Landwirtschaft in Pliening:Schotterebene statt Regenwald

Landwirtschaft in Pliening: Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber begutachtet die Produkte im Zehmerhof der Familie Huber in Gelting.

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber begutachtet die Produkte im Zehmerhof der Familie Huber in Gelting.

(Foto: Christian Endt)

Der Zehmerhof in Gelting produziert das Futtersoja für seine Hühner selbst und schont so das Klima. Lob gibt es dafür sogar von der Landwirtschaftsministerin

Von Alexandra Leuthner, Pliening

Das Wörtchen Soja birgt für den Laien vielfältige Assoziationen. Dem einen kommen Tofuburger oder Sojamilch in den Sinn, die jeweiligen Ernährungsgewohnheiten entscheiden darüber, ob das Gefühl dabei positiv oder negativ ist. Der andere mag an riesige Sojafelder denken, für die in Ländern wie Brasilien fußballfelderweise der Regenwald abgeholzt wird, was die durch den langen Transportweg ohnehin negative Klimabilanz der importierten Pflanze noch mehr verschlechtert. Tatsächlich seien, referierte die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) bei einem Ortstermin auf dem Zehmerhof in Gelting am Montagvormittag, allein in Brasilien zwischen 2000 und 2016 5,3 Millionen Hektar Naturland in Sojaanbaufläche umgewandelt worden. Was besondere Brisanz hat, wenn man weiß, dass Soja in der deutschen Tierfütterung als wichtigster Eiweißlieferant dient, dass hierzulande 2018 ungefähr 3,5 Millionen Tonnen Sojaschrot verfüttert wurde, wie eine Studie des "Verbands Lebensmittel ohne Gentechnik" belegt, und dass Deutschland 2019 rund 6,56 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaerzeugnisse importiert hat.

Etwa 2,2 Prozent dieser Menge konnten 2020 durch deutsche Ernten abgedeckt werden - womit der Bogen zum Zehmerhof der Familie Huber in Gelting geschlagen wäre. Seit zehn Jahren bauen die Plieninger Landwirte auf eigenen Feldern Soja an, um so die Ernährung ihrer Legehennen sicherzustellen. Sie gehören damit zu den Vorreitern des regionalen Sojaanbaus in Bayern. In Zusammenarbeit mit dem österreichischen Verein "Donau Soja", der sich in Österreich und seinen Nachbarländern für den regionalen Sojaanbau stark macht, und dem Hergoldinger Sojaverarbeitungsbetrieb Löbert sind auf dem Zehmerhof etwa 4,5 von 61 Hektar Ackerland für Soja reserviert, Futter für 14 000 Hühner, die in Freiland und Bodenhaltung aufgezogen werden. Deren Eier gehen zu einem Drittel an die Regionalvermarkter "Unser Land", ein Drittel wird im eigenen Hofladen verkauft und ein weiteres wird an kleine Wiederverkäufer abgeben. Klar sei natürlich schon, erklärte Juniorchef Ludwig Huber im sonnendurchfluteten Innenhof des Traditionsbetriebs, dass die mit heimischem Soja erzeugten Eier etwas teuerer seien, "aber wichtig ist es uns, regional erzeugte Produkte zu schaffen, die dem Kunden einen Grund geben, bei uns einzukaufen und nicht im Supermarkt". Und, so führte er aus, letztlich koste solch ein Ei nur einen bis eineinhalb Cent pro Stück mehr als ein herkömmlich erzeugtes.

Dass tatsächlich das heimische Soja weitaus besser sei als sein oberflächlich begründeter Ruf, erläuterte Mathias Krön, Obmann des Vereins Donau Soja. Auf Legehennen bezogen, lasse sich deren ökologischer Fußabdruck um 41 Prozent reduzieren, wenn für ihre Fütterung regionales, zertifiziertes Soja verwendet werde. Was vor allem darauf zurückzuführen sei, dass dafür keine Abholzung beziehungsweise Umwandlung wertvoller Waldflächen betrieben werde, während die Entwaldung Brasiliens in den sechzehn Jahren seit 2000 einem Drittel der gesamten Ackerfläche Deutschlands entspreche. Von dem jährlich in Deutschland verbrauchten Soja stamme nur etwa ein Viertel aus garantiert entwaldungsfreiem Anbau. Dabei hätten vor allem Bayern und Baden-Württemberg noch enormes Potenzial. Wie der Pressesprecher der Donau Soja, Axel Grunt, abseits der öffentlichen Stellungnahmen erklärte, komme die Sojapflanze im Anbau ohne die Zugabe von Stickstoff aus, benötige weder Insektizide noch Fungizide. Vielmehr bringe sie im Wechselfruchtsystem Stickstoff in den Boden ein, der im jeweils folgenden Jahr für andere Anbaufrüchte genutzt werden könne. Ein Effekt, den Bauern früher mit dem Anbau von Hülsenfrüchten wie Erbsen oder Linsen genutzt hätten, der durch den immer weiter steigenden Fleischkonsum mehr oder weniger in Vergessenheit geraten sei. "Das bringt ein wenig Normalität in die Landwirtschaft zurück." Den Einwand, dass aber auch zunehmend größere Kritik an der Massenproduktion von Fleisch gebe - die eiweißhaltige Pflanzen braucht - konterte Krön mit dem Hinweis auf den steigenden Fleischpreis durch heimische Futtermittel. "Wenn das Fleisch teurer wird, wird weniger gegessen."

Ministerin Kaniber berichtet, dass vor zehn Jahren die Bayerische Eiweißinitiative gestartet wurde, die sowohl die Forschung als auch die Vernetzung von Akteuren fördere. Partner ist auch die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, die sich seit Jahren mit Sortenversuchen, Anbauempfehlungen und Züchtung von standortangepassten Sojabohnen aber auch anderen Eiweißpflanzen befasst.

© SZ vom 07.09.2021
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