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Kabarett in Ebersberg:Zungenknoten und Hirnwinde

Wilder Ritt durch den Sprachdschungel mit Jochen Malmsheimer

Da hat sich Jochen Malmsheimer einen Programmtitel erdacht, der doch ganz für sich spricht: "Ermpftschnuggn trødå - hinterm Staunen kauert die Frappanz!" Es soll an diesem Abend im Alten Speicher Ebersberg um Missverständnisse gehen - und so wird die Unverständlichkeit selbst zum Inhalt. Gefunden unter der Dusche und an Freunden, Verwandten und Bekannten getestet, stellt der Titel seine Tauglichkeit schnell unter Beweis. "Was? Wie?", gepaart mit fragenden Gesichtern, das passt wunderbar als Reaktion darauf, und nun gilt es, dem Motto noch reichlich Inhalt zu verpassen.

Die Sprache, insbesondere die deutsche, ihre Fallstricke und das Lauern der misslingenden Kommunikation sind das große Thema des neuen Programms des vielfach ausgezeichneten Kabarettisten Jochen Malmsheimer. Es wirkt wie das bekannte Besinnen auf die Kernkompetenz. Wenn der Gebrauch der Sprache bei ihm schon immer eine tragende Rolle spielte, und er für seine Sprachmächtigkeit bekannt ist, warum sich dann nicht gleich intensiver mit ihr befassen? Wie steht es um die Sprachkompetenz der Jugend? Was sind die Ursprünge der gesprochenen Sprache? Wo liegt der Hort der Sprachbehüter? Um es mit Günter Grass zu sagen: "Ein weites Feld", das es zu bestellen gilt. Malmsheimer selbst bezieht sich auf diesen zuletzt mehr als schwierigen Literaturübervater und schlägt vor, was sein letztes Opus hätte sein können: "Halt den Rand", komplett ohne Text und ohne dessen typische Kaltnadelradierungen, beliebt bei Schülern und Studenten wegen seiner einfachen Konsumierbarkeit.

Malmsheimer betrachtet viele Entwicklungen mit Sorge, und um dieser angemessen Ausdruck zu verleihen, hat er sich entschlossen, als Form der Wehklage den Psalm zu nutzen. Literarisch und religionsgeschichtlich in großer Tradition wählt er eben diese, um der Wichtigkeit seiner Anliegen Ausdruck zu verleihen. Da ist zum einen sein Text "Hose", der besonders das bewusste Rutschenlassen der Beinkleider in die Kniekehlen wortreich als Irrweg beklagt, zum anderen eine Eloge über den Verlust des qualitativ hochwertigen Fernsehprogramms, das zu längst vergangenen Zeiten noch Sendungen ermöglichte wie "Schach" mit Helmut Pfleger - natürlich in Schwarzweiß! Davon habe sich das Fernsehen mit seinen "Formaten" längst verabschiedet und befinde sich insgesamt in einem beklagenswerten Zustand.

Ausgehend von alltäglichen Situationen, wie beispielsweise familiäre Problemstellungen, dem Verhältnis von Frau und Mann, den sogenannten "Best Agers" und Schwierigkeiten beim Check-in im Hotel zeigt uns Malmsheimer, was in der Sprache steckt und wie man sie richtiggehend ausreizen kann. Dieser wortgewaltige Kabarettist erfindet keine neuen Wörter, sondern gebraucht sie in den ungewöhnlichsten Zusammenhängen. Wenn er richtig loslegt, in rasantem Tempo so banale Dinge wie das Bauchwachstum bei Männern um die 50 mit einem bunten Strauß an Adjektiven entfaltet und dabei mit fachlichem und fachfremdem Vokabular, mit Hinter-, Doppel- und Nebensinn nicht geizt, dann kann man kaum mehr folgen. Die Synapsen fangen vor Überforderung an zu glühen, und so mancher Applaus kommt etwas zeitverzögert zur Pointe, da Malmsheimer ohne mit der Wimper zu zucken einfach im Text weiter macht, und die Hermeneutik langsamer ist als die Textproduktion. Doch zum Glück hat der Herr des Abends auch dafür Verständnis: "Ich freue mich, wenn Sie mitkommen." Nahtlos bricht die nächste Wortkaskade aufs Publikum ein und wahre Assoziationsfeuerwerke stürmen die Hirne und Lachmuskeln. Unterstützt wird Malmsheimers stimmliche Bandbreite und größtmögliche Varianz im Ausdruck durch Gestik, Mimik und eine überwältigende physische Gesamtpräsenz. Damit übermannt er das Publikum mit Inhalten von ernsthaft bis fantastisch und Formulierungen, die bis in die kleinste Nuance eine nie gekannte und gehörte sprachliche Vielfalt ausbreiten. Da wird ab jetzt "blind gebieselt, weil sich die Kordilleren vor den Piepmatz geschoben haben", oder der vor dem Hotel anhaltende Bus hat einen "Rentnererguss", und die älteren Herrschaften, ausgerüstet mit roten Mützen inklusive blinkendem Bommel, erinnern ihn spontan an den Film "Die Rentner" von Alfred Hitchcock.

Mit seiner Idee der "Magie im Alltag" lässt sich kostenlos viel Freude bereiten, etwa wenn man die Schiebetür einer Tankstelle, bevor sie sich von selbst öffnet, mit einem kleinen Zauberspruch - Voilà! - dazu auffordert und sich danach über das ungläubige Gesicht der Angestellten amüsiert. Das Publikum im vollbesetzten Alten Speicher dankt Malmsheimer seine Ausführungen und zur Nachahmung empfohlenen Tipps mit lang anhaltendem Applaus. In seinen Worten: "Danke für das Geräusch!"

© SZ vom 17.02.2020
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