Mitten in Ebersberg:Gestern war er doch noch da!

Wochenlang blockierte der verwaiste Corona-Bus der Firma Medican die Parkplätze vor dem Einkaufszentrum. Nun ist er weg - und hinterlässt eine Lücke

Glosse von Franziska Langhammer

Manche Dinge fallen einem erst auf, wenn sie nicht mehr da sind. Damit soll nicht kalenderspruchmäßig das Gefühl des Liebeskummers bedient werden, nein, es geht um viel Schnöderes und Greifbareres, nämlich den Bus der Bochumer Firma Medican. Seit Anfang Juni verwaiste das Fahrzeug auf dem Parkplatz des Ebersberger Einkaufszentrums EinZ, geschlossen, vereinsamt, rot.

Die Wochen und Monate zuvor war der Bus als mobiles Abstrich-Zentrum genutzt worden; neben seltenem Lachen waren es vor allem Würgegeräusche gewesen, welche den Innenraum füllten. Wer wollte, durfte sich in eine der engen Kabinen des Busses setzen, die Maske abnehmen und sich mit dem Wattestäbchen in den Schleimhäuten des Nasen-Rachen-Bereichs herumfuhrwerken lassen. Nachdem der Verdacht aufkam, die Firma Medican hätte falsch abgerechnet und so den Staat um Millionen betrogen, musste der Bus seine Türen schließen. Wochenlang tat sich nichts, niemand wollte das Gefährt haben. Stattdessen blockierte es Parkplätze, zum Leidwesen der Einkäufer, zum Ärger der EinZ-Betreiber. Ein rotes, trauriges Vehikel.

Beim Vorbeischlendern fällt einem zuerst nichts auf, doch plötzlich durchfährt es einen wie ein Blitz: Er ist weg! Hastiges Umschauen - gestern war er doch noch da! Ein Anruf bei den EinZ-Betreibern bestätigt, dass der Bus am Freitagvormittag abgeholt wurde. "Wir freuen uns", heißt es von deren Seite, und: "Endlich ist er weg!" Auf die Frage, was mit dem Fahrzeug nun passiert, gibt es jedoch keine Antwort.

Schön für die Parkplatzsuchenden, aber irgendwie fehlt nun auch ein vertrauter Anblick. Wo mag er nun stehen, der Bus? Fühlt er sich dort genauso wohl wie in Ebersberg? Hier ein paar Vorschläge, was er mit seiner Zukunft anfangen könnte: Partybus. Mobiler Wurstverkauf. Coworking Space. Mieträume zum Power Napping. Wahlkampfhelfer. Oder, die schönste Alternative: Zeitmaschine. Vielleicht gibt es dann mit ihm einen Weg zurück - in die Zeit vor Corona.

© SZ vom 10.07.2021
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