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Ebersberger Musikschule:Einzelhaft ist out

Auch wenn der öffentliche Unterrichts- und Konzertbetrieb der Ebersberger Musikschule derzeit eingestellt ist, geht die Arbeit hinter den Kulissen weiter. Wegweiser ist dabei ein neues Leitbild

Alles beginnt mit einer Verneigung vor drei Größen: vor Bildung, Kultur und Musik. Drei simple Begriffe nur, doch wenn man genauer darüber nachdenkt, spannt jeder von ihnen einen ganzen Kosmos auf. Diese drei Welten auszuloten und stets hoch zu schätzen, das ist das Anliegen der Musikschule Ebersberg - mehr denn je. Die Institution hat sich nämlich ein neues Leitbild gegeben, an dem sie sich künftig orientieren und messen lassen will. Die darin formulierten Grundsätze, Ziele und Visionen sollen nach innen genauso wirken wie nach außen, schließlich ist die Musikschule mit vielen unterschiedlichen Partnern verbunden. Nicht nur mit ihren etwa 2400 Schülern und deren Eltern, sondern auch mit den vier Kommunen im Zweckverband Kommunale Bildung, elf weiteren Vertragsgemeinden sowie diversen anderen Institutionen wie Schulen, Kitas und Vereinen.

Zwei Jahre lang hat man sich Zeit gelassen für die Entwicklung des Konzepts. An vorderster Front stand dabei freilich die dreiköpfige Schulleitung aus Peter Pfaff, Wolfgang Ostermeier und Leopold Henneberger, doch darüber hinaus wurden alle 60 fest angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an dem Prozess beteiligt. Das heißt: Dieses Papier ist im Tutti entstanden. Schließlich sollte die "Zukunftswerkstatt Prio 3.0" auf einer möglichst breiten Basis stehen, man wollte aus der Erfahrung des Kollegiums schöpfen - und gleichzeitig frische Impulse einfließen lassen. Vier Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themenfeldern wurden gegründet, sie "haben Fakten, Ideen, Bedarfe und Entwicklungen gesichtet, ausdifferenziert und zu diesen Leitlinien zusammengeführt", heißt es im Prolog des Werks.

Der Zeitpunkt ist dabei wohl kein zufälliger: Einerseits stehen innerhalb der Musikschule, sogar in deren Leitung, absehbar zahlreiche Veränderungen ins Haus, andererseits verabschieden sich nun, nach der Kommunalwahl, einige Bürgermeister, die den Zweckverband in den vergangenen Jahren entscheidend mitgetragen und -entwickelt haben. Und was sich in den Rathäusern tut, hat für die Musikschule durchaus Bedeutung, denn sie ist weder ein profitorientiertes Unternehmen, noch ein Verein, sondern eine Institution mit öffentlichem Bildungsauftrag, das betonen die Verantwortlichen immer wieder. Dementsprechend wichtig sei es, "politisch gewollt" zu sein. Doch nun geht so langsam eine Ära zu Ende. Insofern kann das neue Leitbild auch als eine Art Wegweiser verstanden werden, als Vermächtnis an all jene Menschen, die künftig die Geschicke der Musikschule zu lenken haben werden.

Für deren Chef Peter Pfaff ist das Konzept überdies ein "Meilenstein", also etwas, worauf die Ebersberger im Vergleich mit anderen Musikschulen durchaus stolz sein könnten. Das bisherige Leitbild war bereits 15 Jahre alt und befasste sich vor allem mit organisatorischen Fragen, es war geprägt von der damals allgegenwärtigen Raumnot. "Jetzt haben wir viel stärker inhaltlich gedacht, da steckt wirklich Futter drin", schwärmt Pfaff. Getragen ist das neue Leitbild von der Überzeugung, dass sich eine Musikschule stets weiterentwickeln muss - auch wenn das heißt, Konventionen über Bord zu werfen. "Einzelhaft am Klavier wie früher - das sind wir nicht!", stellt Ostermeier klar. Eine moderne Musikschule müsse viel offener, vielfältiger und vor allem freudvoller sein.

Musikschule Ebersberg Pippi Langstrumpf

Pippi Langstrumpf imit ihrer inneren Stärke und Freiheit ist für die Verantwortlichen der Ebersberger Musikschule ein Idealbild.

(Foto: Veranstalter)

Bildung - darunter versteht das neue Leitbild der Musikschule ganz generell "die Aneignung der Welt". Wobei dieses "aneignen" laut Pfaff ganz wörtlich verstanden werden soll, als sich etwas "zu eigen" machen, in einem ganz individuellen Prozess. Kultur wiederum sei "die Gestaltung unserer Welt" - und die Musik damit "Ausdruck der Natur des Menschen". Insofern will die Ebersberger Musikschule einen Wert schaffen, "der bleibt": Sie möchte Raum bieten für eigenes Lernen und Üben, aber immer in Verbindung mit gemeinschaftlichem Musizieren. "Sie führt zum selbstbestimmten Musikmachen ein Leben lang." Wie das gelingen kann, dazu bietet das neue Leitbild viele generelle Ideen, aber auch ganz konkrete Handlungsanweisungen. "Momentan sind schon rund 20 Pilotprojekte in Arbeit", sagt Pfaff.

Ganz oben steht, dass die Institution ihren öffentlichen Bildungsauftrag noch besser umsetzen möchte als bislang. "Wir sind nicht nur für eine Elite da", sagt Pfaff, und Ostermeier ergänzt: "Musik ist nie kompetitiv - im Ensemble gibt es keine Verlierer, jeder findet seinen Platz!" Gerade deshalb seien die Kooperationen mit Schulen so wertvoll, etwa die Singklassen, durch die ausnahmslos alle Kinder mit der Musikschule in Berührung kommen. Zudem möchte man noch stärker inklusiv wirken, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Betreuungszentrum Steinhöring. Nachholbedarf sehen die Verantwortlichen außerdem im Bereich der Erwachsenen und speziell bei den Senioren, für die es demnächst spezielle Angebote geben soll.

Die Ebersberger Musikschule möchte ein kontinuierlicher Begleiter sein - vom Kindergarten bis zur Rente, von der "Musikita" bis zur musikalischen Reife - und für jede Lebenssituation die passenden Angebote machen. An verschiedenen Stellen des Leitbilds ist die Rede davon, dass die musikalische Bildung ein höchst individueller Prozess sei, sprich: jeder Schüler anders als der andere. Alter, Herkunft, Voraussetzungen, Begabungen, Ziele - all das müsse bedacht werden. Insofern könnten die Lehrer nicht mit "standardisierten Konzepten" arbeiten, so Ostermeier, sondern müssten stets überlegen und abwägen, welche Methoden und Formen des Unterrichtens nun die passenden seien. Dementsprechend fordert das Leitbild von den Pädagogen ständige Reflexion regelrecht ein und beinhaltet als Hilfestellung einen umfangreichen Fragenkatalog. Zum Beispiel: Wann ist es sinnvoll, den Schüler im Ensemble zu vernetzen? Wann braucht er einen individuellen Schutzraum? Wann muss der Lehrer Geduld und Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Schülers haben, wann muss er Geduld und Vertrauen von seinem Schüler einfordern?

Fest steht aber: "Frontal ist out - im Unterricht und auf der Bühne." Und das sei auch richtig so, sagt Ostermeier, denn 85 Prozent des Lernens geschehe ohnehin implizit, das heißt beiläufig, beim Zuschauen, Zuhören und Ausprobieren. Einzelstunden am Instrument machen daher heute mitnichten den Großteil des Musikschullebens aus, sondern gerade mal etwa ein Viertel. Der Rest setzt sich zusammen aus Unterricht in verschieden großen Gruppen, aus Ensembles und Chören, der musikalischen Früherziehung sowie den Kooperationsprojekten mit Kitas und Schulen. An dieser Gewichtung lässt sich so einiges ablesen über die Ziele, die die Musikschule bereits seit geraumer Zeit verfolgt.

Die Macher der Ebersberger Musikschule Peter Pfaff, Leopold Henneberger und Wolfgang Ostermeier.

(Foto: Christian Endt)

Wie ein roter Faden zieht sich der Werkstattgedanke durch das Konzept: Das gemeinsame Musizieren und das Selbermachen sollen immer mehr in den Fokus rücken. Die Musikschule möchte "soziale Gemeinschaft" sein und einen "anregenden Spielraum" für Kreativität bieten. Sei es in Ensembles oder bei Workshops. Wobei man über die bloße Reproduktion weit hinausgehen möchte: improvisieren, komponieren - all das soll gefördert werden. Auch fächerübergreifende und interdisziplinäre Projekte sind erwünscht, etwa in Form von Themenkonzerten oder Musiktheater. Auch was das Kollegium angeht, möchte man daher die Teamarbeit stärken. Die Lehrer sollen zunehmend im Tandem unterrichten, gemeinsam Gruppen leiten, Workshops oder Konzerte organisieren. So nämlich könnten die Schüler unterschiedliche didaktische Methoden kennenlernen, aus der Abwechslung neue Motivation schöpfen, vielschichtige Begegnungen mit Gleichgesinnten erleben und sich an diversen Formaten beteiligen. Allerdings, das verschweigt Pfaff nicht, ist die Organisation solcher interner Kooperationen oft schwierig. "Um zum Beispiel ein neues Instrumentenkarussell auf die Beine zustellen, brauchen wir drei Jahre Vorlauf", sagt er, "denn dafür müssen erst die Stundenpläne von sechs Lehrern miteinander in Einklang gebracht werden".

Nicht nur, aber auch deswegen ist die vielleicht größte Vision der Ebersberger Musikschulmacher der "Bildungscampus": Ein Areal, auf dem sich Einrichtungen von der Krippe bis zum Gymnasium befinden, so dass die Musikschule auch geografisch Teil einer umfassenden Lernlandschaft werden kann. "Wenn sich alle die Klinke in die Hand geben, Lehrer, Kinder und Eltern - das ist fantastisch", sagt Ostermeier. Davon kann die Ebersberger Musikschule mit ihrer dezentralen Struktur momentan allerdings nur träumen. Lediglich in Markt Schwaben gebe es momentan die Hoffnung auf räumliche Verbesserungen, sagt Ostermeier. "Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir bei dem Thema politisch klare Kante zeigen."

Schließlich möchte die Musikschule in Zukunft gerne "noch näher ran an die Lebenswirklichkeit" der Menschen, vor allem von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern. Und die ist nun einmal bestimmt von komplexen Abläufen zwischen Beruf, Schule, Betreuung und Hobbys. Wie oft scheitert Instrumentalunterricht, Ensemblearbeit oder das Singen im Chor daran, dass niemand das Kind nachmittags von A nach B fahren kann? Viel zu oft, da sind sich Pfaff und Co. sicher.

Mit der Zeit zu gehen, gesellschaftlichen Veränderungen gerecht zu werden, dazu gehört für die Ebersberger auch eine Erweiterung des musikalischen Horizonts weit über Beethoven und Mozart hinaus. Sprich: Auch Jazz, Pop, Rock und andere Genres sollen unter dem Dach der Musikschule ein Zuhause haben, und zwar nicht nur beim jährlichen Bandworkshop. Dazu gehört auch das Thema Digitalisierung: Soft- und Hardware, Synthesizer, Loopmaschine, Musik-App - all das möchten die Verantwortlichen - mit Sinn und Verstand freilich - in den Unterricht integriert sehen. Allerdings ist dafür entsprechende Expertise im Kollegium vonnöten. Derzeit wird zum Beispiel ein Klavierlehrer gesucht, der nicht nur Klassik kann, sondern auch andere Genres, und obendrein fit ist in digitaler Musikproduktion. Einen "Studiowagen" für hochwertige Aufnahmen hat man längst angeschafft.

Wenn es gelinge, flexibel auf die Schüler einzugehen und Begeisterung für Kreativität zu wecken, könne "eine Musikschulkarriere ganz unterschiedliche Folgen haben", sagt Peter Pfaff und grinst übers ganze Gesicht. Denn das hat der Chef aus nächster Nähe erlebt: Sein einer Sohn sei heute "Volksmusik-Punk", erzählt er, der andere "Kunst-DJ". Und auf alle beide ist Pfaff als Vater mächtig stolz.

© SZ vom 28.03.2020

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