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SZ-Serie: Orgeln im Landkreis Ebersberg:Königin mit klarer Ansage

In schlichter Gestalt und mit markantem Klang dient die Orgel von "Maria Königin" treu ihrer Gemeinde in Baldham. Dabei hat sie allerhand ehrwürdige Verwandtschaft.

Von Ulrich Pfaffenberger

Die Orgel ist das Instrument des Jahres 2021. "Wie passend!", möchte man rufen, unter Pandemiebedingungen sind Kirchen ja der einzige Ort, an dem man öffentlich Livemusik hören kann. Die Ebersberger SZ nimmt dies zum Anlass, in einer lockeren Serie das Thema sowie diverse Orgeln aus dem Landkreis und deren Geschichten vorzustellen. Schließlich ist keine von ihnen wie die andere, stets sind sie der Architektur, ihrer Epoche und ihrem Zweck angepasst. Sie sind klein oder groß, alt oder neu, analog oder digital, stationär oder mobil. Drei Elemente aber brauchen sie auf jeden Fall: einen Klangkörper aus Pfeifen, eine Art Blasebalg als Winderzeuger und Klaviaturen, mit denen man das Ganze dirigieren kann.

Zwei Königinnen unter einem Dach. Das ist selten, zumal in einer Demokratie. Außer in Baldham. Da gehören die beiden untrennbar zusammen, seit mehr als vier Jahrzehnten. Die katholische Kirche "Maria Königin" und ihre Orgel, die "Königin der Instrumente", stehen für einen durch und durch demokratischen Stil für die Begegnung zwischen Menschen, Menschen und Gott. Als Instrument ist sie die Stimme derer, denen manchmal die Worte fehlen. Die Schwingungen, die ihre Töne ausstrahlen, berühren nicht nur das Trommelfell, sondern auch das Herz und den Geist.

Was sich, beim ersten Hinsehen, schwer vorstellen lässt. Einerseits ist diese Orgel gut sichtbar. Nicht entrückt auf einer Empore, wie es sonst so üblich ist. Auf der rechten Seite des Kirchenraums steht sie, schon der schieren Größe wegen, unübersehbar gegenwärtig. Andererseits drängt sie sich mit ihrer Gestalt nicht in den Vordergrund. Eher wie ein schlichtes elegantes Möbel, der Korpus in hellem Holz, die Pfeifen in mattem Silber, gibt diese Königin sich optisch bescheiden. Man wünscht ihr, sie hätte ein bisschen mehr von der fantasievollen Gestaltung des Altarraums abbekommen, in dem es gut gelungen ist, den Beton und die schlichten Quaderformen in den Hintergrund zu befördern. Aber was sind schon schmucke Kleider, wenn es um die Seele geht?

Die Klais-Orgel in der Baldhamer Kirche ist zwar unübersehbar, drängt sich jedoch weder optisch, noch akustisch auf.

(Foto: Christian Endt)

Die Tugend, die sich diesem Instrument zuallererst zuschreiben lässt, ist Aufrichtigkeit. Sie will nicht mehr scheinen, als sie ist. Sie neigt nicht zu Kompromissen und gibt sich nicht für romantische Verzierungen her. "Euer Ja sei ein Ja und euer Nein sei ein Nein" heißt es im Matthäus-Evangelium - die Baldhamer Orgel verkörpert diesen Satz. Ganz im Sinn der Zeit, in der sie entstanden ist, Ende der 1970er Jahre: Aufbruchstimmung im Land hier, neues Selbstbewusstsein einer jungen (Kirchen-)Gemeinde Baldham da. Dass sie bei der Weihe der Kirche 1979 noch nicht erklingen konnte, brachte sie um einen der prominentesten Musikfreunde der Erde als Zuhörer, den spätere Papst Benedikt. Umso mehr versteht sie sich als Dienerin des vielgestaltigen Gottesvolks.

Denn in der Gemeindeliturgie kommt ihre unaufdringliche Art den gläubigen Sängerinnen und Sängern sehr zugute. Kräftig im Ton, aber nicht dominant, sind ihre 18 Register so angelegt, dass sie traditionellen Melodien genauso gerecht werden wie den jüngeren Beiträgen im "Gotteslob". Romantische Ausdrücke sind nicht ihr Metier, klare Ansagen dagegen schon, verbunden mit unbestreitbarer Eleganz. Das liegt an der "Mensur", wie man die Gesamtheit der Maße von Orgelpfeifen bezeichnet und die Klangfarbe und Stil bestimmt. In Baldham sind die Pfeifen etwas enger geschnitten als üblich, das macht den Klang markanter.

Geht man, während Organistin Beatrice Menz-Hermann verschiedene Klangmuster demonstriert, durch den leeren Kirchenraum, ergeben sich aus diesem Klangbild scheinbar widersprüchliche Eindrücke: selbst die leisesten Register klingen relativ laut - und dies umso mehr, je weiter man sich vom Instrument entfernt. Aber sie drängen nicht, der Klang rückt nur näher in der Intensität der Wahrnehmung. Eine freundliche Geste gegenüber jenen, die in großer Distanz zum Instrument sitzen? Vielleicht. Vielmehr aber eine spannende Wechselwirkung von Instrument und Raum, durchaus geeignet für überraschende Eindrücke und noch mehr überraschende Emotionen. "Laut" ist hier nicht von physischer Gewalt, sondern von umarmender Wärme.

Kirchenmusikerin Beatrice Menz-Hermann führt diverse Klangmuster vor.

(Foto: Christian Endt)

Geschaffen hat das Instrument Hans-Gerd Klais aus der gleichnamigen Orgelbauerfamilie in Bonn, eine Werkstatt mit sehr langer Tradition und weltweit gutem Ruf. Das verschafft der Baldhamer Orgel eine Verwandtschaft, wie sie in der Tat nur in ehrwürdigen Königinnenhäusern vorzufinden ist. Die Opus-Nummer 1597 verfügt über Geschwister und Cousins unter anderem in Caracas und Reykjavik, in Oakland, Wuhan, Kingston und St. Petersburg. Sakrale Instrumente sind genauso dabei, von unterschiedlichster Konfession, wie auch weltliche, insbesondere in Konzertsälen. Was sie miteinander verbindet, ist höchste Handwerkskunst - und der Anspruch, den die Orgelbauerfamilie Klais über Ziel und Zweck ihres Tuns so formuliert: "Orgelbau ist schöpferische und zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Tradierten in all seinen Erscheinungsformen. Der Orgelbauer arbeitet in seiner Zeit, aber seine Werke müssen sich der Geschichte stellen. Und dabei sind sich alle bewusst: Im Kirchenraum dient die Orgel der Begleitung und Erhöhung des Gottesdienstes." Man mag hinzufügen: Mit der Würde einer Königin.

Übrigens: Am Donnerstag, 22. April, um 10.15 Uhr gestalten Beatrice Menz-Hermann und Freunde wieder eine "Musikalische Andacht" in Vaterstettens Pfarrkirche "Zum kostbaren Blut Christi".

© SZ vom 22.04.2021
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