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Literatur:Buch der Hoffnung

Das Förderwerk des Grafinger Seniorenhauses veröffentlich "Lebensreisen II": ein kleines, feines Werk, das nicht nur die Geschichte der Einrichtung, sondern vor allem spannende Biografien enthält

Von Carolin Fries, Grafing

Zehn Personen, zehn ganz verschiedene Lebensgeschichten. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner. Was die in dem Buch "Lebensreisen II" porträtierten Personen eint, ist, dass sie alle irgendwann in Grafing gelandet sind. Und dass sie alle eine Verbindung zum Grafinger Seniorenhaus haben. Nur eine der Damen, Charlotte Krietemeyer, lebt dort, alle anderen haben sich jahrelang darum bemüht, dass dieses Altersheim, das betreutes Wohnen und Pflege unter einem Dach vereint, überhaupt gebaut wird.

25 Jahre steht es nun, das Seniorenhaus, und anlässlich dieses Jubiläums hat der Verein "Förderwerk Seniorenhaus" dieses kleine, aber feine Buch herausgegeben. Es ist deshalb besonders, weil es nicht nur chronisch die Entstehungsgeschichte nacherzählt (das tut es auch, allerdings stark gestrafft und am Rande) und Grußwörter aneinanderreiht, sondern eindrucksvolle Lebensgeschichten erzählt. Liebevoll gestaltet ist es obendrein mit etlichen Fotos der Menschen von einst und heute. Manche zeigen darauf ihre liebsten Dinge, das Haustier oder den Enkel, andere Gesichter sind mehrmals mit verschiedener Gestik zu sehen, mal nachdenklich, mal lachend.

Das Buchprojekt ist ein Folgeband von "Lebensreisen", für das 2008 Achtklässler der Montessorischule Niederseeon Bewohner des Seniorenhauses interviewt haben. Es ließ die Senioren bildhaft erzählen, wie sie die beiden Weltkriege erlebt haben. Die aktuelle Fortsetzung setzt ebenfalls einen Schwerpunkt. Josef Koller, seit 2003 Vorsitzender des Förderwerks und Initiator des Buchs, wusste, dass etliche der etwa 90 Bewohner Flucht und Vertreibung erlebt haben und sich vor vielen Jahren in Grafing eine neue Existenz aufgebaut haben. Er erkannte Parallelen zur heutigen Zeit: " Auch jetzt sind Millionen von Menschen auf der Flucht und suchen für sich und ihre Angehörigen ein Leben in Frieden und Sicherheit." Der 70-Jährige ist begeistert vom Ergebnis, weil klar wird: Die Situation ist nicht neu.

Hilde und Klaus Finck

Haben sich stark für den Bau des Seniorenhauses eingesetzt: Hilde und Klaus Finck.

(Foto: Carlton Bunce/oh)

Das ist in erster Linie Gabi Sabo zu verdanken. Die Grafinger Theaterwissenschaftlerin und PR-Journalistin leitet seit vielen Jahren eine Theatergruppe im Seniorenhaus und hat deshalb eine ganz besondere Verbindung zu den Bewohnern. Sie kam nicht als Fremde, sondern als Vertrauensperson zu den Interviews, entsprechend offen wurde gesprochen. Sabo hat stundenlang zugehört und nachgefragt, hat zusammen mit den Protagonisten des Buches gelacht und geweint. Sie war sofort angetan von dem Projekt, wollte den Senioren eine Stimme geben und ihnen damit Platz und Beachtung einräumen. Ihre Arbeit leistete sie ehrenamtlich, wenn auch nicht umsonst: "Es ist da ein Regenbogen an Leben aufgegangen."

Da ist zum Beispiel Jutta Gräfin von Kospoth, geboren in Berlin. Die Augen strahlend blau, die Haare weiß, eine Perlenkette um den Hals. Zusammen mit ihrem Mann, einem Agraringenieur, lebte sie viele Jahre in Äthiopien. "Das war durchaus aufregend", erzählt sie in "Lebensreisen II". Sie lebten mit ihrem Dackel in einem kleinen Häuschen ohne Strom. "Ich gewöhnte mich auch an Schlangen, Affen und Hyänen." Später lebte von Kospoth noch mehrere Jahre in Ghana und Brasilien, bevor sie ihren Lebensmittelpunkt in Grafing fand, einem "erstaunlich weltoffenen Fleckchen". Das lag unter anderem daran, dass das Gotehe-Institut damals noch eine Filiale in Grafing hatte. "Der Wegzug dieser Institution war zwar ein herber Verlust für Grafing", sagt von Kospoth heute - verbunden mit einem Appell: "Aber die Weltoffenheit kann man sich ja bewahren."

Auch Nana Helfrich hat viel erlebt. Bereits im Grundschulalter war sie gezwungen, ihre schwerkranke Mutter zu pflegen, bis diese wenige Jahre darauf starb. Helfrich arbeitete erst im Büro, dann bis zu ihrer Pensionierung in einer Münchner Klinik. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes zog sie nach Grafing, wo sie bald begann, bei der Abendessenszubereitung im Seniorenhaus mitzuhelfen. "Es wurde mir ein Bedürfnis, den Bewohnern genauso zu begegnen, wie ich es mir an ihrer Stelle wünschen würde. Berührungsängste hatte ich nie", erzählt sie. Noch heute besuche sie ihre "Leutchen" regelmäßig zum Kaffeetrinken, Spielen oder für einen Ausflug - wenn sie nicht gerade unterwegs ist und etwa auf Sri Lanka Lebensmittel, Schul- und Spielsachen an die Bewohner verschenkt. Warum sie all das macht? "Jeder braucht ein bisschen Zuwendung und Zeit."

Die zehn ganz unterschiedlichen "Lebensreisen" zeigen, dass die vermeintlich alteingesessenen Grafinger das gar nicht unbedingt sind. Umso spannender ist es zu erfahren, wie sie hier heimisch wurden. Welche Kontakte, welche Institutionen und welche Menschen daran beteiligt waren. Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang das Seniorenhaus auf: Ein verbindendes Projekt, an dem gemeinsam gearbeitet wurde.

Zusammen mit den Fotos von Carlton Bunce, Fotograf und Lebenspartner von Gabi Sabo, bekommen die Geschichten ein Gesicht, manchmal sogar mehrere. Er skizziert mit der Kamera fein, ohne aufdringlich zu sein. "Lebenreisen II" ist ein Buch, das viel über das Seniorenhaus erzählt und noch mehr über einzelnen Menschen. Als Ganzes betrachtet ist es aber vor allem ein Buch, das Hoffnung macht, zeigt es doch, dass es sich lohnt, für seine Überzeugungen und Ideen zu kämpfen. Und dass Integration durchaus möglich ist.

"Lebensreisen II" wird am Sonntag, 27. November, um 12.45 Uhr im Grafinger Seniorenhaus vorgestellt, anschließend tritt die Theatergruppe "Kaleidoskop" von Gabi Sabo auf. Das Buch ist außerdem für 15 Euro in den Buchhandlungen Slawik und Braeuer erhältlich.

© SZ vom 25.11.2016

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