für das Waldmonitoring zuständig ist, nicht müde wird zu wiederholen: Die mittlere Sommertemperatur im Forst hat sich gegenüber dem genanntem Zeitraum um mehr als zwei Grad Celsius erhöht. Nicht zuletzt deswegen sagt auch Klaas Wellhausen, Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Ebersberg-Erding: "Der Klimawandel ist da."

Dabei sind höhere Temperaturen und Extremwetterereignisse nicht die einzigen Probleme, mit denen der Wald zu kämpfen hat. Während von den 1970er bis in die 1990er Jahre der Schwefeleintrag, der "Saure Regen", als der Waldkiller gesehen wurde, ist dieser mittlerweile dank Emissionsreduktion unter Kontrolle. Anders sieht die Sache bei Stickstoff aus. Durch Verkehr und Landwirtschaft gelangt immer noch viel zu viel davon in die Wälder, wie Stephan Raspe von der LWF ausführt. Die Folge: Übertriebenes Pflanzenwachstum, saure Böden. "An vielen Standorten müssen die Stickstoffeintragungen noch um bis zu siebzig Prozent reduziert werden", sagt er, damit ein ausgewogener Haushalt entstünde.

Forst - Waldmonitoring Fachtagung

Lothar Zimmermann von der Abteilung Klima und Boden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wie stellen sich also die Waldklimastationen und die Wälder auf diese Probleme ein? Während der Stickstoff-Herausforderung nur schwierig durch Forstwirtschaft und -wissenschaft begegnet werden kann, findet die Anpassung an den Klimawandel längst statt. Ab 2022 sollen die WKS darauf eingestellt werden, auch im deutlich härter betroffenen Nordwesten Bayerns mehr Daten, beispielsweise zur Bodenfeuchte, zu sammeln und es sollen auch vermehrt andere Baumarten als die Fichte erforscht werden. Die Fichte ist ohnehin längst das Problemkind in Deutschlands Wäldern, sie ist besonders anfällig für Trockenheit und Käferbefall.

Als es dann also nach draußen geht, um die WKS in Ebersberg vor Ort zu besichtigen, zeigt sich deswegen Heinz Utschig, Leiter des Forstbetriebs Wasserburg, besonders stolz über die "Umbaumaßnahmen", die hier seit dreißig Jahren stattfinden. Die Fichte wird zurückgedrängt, immer mehr Laubbäume kommen dazu. "Die Zukunft sind die Buchen", so Utschig. Zwar besteht immer noch ein Großteil des Forsts aus Fichten, 2016 waren es etwa 62 Prozent. Im Vergleich zu den 82 Prozent 1976 ist das jedoch ein großer Fortschritt, beachtet man die Lebensdauer der Bäume. "Waldumbau ist Daueraufgabe", sagt deswegen auch Utschig.

Angestrebt wird, dass in 50 Jahren nicht einmal mehr die Hälfte des Waldes aus Fichten besteht, mit der Buche als dem wichtigsten Zusatz im Mischwald der Zukunft. Diese Strategie basiert aber auf der Hoffnung, dass sich der Klimawandel zumindest nur mittelschlimm weiterentwickelt. Sollten sich die düstersten Prognosen bewahrheiten, eine Jahresmitteltemperatur von etwa zwölf Grad Celsius, "dann war alles umsonst", so Utschig.

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