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Kunstverein Ebersberg:Einladung zum Unterwegssein

Das Netzwerk "Frauenmuseum Berlin" widmet sich mit seiner Ausstellung einem beliebten Sujet: Unter dem Titel "Wandern, bewegen, vermessen, verorten" gibt es Malerei, Videos, Installationen und vieles mehr zu entdecken.

Von Anja Blum

Nicht ohne Grund ist der Weg schon lange ein höchst beliebtes Sujet in praktisch allen Genres der Kunst. Sehr oft schon wurde er besungen, beschrieben, verfilmt, gemalt - ist das Unterwegssein doch eine wunderbare Metapher für all die Facetten des Lebens. Man denke nur an all die möglichen Motivationen und Tempi, an Höhen und Tiefen, Gabelungen vielleicht, den Stillstand gar. So nimmt es nicht Wunder, dass nun auch das Frauenmuseum Berlin dieses Motiv zum gemeinsamen Ausstellungsthema erkoren hat. Und welch' gedankliche Vielfalt die Künstlerinnen daraus entwickelt haben, macht schon der Titel klar: "Wandern, bewegen, vermessen, verorten - Akte der Selbstvergewisserung, Selbstermächtigung und Emanzipation; vom zielgerichteten Gehen und absichtslosem Umherschweifen".

Der Verein Frauenmuseum Berlin ist ein Netzwerk von etwa 30 in Berlin lebenden Künstlerinnen unterschiedlicher Herkunft. Es setzt sich dafür ein, professionell arbeitenden weiblichen Kunstschaffenden ein Forum zu bieten, deren Vernetzung zu fördern und durch Ausstellungen von zeitgenössischen Positionen auf sie aufmerksam zu machen. Ein eigenes Haus in Berlin hat der Verein allerdings nicht, insofern gehört das Wandern in gewisser Weise ohnehin zu seiner DNA. So weit wie nun, bis nach Ebersberg nämlich, haben sich die Künstlerinnen aber bislang nie von Berlin entfernt. "Aber so ein Gastspiel woanders ist sehr spannend, das wollen wir unbedingt fortführen", heißt es fröhlich aus der Runde. Da ist also Bewegung drin - auch auf der Metaebene.

19 Künstlerinnen des Frauenmuseums sind an der Ausstellung beim Ebersberger Kunstverein beteiligt, sie wurde in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Katharina Fladt entwickelt. Das Ergebnis ist eine absolut sehenswerte Schau, die ihr Thema in großer Vielfalt beleuchtet - in Form ganz unterschiedlicher Positionen, mit diversen Medien, Materialien, Techniken, etwa Malerei, Fotografie, Installation, Video. Mal geht es um das achtsame Unterwegssein, mal um eine emanzipatorische Eroberung des öffentlichen Raumes, mal um Flucht, mal um das Flanieren: Jede Künstlerin zeigt hier ihren eigenen Weg - und lädt dazu ein, sie ein Stück weit zu begleiten. Die teilnehmende Künstlerinnen sind Caroline Armand, Angela Bröhan, Judith Brunner, Ulrike Gerst, Andrea Golla, Harriet Groß, Rachel Kohn, Verena Kyselka, Uschi Niehaus, Roswitha Paetel, Desirée Palmen, Aurélie Pertusot, Elma Riza, Zuzanna Schmukalla, Annette Selle, Beate Selzer, Anja Sonnenburg, Regina Weiss und Sibylla Weisweiler.

Gleich am Eingang zur Galerie des Kunstvereins sieht man Uschi Niehaus' Füße, wie sie über Wolken wandern. Ihr Video steht für einen ungebremsten, freien Lauf, mühelose Fortbewegung, für den Traum vom Himmel auf Erden, die Sehnsucht nach Weite und für den Wunsch, Unmögliches zu erreichen. "Es war wunderbar", sagt Niehaus und lächelt: 50 Quadratmeter Himmel hat sie auf einen Boden gemalt, um endlich einmal auf Wolken laufen zu können. Andrea Golla hingegen nutzt die Ausstellung für eine Reise in die Vergangenheit, denn vor 35 Jahren hat sie für ein Semester in Ebersberg gewohnt. In mehreren Wanderungen ist sie nun ihrer Erinnerung gefolgt, hat das Haus von damals gesucht - und dabei eine "Goldene Spur" gelegt, hat kleine, vielleicht kaputte Dinge vergoldet. Zu welch unvorhergesehenem Ergebnis sie dabei kam, erzählt die Künstlerin in einer Dokumentation und bei Wanderungen durch die Kreisstadt (17./18. Juli und 7./8. August, Treffpunkt um 14 Uhr an der Galerie Alte Brennerei).

"One Step Closer to Nature" geht es mit Desirée Palmen, einer Spezialistin für Tarnkostüme: Bei einem Spaziergang habe sie Enten gefüttert und plötzlich vor lauter Tieren ihre Füße nicht mehr gesehen, erzählt sie und lacht. Das brachte die Künstlerin auf die Idee, dieser Erfahrung künftig Vorschub zu leisten - mit Schuhen in Entenoptik. Wer mag, kann diese sogar selbst ausprobieren, bei einem Spaziergang zum Klostersee (17./18. Juli sowie 7./8. August, Treffpunkt um 16.30 Uhr an der Galerie).

Die Installation von Rachel Kohn nähert sich dem Thema von einer ganz anderen Seite. Tausende Menschen sind weltweit unterwegs, jedoch nicht zum Zeitvertreib, sondern aus Not: Verfolgung, Kriege, Klimawandel und wirtschaftliche Zwänge führen zu Migrationswellen. Doch anstatt dies plakativ anzuprangern, denkt Kohn um die Ecke: Unzählige kleine Keramikstühle, die scheinbar ziellos über die Wand mäandern, stellen Fragen: Was kann ich mitnehmen? Wo kann ich mich niederlassen?

Als "Nachtwanderin" outet sich Sibylla Weisweiler. "Abends drehe ich gerne noch eine Runde, zu Fuß - und erlebe einen ganz anderen Planeten. Das Licht ist schummrig, die Beleuchtung von Geschäften magnetisiert meinen Blick. Sträucher, Schilder und Menschen wachsen zu irritierenden Formen zusammen." Dieses Gefühl transportiert Weisweiler mit sechs Leuchtkästen, in denen rätselhafte Szenen die Fantasie anregen. Irritierend ist auch die Arbeit von Aurélie Pertusot, allerdings akustisch: Aus der Toilette der Galerie dringen unaufhörlich klappernde Absätze - ein Klangstück, entstanden in einer nächtlichen, mittelalterlichen Stadt.

Dem unscheinbaren Wegesrand widmet sich Caroline Armand: Die Besonderheiten an der Schnittstelle zwischen Straße, Gehweg und Hauskante bilden den Ausgangspunkt der Installation "Ortsverbindungen". Mit Collagen aus Fotos und Papieren spürt die Künstlerin dem meist willkürlichen Material- und Strukturmix nach, der so oft übersehen wird. Regina Weiss wiederum geht es um einen Moment, der sich eigentlich nicht festhalten lässt: der flüchtige Blick, den jeder auf seine gebaute Umwelt wirft und der für den Bruchteil einer Sekunde beides, Mensch und Materie, zu einer Einheit werden lässt. In der Serie "Stadt im Vorübergehen" bannt Weiss diesen Blick, indem sie architektonische Details zunächst zeichnet und dann mit Ton modelliert. So entsteht etwa eine typische Bodenplatte, die aber - gemäß der menschlichen Fokussierung - an den Rändern "unscharf" und weniger haptisch wird.

Höchst konzeptionell auch die Installation von Anja Sonnenburg mit dem Titel "Von Zeit zu Zeit": Sie dokumentiert mittels beklebter Rundstäbe und einer kartografischen Zeichnung, wann und wohin sie an 50 Tagen von ihrem Atelier aus gewandert ist. Zeitlich und räumlich wird die Länge der Wege präzise verortet. Die Gedanken der Künstlerin bleiben indes verborgen. Eine Annäherung an das Wandern in seiner Dauer schlägt auch Elma Riza in ihrer Videoperformance mit dem Titel "Wenn eine Linie spazieren geht" vor: Einen Faden hinter sich herziehend, durchschreitet sie einen Wald, von einer Jahreszeit zur nächsten. Der Ausgangspunkt der Linie ist dabei nie zu sehen. So wird der Betrachter eingeladen, diesen Zyklus eines nie endenden Spaziergangs, bei dem der weiße Faden eine greifbare Linie zieht durch eine Umgebung, die sich in ständigem Wandel befindet, zu teilen.

"Frauenmuseum Berlin" in Ebersberg, Alte Brennerei im Klosterbauhof, Ausstellungsbeginn an diesem Freitag, 16. Juli, um 19 Uhr; geöffnet freitags 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags 14 bis 18 Uhr bis 8. August. Anmeldung zu den Aktionen über die Homepage des Kunstvereins.

© SZ vom 16.07.2021
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