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Heimatpflege mit Hindernissen:Bauer sucht Baurecht

Minister Hans Reichhart (weißes Hemd) am Donnerstagnachmittag vor dem Kramerhof der Familie Haimmerer in Anzing.

(Foto: Christian Endt)

In Anzing hat eine Landwirtsfamilie ihren alten Hof zu einer Wohnanlage für zwölf Parteien umgebaut. Bei einem Besuch des bayerischen Bauministers Hans Reichhart wird deutlich, dass die Gesetzeslage dabei hinderlich ist

Früher befand sich hier die Scheune mit den roten Ziegelmauern. Wer durchs Tor trat, konnte zum Heuboden hinaufschauen und eine Tür öffnen, die direkt in den Kuhstall führte. Sehr wahrscheinlich roch es damals anders als jetzt. An diesem Nachmittag, an dem die Bauersleute ihren alten Hof in neuem Gewand präsentieren. Die Haimmerers haben ihren Bauernhof zu einem Mietshaus umgebaut. Mit dem Ziel, den traditionellen Hofcharakter zu erhalten. Deswegen erinnern die Haupteingänge mit den Metallscharnieren an Scheunentore, deswegen haben sie die hundert Jahre alten Ziegel neu verputzt und an einer Wand wieder eingesetzt. Der Heugeruch ist verschwunden, doch der Stallgeruch ist irgendwie noch da.

Der Kramerhof in Anzing ist so etwas wie eine Vorzeige-Immobilie, wenn es darum geht, aus alten Bauernhäusern neuen Wohnraum zu schaffen - und zwar so, dass es auch ins Dorfbild passt. Beim Besuch des bayerischen Bauministers Hans Reichhart (CSU) am Donnerstag in Anzing wird deutlich, dass das Projekt der Familie Haimmerer etwas Besonderes ist. "Wenn man den Charakter von Ortschaften behalten will, muss man es so machen", sagt Reichhart in einer kurzen Ansprache. Dann folgen Einblicke, wie schwierig dieses Unterfangen in der Praxis für Landwirte in aller Regel ist.

Wie es anderen Landwirten mit ihren Projekten ergeht, wird nach dem Hofbesuch bei einer offenen Fragestunde mit dem Minister in Furtis Café deutlich. Um die 25 Gäste sind hier zusammen gekommen, unter ihnen mehrere Landwirte.

Einer von ihnen ist Martin Kandler aus Anzing, einer, den viele im Ort kennen, er ist ein Mann deutlicher Worte und wendet sich im Plenum direkt an den Minister. Wenn man davon ausgeht, so Kandler, dass man günstigen Wohnraum ohne weitere Versiegelung schaffen wolle: Warum kann man dann in seinen alten Hof nicht sozialverträgliche Wohnungen reinbauen?, so Kandler. Er habe dies versucht, er biete Mietwohnungen in seinem Bauernhof zu zehn Euro pro Quadratmeter, also durchaus günstig im Münchner Speckgürtel. "Und das Finanzamt teilt mir dann mit, ich muss mehr verlangen." Sein Fazit: "Da läuft doch was verkehrt bei uns."

Sein Problem - und damit steht er nicht alleine da im Großraum München: Er vermietet seine Wohnungen zu günstig. Zwar offenbar zu fairen Preisen, aber viel zu billig im Wohnungs-Hotspot rund um München. Und viel zu günstig gemessen am Mietspiegel, der für die Höhe der Steuern herangezogen wird - dadurch geht dem Staat Geld verloren. Die Folge, und das habe auch er zu spüren bekommen, so Kandler: Das Finanzamt holt sich diese Mindereinnahmen auf anderem Wege vom Vermieter zurück. In Anzing geht es als um die Frage, welches Interesse mehr wiegt: Das vom Finanzamt? Oder von Bürgern, die auf günstigen Wohnraum hoffen?

Antworten gibt es vom Minister in Anzing, allerdings keine, die Kandler und anderen Bauern mit ähnlichen Interessen sonderlich freuen dürften. Hans Reichhart erklärt, dass er die Ansicht des Landwirts teile und bereits Versuche gestartet habe, etwa über den Bundesrat. Das Problem dabei, so schildert es Reichhart: "Die anderen Bundesländer blocken da komplett ab". Sobald ein Projekt mehr als drei Wohneinheiten hat, wird es also schwierig. Wie realistisch Änderungen sind, so die Frage. Reichart: "Ich komme da gerade nicht voran."

Welche Folgen das hat, ist nicht nur im Landkreis Ebersberg zu sehen. Alte Bauernhäuser verfallen entweder und sind gar nicht mehr bewohnbar - oder sie werden verkauft, abgerissen und durch Neubauten ersetzt, die in einen bäuerlichen Dorfkern in etwa so gut hineinpassen, wie ein Elefant in einen Kuhstall. Um das zu verhindern braucht man nach derzeitiger Rechtslage gute Nerven - und so manch anderes Hilfsmittel.

Daran, wie die Familie Haimmerer ihren Kramerhof umgebaut hat, lässt sich erkennen, wie es funktionieren kann. Bäuerin Veronika Haimmerer erzählt, wie die ganze Familie beim Umbau mit angepackt hat, von den Großeltern bis zu den Kindern. "Das Traditionelle ist uns allen wichtig", sagt Veronika Haimmerer. Ein Teil des Hofs ist im Jahr 1896 gebaut worden, die erste Erwähnung der Bauersfamilie stammt aus dem Jahr 1750, wie Bauer Bernhard Haimmerer erzählt. Und natürlich kommt ein zweiter sehr wichtiger Faktor hinzu: Die Finanzierung.

Landwirt Bernhard Haimmerer steht jetzt mit seiner Architektin beisammen, Regina Gaigl, in München ansässig, mit vielen Aufträgen in der Region - sie hat eine eigens angefertigte Broschüre ihres Architektenbüros dabei. "Wohnen im Kramerhof" steht darauf, Fotos von den insgesamt zwölf Mietwohnungen im umgebauten Bauernhof. Wie viel Geld die Landwirtsfamilie in dieses Projekt investiert hat? Eine Zahl wollen beide nicht nennen, weder der Landwirt noch die Architektin. Nur so viel: "Es war eine siebenstellige Summe."