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Mitten in Ebersberg:Neuer Job? Besser nicht!

Kinokritiken gibt es in diesen Wochen bekanntlich nicht. Für eine Kulturjournalistin die Chance, an einen Tapetenwechsel zu denken

Kolumne von Michaela Pelz

Zeit der Krise, Zeit ungeahnter Aktivitäten. Wo andere endlich den Keller aufräumen, ihre Fenster putzen und die Bücher im Wohnzimmer alphabetisch, nach Themen oder nach Farben sortieren, verliert sich die beschäftigungslose Kulturjournalistin in philosophischen Betrachtungen. Statt nach einem Abend im Alten Kino die aberwitzigsten Schenkelklopfer renommierter Akteure in ebenso pointierte wie feinsinnige Betrachtung zu gießen, wandert der Blick ziellos über die unberührte Tastatur. Auch deswegen, weil der Fettfilm der "in diesen Tagen" unerlässlichen Handcreme die Benutzung immer wieder inopportun erscheinen lässt. Was wiederum den Kopf frei macht für ganz andere Gedanken.

Ob wohl auch andere Menschen und Landkreisbürger, um Verschwendung zu vermeiden, den überschüssigen Balsam von Fingern und Handrücken mit geschmeidiger Bewegung Richtung Ellenbogen verteilen und so die oft sträflich vernachlässigte Haut über Elle und Speiche einer ungewohnt häufigen und intensiven Pflege unterziehen? Könnte das wiederum nicht Grundstock werden für ein völlig neues Betätigungsfeld nach der Krise? Etwa eine Karriere als Unterarmmodell? Wahrscheinlich müsste man dann aber auch mit eindrucksvoller Muskulatur punkten, also schnell die Internetfachliteratur zur Stärkung von Flexoren und Extensoren angesteuert. Auf die Griffkraft komme es an, ist dort zu lesen - in doppelter Hinsicht außerordentlich sinnvoll für "danach"; ließen sich doch damit auch die Assoziationen "schmierig und schwach" eines Händedrucks "wie ein toter Fisch" vermeiden. Außerdem blieben, so weiter im Text, laut nicht näher definierter Studien "Menschen, die fest zupacken können, bis ins hohe Alter selbständig". Auch verlängere sich dadurch ihr Leben.

Ein Heilsversprechen, das direkt überzeugt und den Wunsch weckt, sich sofort den mitgelieferten praktischen Übungen zuzuwenden. Wie wäre es mit dem "Farmer's Walk" beim täglichen Spaziergang? Trotz der möglicherweise irritierten Blicke anderer Frischluftsucher ob der mitgeführten Hanteln oder Kettlebells für die Ungeübte sicher praktikabler als das "statische Einarm-Hängen". Das sorgt leider schon beim Zusehen für Erschöpfung und erstickt den Versuch der Unterarmoptimierung direkt im Keim.

Also bye-bye Berufsumstieg. Lieber schnell noch einmal das Kulturprogramm der kommenden Monate studiert und sich der Hoffnung hingegeben, damit wieder irgendwann seine Brötchen verdienen zu können.

© SZ vom 04.05.2020

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