Mitten in der Region:Online sein oder Nichtsein

Shakespeare kann sich glücklich schätzen, dass er nicht im Internetzeitalter leben musste

Glosse von Thilo Schröder

Die Tragik eines Lebens im 21. Jahrhundert entfaltet sich mit voller Wucht, wenn das eigene Sein in Teilen von etwas abhängt, das so flüchtig, so fragil und verletzlich ist, dass man jederzeit Angst haben muss, dass es einem entgleitet. Und dann, eines Tages, tritt er tatsächlich ein, der gefürchtete apokalyptische Einschnitt, der einen aus dem wohlig angenehmen Alltag katapultiert. Hilflos, ja irgendwo entblößt, machtlos steht man da, von jetzt auf nachher einer wichtigen Stütze beraubt. Im nächsten Moment kommt die Wut: Wie konnte denn das nur wieder passieren, wieso habe ich keinen Zugang mehr zum Internet?

Es ist nicht selten frustrierend, in einem angeblich hochmodernen Land zu leben, dessen digitale Infrastruktur jedoch stark zu wünschen übrig lässt. Mal sind es ein paar Regentropfen zu viel, die den Weg ins World Wide Web verhindern; mal sind es fehlende Glasfaseranschlüsse, die den Download endlos in die Länge ziehen. Es können auch schlampige Anbieter oder Dienstleister sein, die Internetverträge auslaufen lassen, ohne dass dies gewünscht war, und dann keine nahtlose Lösung anbieten. Glücklich da, wer großzügige und nicht außer Wlan-Reichweite wohnende Nachbarn hat, die einen digitalen Leerlauf überbrücken helfen.

In der Corona-Pandemie sind die Folgen solcher Infrastrukturprobleme noch deutlicher zutage getreten. Familien, bei denen Eltern und Kinder nicht gleichzeitig online konferieren können, weil die Verbindung sonst zusammenbricht; Firmen, deren Beschäftigte mit Wohnsitz im ländlichen Raum im Home-Office verzweifeln. "Online sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage", würde wohl Shakespeares Hamlet monologisieren, lebte er im Hier und Jetzt und plante die Rache an seinem Onkel übers Darknet. Ein Glück, dass Kunst und Kultur wieder in Präsenz zelebriert werden. So kann man sich die ein oder andere "Hamlet"-Inszenierung auch wieder live anschauen und dabei feststellen: Alles hängt von stabilem Internet auch nicht ab. Dabei sein oder nicht dabei sein, das ist hier die Frage.

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