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Arkadien - Kees und Bauer im Alten Kino

Werner Bauer (links) und Peter Kees eröffnen in Ebersberg den "Salon Altes Kino - Politik & Utopie".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Film, Diskussion und Musik beim "Salon Altes Kino - Politik & Utopie" mit Werner Bauer, Peter Kees und der Blech-Bagage

Von Michaela Pelz, Ebersberg

"Utopisch" ist nicht nur das Konzept von "Arkadien", sondern auch die Erwartung, eine Veranstaltung mit gut hundert Personen käme in diesen Tagen komplett ohne das böse "C"-Wort aus. Zum Glück bleibt es bei einem mehrstimmigen Flüstern dieses ironisch gemeinten Kommentars, nachdem Peter Kees das Problem der Überbevölkerung auf der Welt angesprochen hat. "Politisch" ist es da schon geraume Zeit: Erst bei der ausführlichen Einführung ins Thema mit Wort und Bild durch den selbst ernannten arkadischen Botschafter. Dann während des Gesprächs mit seinem Bühnen- und Filmpartner, dem Fotograf und Videokünstler Werner Bauer, über das Arbeitsethos. Und schließlich bei der Publikumsbefragung, die zwar erst im zweiten Anlauf Fahrt aufnimmt, dann aber zu reger und durchaus engagierter Beteiligung führt.

So hat unter diesem Aspekt die neue Reihe "Salon Altes Kino - Politik & Utopie", ihrem Namen auf jeden Fall Rechnung getragen. Auch das Format selbst ist bei den Anwesenden ein voller Erfolg. Zwei Pausen, erklärt Markus Bachmeier am Anfang, werde es geben, allerdings nicht zur Ankurbelung des Bierverkaufs, sondern für den Austausch der Gäste untereinander; außerdem Live-Musik. Eifrig unterhält man sich also, als die Gelegenheit dazu besteht und ist sich einig, dass die musikalische Umrahmung durch die "Blech-Bagage" ein besonderes Highlight ist. Völlig ungewohnt in schwarzer Hose und ebensolchem Sakko bereichern die sechs Ebersberger den Abend durch ihre perfekte Intonation unterschiedlicher Stücke - von Trauermusik über Mussinan- bis Radetzky-Marsch. Vor allem aber sorgen die Musiker für ein Aha-Erlebnis, als sie die "Arkadische Hymne" zum Besten geben. Diesen melodischen Klängen, von einem Musikversierten schnell als Offenbachs "Prinz von Arkadien" entlarvt, folgt das Publikum nach entsprechender Aufforderung von Kees im Stehen. Schon bei dieser Aktion wird klar, dass der gebürtige Bayreuther, der damit seinen Bezug zur Musik unterstreicht, die Auseinandersetzung mit dem Konzept "Arkadien" von einer rein künstlerischen, philosophischen Ebene ins tatsächliche Leben überträgt. Um auch die auf den Stand zu bringen, die seine vielfältigen Aktionen nicht mitverfolgt haben, fasst er noch einmal kurz zusammen: Arkadien, ursprünglich lediglich der Name eines Gebirgszugs auf dem Peloponnes, wird nach der ersten Erwähnung durch Virgil seit Jahrhunderten gleichgesetzt mit dem paradiesischen Zustand in einer idyllischen Welt. Zentrale Elemente: Harmonie der Menschen untereinander, Rückkehr zur Natur, Abwesenheit von Krieg und hoher Stellenwert von Kunst und Muße.

Diesem Thema hat sich Konzeptkünstler Kees mit Leib und Seele verschrieben, seitdem er 2006 während der Biennale in Havanna die erste arkadische Botschaft gründete. Schon damals fanden seine Visumanträge reißenden Absatz und auch an diesem Abend werden sich rund 30 Personen um ein solches bewerben, indem sie den entsprechenden Antrag ausfüllen. Das geschieht in der ersten Pause, nachdem in einem knapp halbstündigen Film gezeigt wird, wie Kees und Bauer Ende Mai 2019 nach Sizilien reisen, um dort einen weiteren "arkadischen Quadratmeter" zu platzieren. Seit 2013 finden sich an zahlreichen Orten, unter anderem in Finnland, Italien, Tschechien, Belgien, Frankreich, Litauen, Ungarn, Österreich und Deutschland die jeweils vier an roten Stangen befestigten Grenzsteine, mit denen Kees Arkadien ständig erweitert. Mal sind sie im Wald, mal neben einem Feld, mal am See - doch diesmal soll die 25 Kilogramm schwere Installation mitten ins Wasser. Genauer gesagt, ins Mittelmeer. Dazu braucht es ein Boot und jemand mit entsprechendem Führerschein. Wie Bauer. So kamen die beiden zusammen, die sich vorher nur lose kannten. Dass der Dachauer am Projekt die gleiche Freude verspürte wie der Initiator, ist unschwer im Video zu erkennen, das die mit zahlreichen, durchaus komischen Unwägbarkeiten gespickte Reise dokumentiert. Seine harmonische Zusammenarbeit setzt das Duo im Herbst 2019 mit einem zweiten Filmprojekt fort, in dessen Zentrum der Müßiggang steht. Diesem frönen die zwei Mittfünfziger in einem italienischen Dorf hoch in den Bergen bei selbst gebackenem Holzofenbrot oder auf der Terrasse in der Sonne. Untermalt wird das Ganze mit Musik von Wagner und Zitaten von Nietzsche, Epikur und Büchners Leonce und Lena.

An Letzterem entzündet sich der Widerspruch eines Zuschauers während der anschließenden Diskussion. Er moniert, dass es hier eben nicht um einen, wie von vielen als wünschenswert propagierten, gesteigerten Müßiggang der arbeitenden Mehrheit ginge, sondern um deren Ausbeutung durch reiche Schmarotzer. Auch an anderer Stelle regt sich Kritik. Den Status Quo als ausreichend zu betrachten, könne sich vielleicht der saturierte Mitteleuropäer leisten, Menschenrechte für alle ließen sich jedoch ohne Wachstum nicht erreichen, meint ein Zuschauer. Insgesamt ist das Echo durchwachsen: Manchen sind Kees und Bauer zu sprunghaft, weil sie einige Aspekte nur anreißen. Auch finden Fans von "Die Monatsschau" eben diese weit abwechslungsreicher. Die Künstler selbst haben ihr Ziel erreicht: Sie wollen Fragen stellen und gerne auch per Provokation Menschen zum Nachdenken und Diskutieren bringen.

© SZ vom 02.03.2020

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