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Mitten in Ebersberg:Zwischen Mampfe und Piraten

In den Kinderspielen spiegelt sich das Verhalten von Erwachsenen wider - das macht den Blick auf die Spielplätze spannend und ein bisschen beunruhigend

Wer etwas über den aktuellen Stand der Gesellschaft erfahren will, der kann sich dazu einfach mal seine Kinder anschauen. Was die Großen so treiben, das spiegelt sich oft auch im Spielen der Kleinen wider. Wenige Jahre, nachdem zum ersten Mal eine Eisenbahn über die Schienen ratterte, kamen Blecheisenbahnen für Kinder auf. Während der beiden Weltkriege überzogen auch die Spielzeughersteller den Markt mit Kanonen und Soldaten. Die 60er brachten den Wohlstand und Barbie, Ende der 80er dann der Durchbruch in der elektronischen Datenverarbeitung - und die Kinder bekamen Gameboys. Und 2020?

Man möchte aus Abnutzungsgründen das Wort schon gar nicht mehr in den Mund nehmen, das gerade das gesamtgesellschaftliche Tun dominiert - und doch prägt das Virus auch das Spielverhalten der Kinder. Schön zu beobachten derzeit an den Spielplätzen in Ebersberg. Nun, da es wieder erlaubt ist, diese zu besuchen, haben sie Hochkonjunktur.

Da ist beispielsweise der kleine Spielplatz an der Karwendelstraße, mit Alpenpanorama. Im benachbarten Froschteich quäkt es zeitweise fast lauter als zwischen den Sandburgen dort. Die Kinder freuen sich, endlich wieder Spielgefährten zu haben, klauen sich juchzend Schaufeln und Siebe. Nur ein Junge, wahrscheinlich kurz vor der Einschulung, ist entsetzt. Er bleibt erst einmal stehen und hält sich an seiner Mama fest mit den Worten: "Oh Mann, da müssen wir aber viel Abstand halten." Andere Kinder juckt das weniger, sie stürzen sich ausgelassen und mundschutzlos auf das mitgebrachte Essen anderer Kinder - endlich was anderes als die Mampfe, die der eigene Papa immer zur Brotzeit hinstellt.

Ähnliches am Spielplatz am Klostersee. Vier Geschwister spielen dort zusammen. Während zwei das Spielhäuschen sauber halten müssen, gehen die anderen beiden arbeiten. Die Älteste hat das Kommando: "Jetzt alle hier sammeln! Und zwar sofort!" Lässt das auch tiefe Einblicke in das Erleben der Kinder zu? Ein Blick auf die eigene Tochter. Die Dreijährige hat ihre Hände zu einem Trichter geformt und ruft: "Achtung, Achtung, bitte Abstand halten!" Der kleine Bruder kichert dazu und macht es ihr nach. Leichter Grusel kommt auf. Werden die beiden sich nach Corona noch an die Zeit davor erinnern? Ein Schuss unterbricht die Gedanken. Nebenan bringen sich zwei Siebenjährige um die Ecke, einer ist Cowboy, der andere Pirat. "Peng!", ruft der Pirat und lässt sich in den Sand fallen. Manche Spiele, so seufzt man erleichtert, sind also doch zeitlos - und haben (hoffentlich) nichts mit dem Familienalltag gemein.

© SZ vom 23.05.2020

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