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SZ-Serie: Orgeln im Landkreis Ebersberg:Liebling der Emporenkömmlinge

Hoch oben unter dem Deckengewölbe entfaltet die Orgel von Sankt Ottilie in Möschenfeld ihren heiteren Klang - bereits seit 1848.

Von Ulrich Pfaffenberger

Die Orgel ist das Instrument des Jahres 2021. "Wie passend!", möchte man ausrufen, unter Pandemiebedingungen sind Kirchen schließlich der einzige Ort, an dem man öffentlich Livemusik hören kann. Die Ebersberger SZ nimmt dies zum Anlass, in einer lockeren Serie das Thema sowie diverse Orgeln aus dem Landkreis und deren Geschichten vorzustellen.

Sie ist die älteste Orgel des Landkreises, das Instrument oben auf der zweiten Empore der Wallfahrtskirche Sankt Ottilie in Möschenfeld, das zur Pfarrei Sankt Martin in Zorneding gehört. Seit 1848 versieht diese Orgel ihren musikalischen Dienst zu Ehren Gottes und hat sich dadurch die irdische Obhut durch den Denkmalschutz sicher verdient. Dass es sie überhaupt gibt, so wie sie ist, darf man getrost dem Ort und seiner wichtigen Rolle im religiösen Leben zurechnen. Denn nach der Hochphase der Orgelmusik zu Zeiten Johann Sebastian Bachs, so berichtet Matthias Gerstner, galt das Instrument eher wieder als nebensächlich. "Die Orgel hatte damals eine Nebenrolle in der Liturgie und in der Kirchenmusik", weiß der erfahrene Organist aus Zorneding, der regelmäßig Gottesdienste und Konzerte in Möschenfeld spielt. "Begleitung beim Gemeindegesang, gelegentliche Vor- und Zwischenspiele - für die Komponisten jener Zeit bedeutete das Kleinformen, keine spektakulären Werke."

Dass sich Sankt Ottilie eine Orgel leisten konnte und durfte, wird am regen Zuspruch der Wallfahrer gelegen haben. So deutet Josef Karl, ein Mitglied der Kirchenverwaltung, historische Dokumente. Ausführlich hat er sich mit der geschichtlichen Vergangenheit des Gotteshauses und seine Umfelds befasst. "751 Gulden hat die Pfarrei damals für die Orgel bezahlt, eine stolze Summe - wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit der Jahreslohn für einen Knecht bei 50 und für eine Magd bei 25 Gulden lag", berichtet er. Die genauen Motive für die Anschaffung sind nirgends dokumentiert, aber die Vermutung liegt nahe, dass den gottesfürchtig-freigiebigen Wallfahrern für ihre Opfer eben auch ein bisschen wohlklingende Unterhaltung geboten werden sollte, eine Art musikalisches Marketing. Das hatte durchaus Tradition: Eine Rechnung über eine Renovierung anno 1818 deutet darauf hin, dass sogar schon eine Vorgängerin vorhanden war.

Aus der Bauzeit der heutigen Orgel stammt auch das Stereotyp vom Herrn Lehrer, der am Samstag die Orgel spielt. In Verfilmungen von Stoffen aus dem 19. Jahrhundert, etwa bei Ludwig Thoma, findet sich das Motiv häufig. Letztendlich, so erklärt Gerstner, war es Folge einer kontinuierlichen Abwertung der Position eines Kantors oder Organisten. War dieser zu Bachs Zeiten noch eine hoch angesehene Persönlichkeit, rückte er im Gefolge von Aufklärung und Säkularisation, zusammen mit seinem Instrument, zusehends zur Seite. "Zu der Zeit, als die Möschenfelder Orgel gebaut wurde, unterschied man, zugespitzt gesprochen, vier Kategorien: Stadt-Organist, Land-Organist mit Pedal, Land-Organist ohne Pedal und bemüht", referiert Gerstner aus der Geschichte seines Berufsstands.

Die Orgel in Sankt Ottilie ist eine Landorgel mit Pedal, auch wenn dieses relativ schmal ausfällt. Auch verfügt das Instrument nur über ein Manual und zehn Register. Die meisten Pfeifen messen acht Fuß und liefern einen heiteren, fülligen Klang. Wenn Gerstner einige Versetten von Johann Ernst Eberlin anspielt, einem Komponisten aus dem 18. Jahrhundert und Lieferanten gängiger Orgelstücke jener Zeit, dann entfaltet das Instrument eine erstaunlich lebhafte, raumgreifende Wirkung. Das würde man ihr, bescheiden wie sie sich unters Kirchengewölbe duckt, auf Anhieb gar nicht zutrauen.

Was darauf schließen lässt, dass der Orgelbauer, der sie geschaffen hat, sein Geld zu Recht verdiente, weil es ihm gelang, Instrument und Kirchenraum in Einklang zu bringen. Der Mann, dessen Signatur das Instrument trägt, kam aus der Nachbarschaft: Josef Wagner aus Glonn, das war damals eine der angesehensten Werkstätten in der Region. Rund 60 Instrumente zählt sein Opus, das Orgeln weit in den Rosenheimer Raum und in der Erdinger Gegend umfasst. Das wohl bekannteste Instrument aus seiner Werkstatt im heutigen Landkreis Ebersberg befindet sich in Sankt Martin in Zorneding.

Wie seit ihren ersten Tagen ist das Innenleben der Möschenfelder Orgel noch heute mechanisch aufgebaut. Das bedeutet "echten körperlichen Aufwand für den Organisten beim Spielen", wie Gerstner anmerkt. Mit dem Nebeneffekt, dass die Geräusche der Mechanik hörbar sind, sie klingen wie ein feines, metallisches Schlagwerk. Wahrnehmbar ist das allerdings nur dann, wenn man sich mit dem Organisten zur zweiten Empore hinaufbegibt. Was, wie der Augenschein nahelegt, gar nicht so selten geschah und geschieht: Einige Namen, mit dem Messer ins Holz des ehrwürdigen Instruments eingraviert, zeugen von einer gewissen Begeisterung für den Hör- und Schauplatz hoch oben über den Gottesdienstbesuchern.

© SZ vom 12.05.2021
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