Kunst im Forst Der Wald steht bunt und schweiget

Der Waldskulpturenweg war zunächst für ein Jahr gedacht. Nun sieht es so aus, als würde das Kunstprojekt nicht nur fortgesetzt, sondern womöglich sogar erweitert.

Von Rita Baedeker

Johannes Gottwalds "Postindianisches Wigwam" aus einzelnen Stämmen wirkt wie das Gerüst eines Tipis. Der Skulpturenpfad im Ebersberger Forst bietet zu jeder Jahreszeit andere Perspektiven.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Die Bäume sind entlaubt, zwischen den schwarz glänzenden Ästen zittern vereinzelt Spinnweben, Dunst wabert im Unterholz, der Himmel leuchtet so blau wie im Mai, und die Sonnenstrahlen verschwenden ihre sommerliche Restsüße. Wäre der Raureif nicht, man könnte meinen, es sei noch Altweibersommer.

Dabei geht das Jahr gerade zu Ende. Doch der Forst präsentiert sich so licht wie selten im Winter. Überall Durchblick, Fernblick. Es riecht nach Laub, an den Schuhsohlen klebt nasse Erde. Links und rechts gleicht das Erdreich einer Kraterlandschaft, aufgewühlt von Wildschweinen, die auf der Suche nach Wurzeln, Insektenlarven und Mäusen den Boden durchsuchen und überall knietiefe Löcher hinterlassen. Jetzt, in den Mittagsstunden, sind sie unsichtbar, aber man riecht sie.

Die Natur hat ihre Rhythmen und Rituale, ihre Formen und Farben, unentwegt vollziehen sich Metamorphosen. Und nun wurden ihr im Ebersberger Forst auch noch verwandte Begleiter zugesellt: Ein gutes Jahr ist der beim Forsthaus Hubertus beginnende Skulpturenpfad alt. Die Bildhauer Franz Wörle, Hubert Maier, Johannes Gottwald, Paul Havermann und Christian Hess sowie die Malerin Ingrid Wieser-Kil haben den Weg, der auf einer Lichtung beginnt und sich zu einem Trampelpfad durchs Unterholz verengt, mit Kunstwerken bestückt. Eigentlich war die Aktion auf ein Jahr begrenzt. Aber nun sieht es so aus, dass die von der Bayerischen Staatsforsten initiierte Aktion bestehen bleiben wird.

Derzeit präsentiert sich der Wald ziemlich geheimnislos. Jede Bodenwelle ist sichtbar. Muss man im Sommer genau hinschauen, um die Werke im Grün zu entdecken, so bilden die Objekte jetzt sichtbare Wegmarken. Verwandelt sonst der Schnee Bäume und Landschaft in Kobolde und andere wunderliche Gestalten, so schweift nun der Blick ohne optische Illusion durch ein ereignisloses Dämmerlicht.

Doch so wie die Vegetation des Waldes, ist auch die Kunst einer andauernden, wenn auch meist unauffälligen Veränderung unterworfen. Paul Havermanns Installationen aus bunten Holzstäben am Anfang und Ende des Wegs bilden so etwas wie bewegliche Tore, ein "Sesam-öffne-dich", den Plastikvorhängen in Cafés und Eisdielen im Süden ähnlich. Unterwegs erinnern die hölzernen Stelen, die aus dem Wald stammen und nun wieder an ihren angestammten Platz zurückgekehrt sind, an ein komplexes, überdimensionales Mikado, bunte Zacken, ineinander verhakt oder kammartig aufgefächert. Auf eines von Franz Wörles Tore und Seelenhäuschen aus Bronze, die so rostrot sind wie das welke Laub, haben Passanten Steine gehäuft - und damit die Häuschen als Stätten der Einkehr angenommen. Johannes Gottwalds aus gigantischen Stämmen gesägtes Tipi zeigt erste Spuren der Verwitterung, auf einer Fläche liegen frische Grasbüschel hingebreitet, als habe sich dort jemand ein Kissen aufschütten wollen.

Den in Hartgips gegossenen Baumringen von Christian Hess, deren Profile nach den Umrissen von Ahorn-, Birken- und Buchenblättern gearbeitet sind, können Wild und Witterung ebenso wenig anhaben wie Ingrid Wieser-Kils Gemälde "Der Taucher", das auf Folie gedruckt zwischen zwei Bäume gespannt ist. Jede Lichtstimmung lässt andere Flächen und Farbakzente hervortreten. Das Auge wird getäuscht, provoziert, verführt.

Zum kreativen Umgang mit Kunst lädt insbesondere die Steinplastik "Honung" von Bildhauer Hubert Maier aus Moosach ein. In einen goldbraunen Granit-Findling aus Schweden hat Maier wabenförmige Vertiefungen gebohrt, die Schönheit der Geometrie eines Bienenstocks sichtbar gemacht. Diese Vertiefungen sind groß genug, um allerlei Steine, Zapfen und andere Fundstücke mehr darin abzulegen. Eine Herausforderung für die Lust, Glattes und perfekt Geformtes anzufassen. "Der Skulpturenpfad ist ein Erfolg und wird gut angenommen", sagt Franz Wörle, der Initiator. Möglich, dass der Pfad im nächsten Jahr erweitert wird und die Verbindung zwischen Wald und Kunst noch enger wird.

Das Forsthaus Hubertus hat Donnerstag, Freitag und Samstag von 17.30 Uhr an, Sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr, an Silvester von 18.30 Uhr bis 22.30 Uhr geöffnet. An Neujahr ist ganztägig zu. Am Montag, 6. Januar, ist von 11 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Von 13. Januar bis 19. März macht das Forsthaus Ferien.