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Corona im Landkreis:Verhängnisvolle zweite Welle

AWO Seniorenzentrum Martk Schwaben

Das Awo-Seniorenzentrum in Markt Schwaben war eine der insgesamt acht Einrichtungen, in denen im Winter das Virus ausgebrochen ist.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

In einer Anfrage der Kreis-Grünen schwingt der Vorwurf mit, das Ebersberger Landratsamt habe bei den Corona-Ausbrüchen in Seniorenheimen zu spät reagiert. Die Behörde weist die Anschuldigungen von sich.

Von Andreas Junkmann, Ebersberg

"Wir werden einander viel verzeihen müssen", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn über die Zeit nach der Corona-Pandemie. Gut möglich, dass das auch für den ein oder anderen im Ebersberger Kreistag gilt. Dort nämlich hat nun eine Anfrage der Grünen-Fraktion zumindest bei Landrat Robert Niedergesäß (CSU) "für Kopfschütteln gesorgt", wie er selbst sagte. In dem Schreiben, das die Ökopartei in der jüngsten Sitzung des Kreis- und Strategieausschusses vorlegte, geht es darum, die Corona-Todesfälle in den Seniorenheimen des Landkreises genauer zu untersuchen. Neben einem Fragenkatalog - unter anderem zu den genauen Zahlen der Verstorbenen und Infizierten in den Monaten November und Dezember - schwingt in der Anfrage auch der Vorwurf mit, die Verwaltung habe zu spät reagiert. Im Landratsamt weist man diese Anschuldigungen dagegen vehement von sich. Man habe das Möglichste getan, diese Katastrophe zu verhindern.

Daran indes haben die Grünen offenbar so ihre Zweifel. Es gehe bei den Nachfragen in erster Linie darum, "ob die Dringlichkeit einer solchen Allgemeinverfügung nicht bereits vorher erkennbar war", heißt es in dem Schreiben, das der Redaktion vorliegt. Die Anordnung, auf die die Grünen anspielen, war vom Landratsamt Mitte Januar erlassen worden. Darin geregelt war, dass die Bewohner von Pflegeeinrichtungen, Altenheimen und Seniorenresidenzen zweimal wöchentlich mit einem sogenannten PCR-Test auf eine Infektion getestet werden müssen. Ziel sei es, die weitere Ausbreitung von Infektionen vor allem in den stationären Pflegeeinrichtungen zu verhindern, wie die Behörde damals mitteilte.

Zu dem Zeitpunkt hatte sich das Virus in den Einrichtungen bereits ausgetobt, wie nun aus den vom Landratsamt veröffentlichten Zahlen hervorgeht. Demnach kam es im November vergangenen Jahres in vier von 14 Seniorenheimen zu einem Corona-Ausbruch. Im Dezember waren dann insgesamt acht Einrichtungen betroffen - was 57 Prozent der gesamten Pflegeeinrichtungen des Landkreises entspricht. Sowohl Bewohner als auch Mitarbeiter haben sich in diesem Zeitraum mit dem Virus infiziert. Im November waren 66 Bewohner und 25 Pflegekräfte erkrankt, im Dezember waren es insgesamt 149 Bewohner und 65 Mitarbeiter. Seit Pandemiebeginn haben 127 Bewohner aus den Ebersberger Senioreneinrichtungen die Infektion nicht überlebt.

Bei den Grünen stellt man sich nun die Frage, ob man diese Katastrophe nicht hätte verhindern können. "Wurde alles getan, um das zu vermeiden?", fragte Benedikt Mayer stellvertretend für seine Fraktion im Ausschuss. Immerhin seien drei Viertel aller Todesfälle im Landkreis in den Senioreneinrichtungen zu beklagen. "Es geht auch um die vielen Schicksale, die dahinterstecken", so Mayer, der die Anfrage seiner Partei nicht etwa als Schuldzuweisung, sondern vielmehr als präventive Maßnahme verstanden wissen will. Man müsse für die Zukunft prüfen, ob mit Konzepten und entsprechender Vorsorge ein solches Szenario vermieden werden könne. Als Landkreis jedenfalls müsse man sich eingestehen, "dass wir zu spät regiert haben", so Mayer.

Diesen Schuh allerdings wollte man sich in der Kreis-Behörde nicht anziehen. "Wir machen es uns nicht leicht und beobachten die Zahlen ganz genau", sagte Brigitte Keller, die Leiterin des Corona-Krisenstabs am Landratsamt. Man habe in Ebersberg als einer der ersten Landkreise den Fokus auf die Bewohner der Einrichtungen gelegt. Zu dem Zeitpunkt habe es noch gar keine entsprechenden Verordnungen des Freistaats gegeben. Auch die Allgemeinverfügung habe man sich erst genehmigen lassen müssen, so Keller. Recht viel schneller hätte die Kreis-Behörde daher gar nicht reagieren können. Mit Blick auf die Verstorbenen sagte Brigitte Keller schließlich: "Mir tut das genauso leid, wie jedem hier im Saal."

Dass Schuldzuweisungen in dieser Situation fehl am Platz sind, machte auch Landrat Robert Niedergesäß klar. Man sei zwar gut durch die erste Pandemie-Welle gekommen, "aber in der zweiten hat es uns brutal getroffen". Stand heute habe man aber keinerlei Ausbrüche mehr in den Senioreneinrichtungen. "Die Impfung ist der beste Weg, um vorzubeugen", so der Landrat, der den Vorwurf der Grünen zurückwies, man hätte früher auf die Allgemeinverfügung kommen müssen.

Den Blick nach vorne lenkte derweil Wilfried Seidelmann (Freie Wähler) - und der ehemalige Hausarzt aus Kirchseeon sieht in der Pandemie-Bekämpfung im Landkreis noch durchaus Luft nach oben. Die Ausbrüche in den Heimen seien vor allem darauf zurückzuführen, dass Pflegekräfte lange Zeit nicht verpflichtend getestet worden seien. "Ich halte das für die Ursache der Katastrophe", so Seidelmann, der in dem Zusammenhang kritisierte, dass es zwar in Senioreneinrichtung inzwischen eine Testpflicht gebe, in Krankenhäusern jedoch nicht. "Es muss eine Regelung für die Kreisklinik her", forderte Seidelmann. Man brauche die gleichen Rahmenbedingungen wie in den Pflegeheimen. "Diese Lücke muss geschlossen werden."

© SZ vom 03.05.2021
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