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Im Schilde geführt, Folge 4:Auf der Suche nach der blauen Frucht

Als herausragendes Denkmal der Kunst des hohen Mittelalters gelten die Fresken in der Oberpframmerner Pfarrkirche. Die Kunsthistorikerin Lisa Otto hat ihnen ihre Diplomarbeit gewidmet. Am Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag kann man die Wandgemälde besichtigen.

(Foto: Christian Endt)

Das Wappen von Oberpframmern ziert ein Pflaumenbaum. Warum die Gemeinde auch ohne Schnaps und Zwetschgendatschi eine Reise wert ist.

"Jedes Dorf hat sein eigenes Gesicht", schreibt Chronist Guido Scheller im Vorwort zu "1200 Jahre Pframmern-Phrumare", einem fast 150 Seiten starken Heimatbuch, das der frühere Schulamtsdirektor anlässlich des Jubiläums der Gemeinde Oberpframmern im Jahr 2000 verfasste. Der Öffentlichkeit präsentiert sich dieses "Gesicht" durch ein Wappen, laut amtlicher Beschreibung: "In Silber ein grüner Pflaumenbaum mit fünf Blättern und drei blauen Pflaumen an zwei verschlungenen Zweigen; dem Stamm aufgelegt ein lediges schwarzes Andreaskreuz."

Der Name des Ortes leitet sich her vom lateinischen "Phrumari": "Leute an einem Ort mit Pflaumenbäumen". Das wird mit der typisch bajuwarischen Endung "-ing" erst zu "Pframmering" und schließlich zum bis heute von den Einheimischen gebrauchten "Pframming". Daher also die Früchte im Wappen, welches allerdings deutlich jünger ist als die Gemeinde. 1979 wurde das auf einem Entwurf von Hans Ernst basierende Wahrzeichen der Öffentlichkeit präsentiert. Drei Entwürfe hatte der Kunstschmied dem Gemeinderat vorgelegt - das Blatt mit den Zeichnungen bewahrt Bürgermeister Andreas Lutz heute noch im Schrank neben seinem Schreibtisch auf. Es ist nicht das einzige Zeugnis der Wertschätzung für das Obst, mit dem die Ortsansässigen früher laut Chronik ihren Lebensunterhalt verdienten. Auch ein erst Ende 2018 eingeweihtes Rednerpult gehört dazu. Gemeinderat Richard Bernrieder hat es aus dem Holz eines Zwetschgenbaums gefertigt, der weichen musste, als die Familie auf dem großväterlichen Feldgrundstück bauen wollte. Das sei bestimmt schon 20 Jahre her, erinnert sich der Schreiner: "Weil ich den Baum noch aus Kindertagen kannte, habe ich die Bretter für ganz besondere Gelegenheiten aufbewahrt."

Das Wappen Oberpframmern.

(Foto: oh)

Ist Oberpframmern also ein Pflaumenparadies? Anita Huber, rechte Hand des Bürgermeisters und im Gartenbauverein aktiv, schüttelt bedauernd den Kopf. Zwar gebe es in vielen Gärten Zwetschgenbäume, aber auch nicht auffallend mehr als in anderen Ortschaften.

Nun, für einen aromatischen Obstbrand käme es nicht unbedingt auf die Menge, sondern vielmehr auf die Qualität an - findet sich vor Ort also vielleicht ein Hersteller von Hochprozentigem? Leider nein - niemand habe hier ein Brennrecht, weder jetzt noch früher, sagt der Bürgermeister.

Ist dann wenigstens ein alteingesessener Bäcker für seinen Zwetschgendatschi berühmt? Laut Chronik wurde in Oberpframmern 1904 die erste Backstube eröffnet. Abermals Fehlanzeige - zwar gäbe es im örtlichen Supermarkt die Filiale einer Großbäckerei, worüber die Einwohner im Zuge der Grundversorgung sehr froh seien, doch in Ermangelung eines Nachfolgers schon seit den Neunzigern kein Traditionsunternehmen mehr, lautet die Auskunft.

Wappenserie Oberpframmern

Diese drei Entwürfe für ein Oberpframmerner Wappen legte der Kunstschmied Hans Ernst 1979 vor.

(Foto: Christian Endt)

Also weiter zum zweiten Bestandteil des Wappens - dem Kreuz, Sinnbild für die Pfarrkirche Sankt Andreas. Dort kennt sich Klaus Pastusiak aus wie kein Zweiter. Zunächst erläutert der Kirchenverwaltungsvorstand, dass es sich ursprünglich um eine "Marienkirche" gehandelt habe, erstmals erwähnt um 790 nach Christus. Erst später wurde der Bau dem Heiligen Andreas geweiht. Nach dem Betreten der Kirche lenkt Pastusiak den Blick auf ein spätgotisches Wandkreuz. Trotz der Zerstörungen und Plünderungen des Dreißigjährigen Krieges blieb das Werk aus der Schule des "Meisters von Rabenden" erhalten; Bauern hatten es in einer Scheune versteckt. Nachdem man über der Tür zur Sakristei das gesuchte Andreaskreuz ausgemacht und sodann am Hochaltar einen Blick auf das Tabernakel mit dreidimensionaler Darstellung des Abendmahls geworfen hat - es ist drehbar, auf der Rückseite befindet sich der Kelch - kommt Pastusiak zum besonderen Stolz der Gemeinde: spätromanische Wandmalereien, entstanden um 1250. Zwischen 1954 und 1973 wurden sie teils von selbst wieder freigelegt und damit sichtbar, weil die sie bedeckende Kalktünche von der Wand bröselte. Zunächst war das Bestreben, die Funde zu sichern, zu untersuchen und zu konservieren - intensiver damit beschäftigt hat man sich dann erst in den vergangenen zehn Jahren. Aufgrund des Umfangs und Erhaltungszustands bezeichnen die Kunsthistoriker Gerald Dobler und Lisa Marie Otto (die über die Fresken ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Bildende Künste Dresden schrieb) die Malereien im Jahrbuch 2017 des Historischen Vereins für den Landkreis Ebersberg als "herausragendes Denkmal der Kunst des hohen Mittelalters bis weit über die Grenzen Bayerns hinaus".

Die Gewölbe- und Wandmalereien befinden sich in einer Kapelle unterhalb des Turms, einem ehemaligen Chorraum, erreichbar nur über die Sakristei und daher normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Am 9. September, dem "Tag des Offenen Denkmals", ist das jedoch anders: Von 12 bis 13.30 und von 15 bis 17 Uhr haben Interessierte die Möglichkeit, bei einer kleinen Führung einen Blick auf die Werke zu werfen. Auch die Filialkirchen in Niederpframmern und Esterndorf werden geöffnet sein - dort soll es, wenn das Wetter mitspielt, sogar Kaffee und Kuchen geben.

Wappenserie

Das Rednerpult schuf Schreiner und Gemeinderat Richard Bernrieder aus dem Holz eines Zwetschgenbaums.

(Foto: Christian Endt)

Pastusiak, der pensionierte Logistikingenieur mit dem Faible für Kirchengeschichte, hat noch einiges mehr zu erzählen. Etwa vom Votivbild anlässlich der Viehseuche 1753 mit der ältesten Darstellung Niederpframmerns. Von der aufwendigen Kirchturmrenovierung im Jahr 2018. Oder von einer Busladung voller Menschen mit Namen Alois(ius) und Aloisia, die bei ihrem jährlichen Vereinstreffen der gleichnamigen Heiligenfigur in Sankt Andreas ihre Aufwartung machten.

Am Ende hat man eine Menge erfahren - von Pastusiak über die Kirche, vom Bürgermeister über die einstige "Pflaumenzucht-Siedlung" (wo heute etwa 2450 Menschen leben, darunter im Gegensatz zu früher nur noch eine Handvoll rein landwirtschaftlicher Betriebe), das rege Vereinsleben (1127 Mitglieder hat allein der TSV, wo es seit 2010 die einzige Fußball-Inklusionsmannschaft weit und breit gibt), die praktische Lage von Kinderhaus, Krippe, Schule, Hort und Mehrzweckhalle (alle an einem Ort) und die vielen Einrichtungen für die Jugend (Skateranlage, Beachvolleyball-, Grill- und Spielplatz plus Streuobstwiese).

Offenbar hat Oberpframmern sehr viel mehr zu bieten als nur Pflaumenbäume.