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Mitten in Ebersberg:Die Tücken der Heimarbeit

In einer Großfamilie muss man in Zeiten von Corona und Home-Office erfinderisch sein

Home-Office. Das Wort klingt so wunderbar hochgestochen und wichtig und besonders, dabei funktioniert es einfach nicht. Hier ein Beispiel: Jetzt mal angenommen, ein Arbeitszimmer existiert nicht, aus Platzmangel. Dann nutzt Familienmitglied Nummer eins eben das Schlafzimmer der Tochter, Familienmitglied Nummer zwei, weil sich dort ein passender Schreibtisch inklusive Computer befindet. Nummer zwei steht nun also ohne Rückzugsort da, denn Nummer drei - Jahrgangsstufe elf - kommt gerade vom verkürzten Unterricht aus der Schule zurück und schmeißt seine Schwester aus dem bis eben genutzten Raum, um ungestört Arbeitsaufträge erledigen zu können.

Nummer vier, Jahrgangsstufe drei, hat einen großen Schreibtisch. Den könnte man eigentlich gut nutzen. Wenn er nur nicht so voll wäre, zugestellt von einem Wirrwarr aus Lego-Polizeiautos und Ninjafiguren in schwarzen Rüstungen. Aber das gehöre so, heißt es von Nummer vier, das wisse jeder, das sei kein Chaos! Deshalb betreibt Nummer vier das Homeschooling schließlich auch vom Esstisch im Wohnzimmer aus. Bleiben also noch Küche, Flur und Badezimmer. Ersteres fällt weg, da stapeln sich noch Berge an Geschirr vom Corona bedingten Hobbykoch-Dasein, im Flur zieht's, und das Bad eignet sich auch nicht optimal - da kommt schließlich gelegentlich mal jemand vorbei.

So kommt es also, dass Nummer zwei im Schneidersitz auf dem Kinderbett im Zimmer von Nummer vier hockt, mit dem Laptop auf dem Schoß, schmerzhaften Spielzeugabdrücken an den Füßen und verzweifelt versucht zu arbeiten. Irgendwer fängt an zu staubsaugen. Nummer vier gibt lautstark zu verstehen, es kapiere Mathe nicht. Nein. Home-Office ist keine Freude.

© SZ vom 26.05.2020

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