Kirchseeon:Geistervertreiben für Anfänger

Lesezeit: 4 min

Perschtenlauf mit Daniela

Am Anfang kratzt das faltige Holz der Perchtenmaske, am Ende schmerzt der Nacken. Zweieinhalb Kilo Kopfschmuck ist man als junge Frau nicht gewöhnt.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Unsere Autorin versucht sich als Erdgeist beim Perchtenlauf. Und lernt: Mit der Maske traut man sich Dinge, die man sonst nie wagen würde.

Von Daniela Weichselgartner, Kirchseeon

Die aus Holz geschnitzte Perchtenmaske fühlt sich kratzig an auf der Haut. Die Augen quellen zwischen fingerdicken Wülsten hervor, die Zunge hängt heraus, Zähne ragen kreuz und quer wie Mikadostäbe aus dem Mund. Eine Fratze zum Fürchten! Darf ich vorstellen: "gschleckerter Woife", der Name einer besonderen Maske, die mir Gudrun Übelacker an diesem Abend für den Kirchseeoner Perchtenlauf geborgt hat.

Ein letztes Mal mustere ich die Fratze, bevor ich darunter für die kommenden fünf Stunden verschwinde. Mit zittrigen Händen pfriemele ich die Knöpfe meiner Jacke zu, stülpe die Maske über den Kopf und streiche die spröden Rosshaare aus dem Gesicht. Nun muss die Schnalle des Haltegurts am Hinterkopf in die Öse, festzurren, fertig. Das wird aufregend.

Das runde Gesicht eines jungen Mannes verwandelt sich in ein gehörntes Ungetüm

Der Blick durch die Augenöffnungen zeigt eine fremde, eine geisterhafte Welt. Etwa 45 Perchten wuchten ihre Holzmasken auf die Köpfe. Ein dichter Zopf verschwindet unter der Maske eines Erdgeistes, das runde Gesicht eines jungen Mannes verwandelt sich in ein gehörntes Ungetüm. Das Geistervertreiben kann beginnen.

Die ersten Trommelschläge hämmern durch die Luft und verdrängen letzte Gesprächsfetzen. Die Perchten stampfen Richtung Straße. Ich folge zögerlich. Von Hose und Jacke baumelt ein Pelz aus Wollfäden, die an den Händen kitzeln. Da die Gucklöcher das Blickfeld einengen, tapse ich zunächst wie ein Kleinkind bei den ersten Gehversuchen umher. Schritt für Schritt für Schritt. Langsam gelingt es, den Blick vom Asphalt zu lösen und in die Gesichter der Zuschauer zu blicken.

Ein Mädchen verkriecht sich hinter dem Arm ihres Vaters, mummelt sich in ihre Wollmütze ein und starrt den gschleckerten Woife an, die Augen weit aufgerissen. Natürlich sieht sie keine junge Frau, sondern nur eine Furcht einflößende Fratze. Wahrscheinlich schlägt ihr Herz mindestens so schnell wie meines. Es ist ungewohnt, dass Kinder bei meinem bloßen Anblick Angst bekommen.

Plötzlich stürmt ein Percht auf das Mädchen zu, die Kleine schrickt zusammen und umklammert angstvoll die Hand ihres Vaters. Dennis Schmidt ist schon fünf Jahre bei den Perchten dabei - und deutlich Furcht einflößender. Reihenweise lässt er als gehörnter Percht die Kinder erstarren oder panisch wegsprinten. "Das wichtigste ist: Du musst jede Mütze klauen, die du in die Finger kriegst", erklärt er.

Ich versuche mein Glück bei einem kleinen Buben, zupfe an seiner blauen Mütze, lupfe sie in die Höhe und lasse sie auf den Boden plumpsen: Mütze Nummer eins. Einen anderen Tipp erprobe ich bei einem Mädchen, das zwischen den Perchten und den Zuschauern umherwuselt. Regungslos baue ich mich vor der Kleinen auf, neige den Kopf und warte.

Trotzig kneift sie die Augen zusammen. Ich warte. Sie schiebt die Unterlippe nach vorne. Ich warte. Sie verschränkt die Arme. Plötzlich springe ich nach vorne, stampfe mit aller Kraft auf und brülle so wild wie möglich - zugegebenermaßen ist die Reaktion meines Opfers eher ein "Huch" als ein "Wah". Dennoch kreischt das Mädchen. Sie zuckt zusammen, ihre blonden Strähnen hüpfen. Ich mache offenbar Fortschritte.

Dennis kann das deutlich besser. Er dröhnt mit tiefer Stimme, packt einen Jungen am Oberkörper, wirbelt ihn durch die Luft und lässt ihn kopfüber nach unten baumeln. Er jagt Kindern hinterher, sodass die Glocken auf seinem Rücken schellen. Er und ein anderer Percht klemmen zwischen ihren Yeti-ähnlichen Bäuchen ein Mädchen ein.

Ich schlurfe nebenher, zupfe an Bommeln, hechte auf kleine Kinder zu. Drei Mützen habe ich bereits stibitzt. Wobei auch gesagt werden muss: Viele Kinder suchen regelrecht die Nähe der gruseligen Gestalten, weil sie tatsächlich ihre Freude am Erschrecken haben.

Inzwischen wird der Hals vom Gewicht der Maske steif, will man mehr sehen als die Augenlöcher zulassen, muss man immer den ganzen Kopf drehen. Die Wärme staut sich unter den Zotteln der Jacke, während die Dämmerung das Tageslicht vertreibt. Jeder Percht bekommt eine Fackel in die Hand gedrückt, sie raucht und rußt. Der Qualm kratzt in den Augen, der Mund wird trocken, der Brandgeruch beißt in der Nase. Im Dunkeln tanzen die Lichter der anderen Fackeln, die Umgebung ist im fahlen Licht kaum noch zu erkennen. Das ist für die Augen sehr anstrengend.

Am Ende der nächsten Straße ist endlich Pause. Aus großen Töpfen wird Punsch und Glühwein geschöpft. Nicht nur die Tassen dampfen, sondern auch die Perchten, wie sie sich für eine kleine Erfrischung aus ihren Jacken schälen. Der Duft von Nelken, Zimt und Orangen mischt sich jetzt mit dem Geruch schwitzender Menschen. Weiter geht's mit dem nächsten Schabernack. Dennis kippelt mit seiner Fackel und schmiert den kalten Ruß einem jauchzenden Jungen ins Gesicht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema